Filmausschnitt ("Kennziffer 391" ? , 1958/59 ? )

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Dieser, ganze 11 Sekunden lange, Filmschnipsel zeigt uns das Empfangsgebäude und den Vorplatz des Senftenberger Bahnhofs. Zweifellos handelt es sich um eine professionelle Produktion, deren genaue Umstände aktuell aber noch etwas im Halbdunkel liegen.
Die Handlung ist schnell erzählt. Man sieht einen Mann in Reichsbahnuniform, wie er schräg den Bahnhofsvorplatz überquert. Schnitt. Der selbe Mann geht auf eine Holzbaracke zu. Vor dieser steht ein Schild beschriftet mit Investitionsbauleitungen der RbD Cottbus. Erkennbar ist, daß beide Szenen separat aufgenommen wurden. In dem Winkel, in dem die Person in der ersten Szene läuft, hätte man nicht den Eingang der Baracke erreicht. Das abgestellte Motorrad, welches man in beiden Szenen sieht, bestätigt dies. Klassischer Anschlußfehler!

Was die Baracke betrifft, handelte es sich nicht um die, die heute in gemauerter Form noch dort steht. Die Platzierung auf dem Gelände war aber ähnlich. Zur besseren Einordnung nebenstehend ein Foto aus dem Jahr 1955, das (auch) den Eingang besagter Baracke zeigt.

1955 ist auch schon einmal eine gute Ausgangslage, wenn es um die Datierung der Aufnahmen geht. Leider lässt sich aus den kurzen filmischen Szenen nicht wirklich gut ein Entstehungsjahr ermitteln. Dafür hat es die Tonspur in sich. So kurz sie auch ist, vermitteln Duktus des Sprechers und Teile des Inhalts einige Anhaltspunkte, was das für ein Film sein könnte und wann dieser entstand.
1. Ich bin mir sicher, daß wir in dem Film NICHT besagten "Agenten" sehen, sondern daß hier etwas nachgestellt wurde.
2. Der "Agent" Martin Bitterlich existierte anscheinend wirklich.
Die Vergehen, denen sich Bitterlich schuldig machte, wurden in dem Stasi-Progagandafilm "Kühler Kopf, Heisses Herz, Saubere Hände" aus dem Jahr 1967 aufgearbeitet. Diesen Streifen kann man sich hier in Gänze zu Gemüte führen.
Der für uns interessante Part beginnt ca. bei Minute 29. Der obige Filmschnipsel stammt nicht aus diesem Film, wobei sich die Bitterlich-Darsteller (ich gehe davon aus, daß es nicht der echte Bitterlich war) schon sehr ähneln. Möglicherweise fand 1967 eine Zweitverwertung von Filmaufnahmen statt.

Familie Jurk beim Ausflug (1955)
Die ganze Angelegenheit um Martin Bitterlich ist etwas undurchsichtig weil es Hinweise auf das Jahr 1957 gibt, in dem er enttarnt worden sein soll. Hier jedoch im Zusammenhang mt dem VEB Flugzeugwerke Dresden. Diese Verbindung kann ich noch nicht hundertprozentig nachvollziehen. Zwar hatte Bitterlich laut "Kühler Kopf, Heisses Herz, Saubere Hände" Beziehungen zur Segelfliegerei und das in der Umgebung von Kamenz, was im selben Film sogar mit Aufnahmen vom Kamenzer Flugplatz (definitiv bei 31:25 im Film) untermalt wird. Was das aber mit Spionagetätigkeit im Dresdner Flugzeugwerk zu tun hatte, ist mir nicht ganz klar. In jedem Fall soll Bitterlich als Agent des Ostbüros der SPD fungiert haben, was in einem Bericht im "Neuen Deutschland" im Juni 1960 (nochmals?) thematisiert wurde.
Leider habe ich keinen Zugriff auf die archivierten Ausgaben des Neuen Deutschlands um weitere Nachforschungen anzustrengen, die den Schluß zulassen, wann Bitterlich nun tatsächlich aufgeflogen ist. Die nachgestellten Aufnahmen können ja eigentlich nur nach dessen Verhaftung angefertigt worden sein. Und dies sicherlich auch nicht unmittelbar.
Das Stichwort "SPD-Ostbüro" führte mich zu zwei weiteren Stasi-Propagandafilmen... "Agenten im Schatten der Partei" (1957) und "Kennziffer 391" (1959). Beide Streifen liegen mir leider nicht vor, um festzustellen, ob, und wenn ja, in welchem der beiden Filme unsere kurze Senftenberg-Sequenz zum Einsatz kam. Während sich der 1957er Film konkret mit der Wirtschafts- und Militärspionage des SPD-Ostbüros beschäftigt, zeigt der 1959er Streifen Abwerbungs- und Spionagemethoden Westberliner Organisationen (also auch des SPD-Ostbüros).
Meiner Meinung nach ist der Film "Kennziffer 391" der heißere Kandidat, da er nach der Enttarnung Bitterlichs produziert wurde. Das würde auch zum Erscheinungsbild des Bahnhofsvorplatzes passen... der Kinoaufsteller ab spätestens 1960 fehlt hier nämlich.