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In der Tat hätte das rechts abgebildete Ansichtskartenmotiv thematisch sehr gut hier gepasst, als es vor wenigen Monaten um das Haus Ostpromenade 2 ging. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich jedoch dieses Stück noch nicht einmal ansatzweise, so daß es erst heute zum Einsatz kommt. Und das nicht ohne Grund, denn die Abbildung passt sehr gut zum Thema der Woche: die Senftenberger Molkerei-Genossenschaft im Allgemeinen und die Milchtrinkhalle an der Kreuzung Bahnhofstraße - Wiesenstraße im Besonderen.

Der Senftenberger Anzeiger berichtete im Oktober 1926:

- Senftenberg, 9. Okt. Nun wird morgen die neuerbaute Milchtrinkhalle der Senftenberger Molkereigenossenschaft an der Ecke Wiesenstraße - Bahnhofstraße endlich eröffnet. Man kann sagen: Was lange währt, wird endlich gut; denn die Molkereigenossenschaft hatte die Genehmigung zur Errichtung der Halle bereits im Juni 1925, also vor über einem Jahr beantragt. Der Neubau gereicht, wovon sich jeder schon überzeugt hat, baulich dem Stadtbild durchaus zur Zierde. Der Bau lag in den bewährten Händen der Firma Pusch, Baugesellschaft. An der Bauausführung waren folgende Firmen beteiligt: Robert Altmann (Fritz Sprenger), Tischlermeister Wilh. Dubrau, Malermeister Alfred Wendt, Dekorateur Otto Altmann, Glasermeister Gustav Raatz, Nationale Elektrizitätsgesellschaft, Niederlausitzer Wasserwerksgesellschaft, Gas- und Elektrizitätswerk Senftenberg, Schmiedemeister Hermann Ziethe. Wenn nun noch die durch Gärtnereibesitzer Rudolf Neumann begonnene Bepflanzung die Milchtrinkhalle geschmackvoll umrahmen und das von der Firma Kaiser umgepflasterte Bürgersteigpflaster fertiggestellt sein wird, dann wird sich die Milch-Trinkhalle der Oeffentlichkeit in dem Gewande vorstellen, das für die Hauptverkehrsstraße der Stadt angemessen ist. Es war nicht leicht, die Aufgabe, auf engem Raume möglichst viel Schönes und Praktisches zu vereinigen, zu lösen. Aber man kann sagen, daß die Wünsche des Bauherrn und des Architekten Erich Hausmann, Grube Marga, fast restlos erfüllt sind.
Das Innere der Milchhalle enthält außer einem zweckentsprechenden Kellergeschoß, einem kleinen Arbeitsraum, eine allen hygienischen Anforderungen in weitem Maße entsprechende, moderne Verkaufseinrichtung und einen stimmungsvollen Trinkraum, in dem auf bequemen Sitzgelegenheiten an zierlichen runden Marmortischen gleichzeitig 15 Personen Platz finden können. Wie schön muß die Milch schmecken, wenn man sie in einem Raume trinkt, der durch die mit Delfter Malerei hervorgerufene Farbwirkung zum behaglichen Genießen und Verweilen einlädt.
Wünschen wir der Senftenberger Molkereigenossenschaft, daß die Bevölkerung von der ihr nunmehr gebotenen Gelegenheit, Milch, "flüssiges Fleisch", in hervorragender Güte und zu billigem Preise zu genießen, recht häufigen Gebrauch machen wird.

Die Schwierigkeiten des Baus, die in obigem Zeitungsbericht nur leicht anklingen, werden in einem anderen Schriftstück unter dem Titel "Die Vorgeschichte und die Entwicklung der Milch-Trink-Halle" ungemein deutlich zur Sprache gebracht. Dieser Bericht, verfasst im Namen der Senftenberger Molkereigenossenschaft, wurde im August 1926 in einer Zinkrolle unter der Eingangsplatte der Milchtrinkhalle in den Boden versenkt.

Ein volles Jahr, über 12 Monate ist es her, lange bevor die Bestrebungen zur Steigerung des Milchverbrauchs in Deutschland einsetzten und der "Reichsausschuß zur Hebung des Milchverbrauchs" gegründet wurde, nämlich bereits im Juni 1925 faßten wir den Entschluß, in der Mitte der Stadt Senftenberg N/L. eine Milchhalle zu errichten.
Wir wählten dazu die Ecke Bahnhof- und Wiesenstraße und erreichten nach längeren Verhandlungen mit dem Besitzer des Eckgrundstückes, Herrn Oberpostsecretär a.D. N., daß dieser sich bereit erklärte, uns das fragliche Grundstück zu verpachten oder zu verkaufen.
Am 22. Juli 1925 reichten wir bei dem Magistrat der Stadt Senftenberg ein Gesuch "um Genehmigung zur Errichtung einer Milchtrinkhalle" ein.
Die Stadt erklärte sich bereit, "... falls die geplante Halle einige Meter zurückgesetzt würde und Herr N. der Stadt die dadurch anfallenden ca. 75 qm zur Verbreiterung der Straße gratis überlassen würde ...". Da Herr N. keine Veranlassung sah und demzufolge nicht gewillt war, der Stadt den überwiegenden Teils seines Grundstückes zu schenken, entwickelte sich nunmehr ein monatelanger Kampf!
Schließlich wollte die Stadt die Genehmigung zum Aufbau der Milchhalle nur dann geben, falls N. ihr, der Stadt, das Grundstück verkaufen würde und sie dasselbe an uns weiterverpachten könne.
Um überhaupt zum Ziele zu kommen, blieb uns nichts anderes übrig, als auf diese Forderung einzugehen. Leider ließ sich Herr N. beim Vertragsabschluß überreden, davon Abstand zu nehmen, zu fordern, daß in den Vertrag die Bestimmung aufgenommen würde: "... daß die Ecke nur zum Zwecke der Errichtung einer Milchhalle durch die Senftenberger Molkerei-Genossenschaft an die Stadt verkauft würde und der Molkerei nur eine Pacht in der Höhe der Verzinsung des Anlagekapitals abgefordert werden dürfe."
Leider, denn als nunmehr, nach Vertragsabschluß des Herrn N. mit der Stadt, die Genossenschaft um die Genehmigung zur Aufstellung einer Milchhalle bat, machte die Stadt bzw. immer der Magistrat (in dem persönliche und sachliche Gegner der Landwirtschaft und des Bauvorhabens saßen) erneute und anhaltende Schwierigkeiten.
Zuerst versuchte man, uns einen Architekten aufzudrängen, der dem Baudezernenten genehm war... Dann beengte man uns so im Raum, daß die Herstellungskosten kaum mehr im Verhältnis zur Ausnützungsmöglichkeit gestanden hätten...
Darauf forderte man eine hohe Pacht, um zu erreichen, daß wir zu Gunsten eines Magistratinteressenten von unserer Bauabsicht zurücktreten sollten. Schließlich versuchte man, uns eine Gesamtpachtzeit von 5-10 Jahren aufzudrängen - und als auch dies an unserem Widerstand scheiterte, wollte man uns zwingen, in der neu zu errichtenden Milchhalle nur Milch zu verkaufen.

Es bedurfte großer Kämpfe persönlicher, mündlicher und schriftlicher Stellungnahme des Herrn Hiltl gegen den Magistrat und persönlich Interessierter, Zeitungshinweise und Einwirkung auf die dem Magistrat übergeordnete Stadtverordnetenversammlung, bis es nach monatelangem Hin und Her endlich im März 1926 gelang, die Genehmigung zur Errichtung der geplanten Milchhalle zu bekommen, mit der Maßgabe, daß in derselben jedoch nur Milch und Milchprodukte feilgehalten werden dürfen. Am 26. April 1926 wurde uns nach andauernden besonderen Schwierigkeiten der vollzogene Pachtvertrag übermittelt. Nunmehr entwickelte sich ein neuer Kampf um die genaue Größe des Baues und des Platzes, den genauen Bauplan und die genaue Aufstellung usw. usw.

Am 17. Mai 1926 versagte der Magistrat erneut die Baugenehmigung, weil der vorgelegte Bauplan "zu modern" sei und "der Eigenart der Baustelle" zu wenig Rechnung tragen würde.
Inzwischen erhob der Grenznachbar, scharf gemacht durch seinen Schwiegersohn, der Architekt ist und gehofft hatte, mit der Bauausführung betraut zu werden, Beschwerde und erreichte, daß uns der Magistrat zwang, das vorher geplante um ca. 70 cm überstehende Dachgesims zu streichen. Auch die Hausecken mußten auf Veranlassung des Magistrats abgerundet werden, um mehr Platz für den Fußgängersteig zu gewinnen...
Da auch infolge des Protestes des Grenznachbarn der Kellereingang nicht über die Ecke des Hauses gelegt werden konnte, ergab sich eine Verlegung des Kellereingangs und des darüber befindlichen Eingangs zur Spülküche. Im Übrigen brachten diese Änderungen der Innenausnützung zwar eine entsprechende Raumverkleinerung, aber sonst keine wesentliche Änderung.
Dem nunmehrigen Genehmigungswillen der Baupolizei stand aber nun noch gegenüber der erneute Einspruch des Grenznachbarn auf einen 4-6 Meter breiten Hausabstand! Hätte dieser Einspruch Erfolg gehabt, wäre nach der sonstigen Einstellung des Magistrats die Errichtung der Milchhalle an dieser Stelle unmöglich gewesen.
Wir erhoben daher Einspruch bei der Regierung in Frankfurt/Oder und erreichten nach mehrmaliger Verhandlung mit dem betreffenden Dezernenten, daß der Widerspruch des Nachbarn gegen Ende Juni endgültig abgewiesen und uns die Errichtung in ca. 3 Meter Abstand von dem Nachbarhaus genehmigt wurde.
Am 2. Juli 1926 erteilte uns dann die hiesige Baupolizei endgültig die erforderliche Baugenehmigung.
Um dieselbe Zeit wurde bekannt, daß einige ganz tüchtige Mitbürger und zwar die Nachbarn Fotograf K., Tiefbauunternehmer B. und Tischlermeister Th. in einer schriftlichen Eingabe bei der Regierung gegen die Errichtung der Halle Stellung nahmen, weil solche ... ihnen die Aussicht versperre usw. ...
Sofort nach der endgültigen Baugenehmigung erteilten wir nach rechtzeitig vorher erfolgter Einholung von Kostenanschlägen bei drei hiesigen Baufirmen der Firma A. Pusch Baugesellschaft den Auftrag, den Bau der Milchhalle sofort in Angriff zu nehmen.
Man könnte ein Buch schreiben über die Vorgänge bis zur Errichtung der Milchhalle. Man kann sich keine Vorstellung machen davon, mit welchen Mitteln, mit wieviel Unverstand, Konkurrenzneid, politischer Feindschaft und anderen Beweggründen die Errichtung der Milchhalle über ein Jahr lang bekämpft wurde. Und das alles in einer Zeit, wo der "Ruf nach Milch" mehr und mehr populär wurde, wo man anderwärts auf Stadt- und Staatskosten oder unter Hergabe von billigem Geld an Molkereien und Milchhandelsunternehmen die Fachkreise zur Errichtung von Milchtrinkhallen ermunterte.

Aller Widerstand war jedoch letzten Endes nutzlos. Wir haben unseren Willen durchgesetzt und der Bau geht zur Stunde rüstig vorwärts.
Am Samstag, dem 14. August 1926, konnten wir bereits "richten" und nach der Niederlegung dieses Berichtes in einer Zinkrolle unter die Eingangsplatte der Milchhalle wird am Donnerstag , dem 2. September 1926, der Fußboden gestampft und mit dem Verputzen begonnen. Wir hoffen, am 1. Oktober 1926 die Halle endgültig in Betrieb nehmen zu können.
Dieselbe dürfte ca. 10 Tausend RM zu errichten kosten und soll dienen, nicht allein als Milchtrinkhalle, sondern auch als Verkaufsstelle für Milch- und Milchprodukte.
Wir glauben Ursache zu haben, der Rentabilität der Sache mit Zuversicht entgegensehen zu können. Die Akten über die Vorgänge und die Genehmigung zur Errichtung der Trinkhalle werden im Archiv der Molkerei aufbewahrt.
Wir hoffen, daß die in der Durchführung begriffenen Maßnahmen zur Hebung des Milchumsatzes der Senftenberger Molkerei-Genossenschaft mehr und mehr zu Gute kommen und zum Wiederaufbau eines naturgemäß unter den Einwirkungen des Krieges, der Zwangswirtschaft und der Inflationszeit gelittenen Betriebes beitragen.
DAS WALLTE GOTT!

Senftenberg (Lausitz) im Monat August 1926

Und mit einem donnernden DAS WALLTE GOTT! endet dieser Bericht in welchem nach allen Seiten ausgeteilt und "Roß und Reiter" benannt wurde. Da war der Verfasser der Zeilen wohl ordentlich "geladen"... Ich bin momentan nicht im Bilde ob die Anonymisierung der Widersacher bereits im Original oder erst in einer späteren Abschrift (ich habe den Text den "Heimatkundlichen Blättern" des Museums Senftenberg entnommen) erfolgte. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich die vollen Namen nicht nachliefern würde.
Also: ich kaufe ein "A" und möchte lösen!

Wilhelm Neuendorf, Oberpostassistent a.D., Bahnhofstraße 11a
Rudolf Käding, Fotograf, Promenade 2
Emil Bomke, Tiefbauunternehmer, Wiesenstraße 1a
Werner Thamhayn, Baugeschäft, Promenade 2

Senftenberg
Postkartenverlag Kurt Bellach,
Guben N.-L. Nr. 30201
Echte Photographie
Aufnahme <= 1931
Sammlung Matthias Gleisner

Senftenberg

Verlag Wilhelm Brückner,
Senftenberg-L., Bahnhofstr.27
d 56
Aufnahme <= 1930
Sammlung Fred Förster

Senftenberg

Otto Enke, Cottbus
Aufnahme <= 1907
Sammlung Fred Förster


Was die drei Ansichtskarten für heute betrifft, wurden diese, wie schon angedeutet, aus thematischen Gründen zusammengestellt.
Während die ersten beiden vom Ende der 1920er/ Anfang 1930er stammend, wenn auch nicht im Detail bekannt, so doch irgendwie vertraut sein dürften, haben wir es bei Exemplar Nummer 3 schon mit einem echten "Schmankerl" zu tun.
Finde ich zumindest!
Abgebildet ist das Molkereigebäude in der Spremberger Straße, welches heute zwar keine Molkerei mehr beherbergt, in den Grundzügen aber noch so aussieht wie anno 1907. Die Rampe im Hintergrund existiert jedoch nicht mehr.

Auch das Faksimile mit dem Fuhrwerk vor der Milchtrinkhalle entstammt im Original einer Fotografie. Der Verbleib dieser ist leider bis dato unbekannt.

Derartige Milchwagen, sowie das Molkereigebäude in der Spremberger Straße spielen weiter unten noch eine (bewegte) Rolle...

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