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Ein untergehendes Dorf.

von H.Glienke (aus: Senftenberger Anzeiger - Mai 1926)

"Der Mensch vergeht, die Erde besteht!" - unsern alten deutschen Bauern ist das Wort ein Trost gewesen. Wie reich seid Ihr, bei denen es auch heute noch ganze Wahrheit ist. Die gelben Berge aber unserer Heimat künden, daß wir wohl reich geworden an Kultur, doch mit dem schwersten Opfer muß so mancher diesen Fortschritt auch bezahlen: die Heimat muß er opfern mit ihren tief zum Herzen sprechenden Denkmalen, die ihn mit seinen Ahnen und mit der Scholle eng verbanden.
Rauno, mit seinen Häusern, Wegen und Winkeln, wird als erstes Dorf dem Bergbau in diesem Jahre noch zum Opfer fallen. Schon grinsen leere Räume im Süden der Dorfstraße, als raunten sie: Das End' ist da, genieße, was noch zu genießen ist!
Doch nicht was an der Oberfläche schwimmt, soll uns den Sinn gefangen nehmen, nein, wandern wollen wir ein Stück zurück ind er Geschichte bis dahin, wo durch Senftenberg die Post gemütlich ihre Straße zog, wo in stiller Maien-Nacht der Schwager Postillon dem Freunde auf dem Friedhof ein Ständchen treuen Gedenkens blies.
Kaum hundertfünzig Menschen zählte damals unser Dörfchen. Weltverloren lag es in einer flachen Mulde von Höhen eingeschlossen, die der Bauer Jahrhunderte hindurch mit seinem Schweiß gedüngt. Von Heiden eingerahmt, so war das Ganze eine Welt für sich. Und eine solche, die der Romantik nicht entbehrte. Die breite Straße durch das Dorf nach Osten hin begleitete ein Graben, der gewöhnlich herzlich wenig Wasser führte, der aber doch zu seiner Zeit den Menschen Schrecken bringen konnte; 1833 - das Jahr hat sich tief in den Gemütern eingegraben, denn eine Ueberschwemmung suchte unser Dörfchen heim, daß nur die Dächer aus den Fluten noch herüberragten, der Hausrat in den Stuben schwamm, das Vieh in größter Eile auf die Höhe getrieben werden mußte.
Uralte Birnenbäume, deren Jugendzeit wohl in den dreißigjährigen Krieg noch fiel, beschatteten in langer Reihe bis zu den letzten Häusern dieses Bächlein, das traumverloren wieder unter Busch und Gras sein Tröpflein Wasser zu noch vielen anderen führte, die aber soviel schon gleich hinterm Dorfesende waren, daß sie 'ne Mühle und nicht weit davon noch eine zweite, dritte, vierte treiben konnten. Da, wo der Graben unser Dorf verließ, begann das "Büschchen". Es war ein Wäldchen. Was die gemeinde an gesell'gen Freuden sich bereitete, engverknüpft sind sie in der Erinnerung mit diesem Namen. Ach könnten wir noch heute unter mächt'gen Birken im herrlich-frischen Waldesdom und ohne Kohlenstaub so feiern, wie die Alten konnten! Ihr Jungen aber weckt doch Sehnsucht in Euch nach Feierstunden in Gottes freier, schöner, großer Welt!

Der Kunowar, die Pferdeweide, lag im Westen der Dorfaue. In ruhigen und friedvollen Zeiten mußt' er der Pflege ganz entbehren. Die Jugend holte sich aus ihm Moosbeeren, der Sonnentau führt im Verborgenen sein wundersames Dasein. Doch wüteten in unsrer Heimat Kriegsstürme, war er zum sichern Zufluchtsort für Mensch und Tier.

Von all dem durch Jahrtausende Gewordenen ist heut noch wenig übrig. Wie 'ne Oase liegt das Dorf inmitten toter Kippen. Wird man zu Anfang nächsten Jahres aber nach ihm suchen, so wird kaum ein vergessnes Mauerwerk noch von ihm künden, vielleicht gähnt schon statt seiner nur ein großes Loch, aus dem moderne Schätze ausgehoben werden. Nur sein Name wird durch Rauno-Flur und Grube Bertha bleiben, die als Restgemeinden fortbestehen werden.
Was ist der Sinn der Zeit? Das Alte, das in langem Werden sich gebildet, gering zu achten, und nur den Augenblick, den flügelnder Verstand verführerisch bereitet, der bessern Zukunft hoffend, zu genießen?
O, Mensch, werd' stark zu prüfen und zu überwinden!

Mit diesem wehmütigen Text von Hermann Glienke, einem der vier zu diesem Zeitpunkt tätigen Lehrer in Rauno, wurde das Ende des Dorfes auch medial eingeläutet... Fast gleichzeitig erschienen Ende Mai 1926 auch die "Heimatserinnerungen" desselben Autors in Form eines 60 Seiten-starken Büchleins. Die Gemeinde informierte hierzu via Senftenberger Anzeiger:

- Rauno, 22.Mai. In unserem Gemeindebüro ist während der Dienststunden das Werk "Heimatserinnerungen", der Gemeinde gewidmet im Jahre des Dorfabbruchs 1926, zum Preise von 50 Pfg. erhältlich. Das Bändchen ist für alle wegziehenden und auch für die Daheimbleibenden eine liebe, traute Heimaterinnerung. Die starke Nachfrage beweist das große Interesse, welches man dem Werk entgegenbringt, das von Lehrer H.Glienke, Rauno bearbeitet worden ist.

Vorangekündigt wurde die Erstellung des Büchleins, das in 17 Kapiteln u.a. über die verschiedenen Vereine, sowie über die Geschichte Raunos und besondere Ereignisse berichtet, bereits im Januar des Jahres. Die Anregung zur Erinnerung an den Ort Rauno, eine Chronik anfertigen zu lassen, die den Familien ein bleibendes Andenken an ihren Heimatsort sein soll wurde von einigen Einwohnern Raunos an den Gemeindevorsteher herangetragen. Lehrer Glienke, der die Bearbeitung übernommen hat, teilte mit, daß er in ungefähr 4 Wochen die Arbeit als Manuskript der Gemeindevertretung vorlegen könne. Man will dann zu entgültigem Entschluß darüber kommen. Wir halten diese Pflege des Heimatgedankens für außerordentlich wünschenswert. Gewiß ist heute mindestens ein Drittel der Einwohner Raunos erst nach dem Kriege zugewandert. Aber für die Kinder ist der Ort doch inzwischen die Heimat geworden und sie werden sicher lebhaft begrüßen, über die bewegte Vergangenheit des Ortes aus dem Büchlein etwas zu erfahren.

Die Broschüre, die man vor 90 Jahren für schlappe 50 Pfennige käuflich erwerben konnte, kostet heute bedeutend mehr. Denn nur äußerst selten taucht ein Original auf dem Markt auf. Ich selbst konnte unlängst ein solches, wenn auch reichlich stockfleckiges, Stück für vergleichsweise moderate 25 Euro ergattern.

Warum erzähle ich das alles?
Als Vorbereitung für die drei nachfolgenden Abbildungen. Diese erschienen nämlich exklusiv in diesem Buch und wurden seitdem bis in die jüngste Zeit immer mal wieder in heimatgeschichtlichen Publikationen verwendet. Und da möchte ich mich aus mehreren guten Gründen einreihen. 1.) Die Motive hätten gut und gerne auch auf kommerziellen Ansichtskarten erschienen sein können. Sind sie aber nicht! Zumindest nach heutigem Wissensstand. 2.) Die Reproduktionen in den "Heimatserinnerungen" erfolgten in relativ hoher Qualität... auf stärkerem Karton gedruckt und bis auf zwei sogar leicht größer als Ansichtskarten der damaligen Zeit. 3.) Da wir höchstwahrscheinlich auch keine Vorlagen, also eine Generation vor dem Buchdruck, finden werden und die Produktion durchaus Ansichtskarten-Standard besitzt, sehe ich keinen Hinderungsgrund die drei folgenden Motive heute in das digitale Archiv aufzunehmen.
Zwei weitere Abbildungen aus dem Büchlein hebe ich mir für später auf, da ich sie ggf. mit einer individuellen Geschichte verknüpfen kann.

Heimatserinnerungen
Der Gemeinde gewidmet
im Jahre des Dorfabbruches
1926
Bearbeitet von H.Glienke, Rauno
Druck von Max Schröter, Groß Räschen
1926.
Senftenberg
Aufnahme <= 1926
Sammlung Matthias Gleisner
"Blick in die Dorfstraße"
Senftenberg
Aufnahme <= 1926
Sammlung Matthias Gleisner
"Blick über Rauno von der Nordseite"
Senftenberg
Aufnahme <= 1926
Sammlung Matthias Gleisner
"Blick in die Schulstraße"
Es schien ja bereits mehr als deutlich hindurch, daß wir die Chronik einem eher traurigen Umstand verdanken: dem teilweisen Abbruch von Rauno. Das Dorf wich 1926 als eine der ersten Siedlungen in unmittelbarer Nähe Senftenbergs dem Braunkohlenbergbau. Weitere folgten. Sauo, Sorno-Rosendorf, Sedlitz-West (Anna-Mathilde), Reppist, Bückgen. Und auch "Rest-Rauno" erlitt viele Jahre später das gleiche Schicksal des alten Dorfes, indem es ab 1983 schrittweise durch den Tagebau Meuro in Anspruch genommen wurde.
In besagtem Jahre 1926 betraf es jedoch nicht das gesamte Rauno. Der Senftenberger Anzeiger stellte die Fakten wie folgt richtig:

- Rauno, 12. April. Da die Räumung des Ortes in den nächsten Tagen ihren Anfang nehmen wird, ist es an der Zeit, einem Irrtum entgegenzutreten, auf den man in unserer näheren und weiteren Umgebung immer wieder stößt. Man ist nämlich der Meinung, daß die politische Gemeinde Rauno vollständig von der Landkarte verschwindet. Wie steht es nun damit? Die Gemeinde Rauno besteht aus drei Teilen: Dem Dorf Rauno, der Kolonie Grube Bertha und Rauno-Flur (Weinberge rechts und links der Chaussee, so weit sie nicht zu Senftenberg gehören). Nur das  D o r f  Rauno verfällt dem Abbruch. Die beiden anderen Teile bleiben bestehen.
Bei der letzten Volkszählung hatte die Gemeinde Rauno 1691 Einwohner, von denen im Dorf 953 wohnen. Diese 953 werden mit geringen Ausnahmen auf die Gemeinden Sedlitz, Buchwalde und Koschen verteilt. Der größte Teil wird in Sedlitz angesiedelt. Es verbleiben der Gemeinde Rauno dann aber immer noch 738 Einwohner. Dasselbe Bild ergibt sich, wenn die Zahl der Haushaltungen in Betracht gezogen wird: Augenblicklicher Stand 386 Haushaltungen. Nach Räumung des Dorfes bleiben noch 147 Haushaltungen. Noch günstiger stellt sich die Aufstellung des verbleibenden Restes in Bezug auf die Zahl der Häuser. Gesamtzahl der Häuser bei der letzten Zählung 104, nach dem Abbruch bleiben aber noch über die Hälfte, nämlich 59 Häuser. Es sei an dieser Stelle besonders darauf hingewiesen, daß die Gerüchte von einer Eingemeindung der Grube Bertha nach Sauo und von Rauno-Flur nach Senftenberg nicht auf Wahrheit beruhen.

Abbruch von Rauno
Eine der typischen Bauernwirtschaften, die der Einvernahme Raunos zum Opfer fiel, sehen wir auf rechts abgebildeter Fotopostkarte. Die zugehörige Beschreibung lautet "Gartenstraße in Alt-Rauno - Schurrmanns altes Gehöft". Das müssen wir jetzt einfach einmal so glauben.
Am 3.Juni 1926 meldete der Senftenberger Anzeiger daß die erste Etappe in der Räumung Raunos erreicht ist, und ein großer Teil der leergewordenen Häuser auf der rechten Seite der Dorfstraße schon abgebrochen wird... Der Bagger, der das Zerstörungswerk in Rauno beginnen soll, ist schon auf dem Marsche von der westlich der Chaussee gelegenen Grube nach der Nordostecke Raunos, wo er seine Arbeit beginnen soll. Der von der Gemeinde ausgeführte Bau eines Fünffamilienhauses in den "Weinbergen" schreitet rüstig vorwärts, während mit dem Schulneubau noch nicht begonnen worden ist, sodaß an eine Räumung der alten Schule in diesem Jahre wohl nicht mehr zu denken ist. Wir machen bei dieser Gelegenheit noch einmal auf die "Heimatserinnerungen" von H.Glienke, erhältlich im Gemeindebüro, aufmerksam.
Zweieinhalb Monate später, Mitte August, meldete die gleiche Zeitung: Nachdem in wochenlanger Arbeit alle Vorbereitungen getroffen waren, hat heute morgen der große Bagger sein Zerstörungswerk im östlichen Teile des Dorfes begonnen. In wenigen Wochen wird er sich bis in die Mitte des Dorfes vorgearbeitet haben. Der größte Teil der Häuser dieser Straße sind abgebrochen und die letzten noch verwendbaren Steine werden abgefahren.
Senftenberg
Aufnahme <= 1926
Museen OSL
Ende November 1926 wurde über die Versetzung des Kriegerdenkmals 1870/71 (wahrscheinlich der Gedenkstein, der auf der Abbildung "Blick in die Dorfstraße" rechts zu sehen ist) diskutiert. Das Ehrenmal sollte einen neuen Standort in den Weinbergen erhalten. Dummerweise wurde das Denkmal drei Wochen später beim Fällen der nebenan stehenden Eiche zerschlagen...
Außerdem malte der Senftenberger Anzeiger ein drastisches Bild vom Fortgang der Abrißarbeiten:

- Rauno, 13.November. Immer weiter arbeitet sich der große Bagger vor, besonders, da er jetzt noch durch einen Löffelbagger in seiner Zerstörungsarbeit unterstützt wird. Im nördlichen Teil des Dorfes an der Chaussee stehen die Häuser nur wenige Meter vom Grubenrand entfernt. Für einige Häuser war es höchste Zeit, daß sie geräumt wurden, da sie durch Funkenwurf des Löffelbaggers stark gefährdet waren. Außerdem muß beim Baggern immer mit Rutschungen gerechnet werden. So ist an der Dorfstraße eine Fläche von 30-40 Quadratmetern abgesunken und hat die Bäume eines früheren Gartens dabei mit in die Tiefe gerissen. Es wird jetzt ein dritter Bagger aufmontiert, der dann den zweiten Schnitt beginnen soll. Eine ganze Reihe von Familien, wohl 10-15, werden in der nächsten Woche wieder das Dorf verlassen, das merklich stiller wird. Nur das Kreischen des Baggers und das Pfeifen der Grubenzüge tönt immer lauter durch die stille Herbstluft. Der letzte Rest des Dorfes wird wohl im Spätsommer nächsten Jahres von der Erde verschwunden sein.

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