10.05.2026
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Vor einigen Wochen wurden mir drei Sachen angeboten, die auf den ersten Blick überhaupt nichts Besonderes darstellen.
Das geübte Auge erkannte aber sofort, daß es sich dabei mitnichten um die allseits bekannten Mehrbildkarten aus DDR-Produktion handelt.
Zumindest nicht zu 100 Prozent. Tatsächlich bekam ich drei Vorstufen angeboten. Erkennbar daran, daß auf der bildabgewandten Seite
nicht der erwartete Vordruck enthalten ist. Stattdessen Stempel, Hand- und Maschinengeschriebenes.
Desweiteren kommen die Versionen signifikant schärfer und kontrastreicher daher, was nicht immer ein Vorteil ist. Jedenfalls sind die
einzelnen Motive in ihren Randbereichen nicht so verschwommen wie auf den späteren kommerziellen Produktionen.
Einen der größten Unterschiede erkennen wir auf dem Stück rechts... Für die Verkaufsvariante wurden die Freileitungen auf dem Teilmotiv
unten rechts wegretuschiert! Etwas, das - auch wenn dabei gleich noch ein Schornstein flöten ging - dem Motiv gut tut. Desweiteren zeigen
die beiden rechten Motive einen erkennbar nach rechts erweiterten Bildausschnitt. Die zusätzlichen Bildinformationen enthalten jedoch nichts
besonderes.
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Produktionsvorstufe Bild und Heimat Aufnahme <= 1977 Sammlung Matthias Gleisner
Der Hintergrund zu diesem und auch noch
weiteren solcher "Muster" lautet, daß
diese aus einer Verlagsauflösung stammen.
In Nordhausen gab es bis 1990 einen
Postkartenvertrieb. Dieser wurde dann
irgendwann abgewickelt und die meisten
Karten wurden in riesigen Containern
entsorgt. Eine ehemalige Mitarbeiterin
hat einige Kartons gerettet.
Der Inhalt dieser geretteten Kartons wurde
sehr viel später in den Sammlermarkt "eingeschleust".
Womit ich vor kurzem die Gelegenheit bekam,
besagte drei Stück (leider haben aus meinem
Sammelgebiet nur diese überlebt) für einen
guten Preis zu erwerben.
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So sehr viel schlauer bin ich hinsichtlich des Gesamtprozesses der Ansichtskartenproduktion aber auch nicht geworden. Die erkennbar schlechtere Bildqualität
der Kaufexemplare deutet darauf hin, daß solche "Muster", nachdem sie ggf. nochmals retuschiert worden waren, erneut abfotografiert wurden. Das erklärt auch
eventuelle Unschärfen an den Rändern und zuweilen auch das Fehlen von Bildinformationen an selbigen, die durch "Zooming" zustande kamen. Auf anderes, das
ich mir nicht erklären kann, komme ich bei anderer Gelegenheit noch zu sprechen.
Wichtig für mich: die rückseitige Angabe zum Aufnahmejahr, der ich versucht bin zu folgen und die in einem anderen Fall dazu führt, daß ich mich stark
korrigieren muß... nicht wie gewohnt nach unten, sondern nach oben! Das passiert mir äußerst selten, aber naja.
Weil wir gerade in Sedlitz sind kann ich gleich noch ein paar Sachen abladen, die sich bei mir angesammelt haben. Sie stammen allesamt aus dem Dunstkreis von
Hans Lange, liegen mir entweder als Fotoabzug oder Negativ vor. Der Entstehungszeitraum der Aufnahmen kann auf die zweite Hälfte der 1980er eingegrenzt werden.
Entweder gab Lange selbst das Aufnahmedatum preis oder es lässt sich halbwegs sicher rekonstruieren.
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Ein Foto, zu dem es keine Informationen gab, ist dieses hier rechts.
Natürlich habe ich mich gleich auf die Litfaßsäule konzentriert. An dieser war seinerzeit
ein Werbeplakat für ein Zirkus-Gastspiel angebracht. Sowohl Litfaßsäule als auch Zirkus
sind mittlerweile etwas aus der Mode gekommen.
Letzterer zieht heute nicht mehr ganz so oft durch den Ort. Und wenn, dann
ist er auch kein "Straßenfeger" mehr wie zu meinen Kinderzeiten.
In meiner Erinnerung war jedes Jahr einer der drei Betriebe des Staatszirkus der DDR
(Aeros, Berolina, Busch) in Senftenberg. Diese Erinnerung trügt aber, wie ich bei meinen
Recherchen herausfand.
Obwohl das Aeros-Plakat an der Lifaßsäule starke Hinweise auf 1985 liefert, bin ich
mir nicht sicher, daß unser Foto in jenem Jahr entstand.
Ja, Aeros gastierte 1985 in Senftenberg und Umgebung. Jedoch im September! In Senftenberg konkret
am 11. und 12.. Die Vegetation auf dem Foto sieht mir jedoch eher nach zeitigem Frühjahr aus
und ich gehe nicht davon aus, daß die Plakate ein halbes Jahr vorher geklebt wurden. Plausibler
wäre, daß das Plakat im nachfolgenden Frühjahr 1986 immer noch dort hing. Ungewiß ist auch,
für welchen Gastspielort konkret dort die Werbetrommel gerührt wurde. Immerhin wäre es
möglich, daß Veranstaltungen in Hoyerswerda oder Cottbus auch in Sedlitz angeschlagen wurden.
1986 gastierte Aeros Anfang April in Hoyerswerda, was zu den Bedingungen auf dem Foto
passen könnte. 1987 schlug der Zirkus sein Zelt in Senftenberg zwischen dem 17. und
19. April auf. Das könnte ebenfalls hinkommen. Auch wenn die Plakatgestaltung etwas veraltet gewesen
wäre. 1988 und 1989 gastierte Aeros ausschließlich in der Sowjetunion und alles nachfolgende spielt
ohnehin keine Rolle für die Datierung.
Für das Protokoll: zwischen 1981 und 1984 gastierte Aeros nicht in unserer Gegend. Entweder
war es im April 1980 (wahrscheinlich nicht!) oder im September 1976 (sehr wahrscheinlich!), daß
ich persönlich einer Vorstellung beiwohnte. Das muß dann auf dem "Kellermann-Platz" gewesen sein.
Wie geschrieben: Litfaßsäulen sind hierzulande nicht mehr so oft im Gebrauch. Deshalb finde ich
das nächste Foto (datiert auf 1986) bemerkenswert. Entweder befanden sich in Sedlitz derer zwei oder
man räumte die eine auch mal gerne um...
Aufnahme = 1986 Sammlung Uwe Jähnert
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Aufnahme <= 1987 Sammlung Uwe Jähnert
Original-Plakat mit '85-Signatur
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Ein "1986" wurde auch für die zwei letzten Fotos überliefert. Beide zeigen die Sedlitzer Schule. Das Gebäude - Ostern 1930 eingeweiht - stellt
sich heute äußerlich kaum verändert dar. Abgesehen von ein paar zusätzlichen Dachfenstern. Die Nutzung hat sich hingegen etwas verändert.
Das letzte Schuljahr war das von 1997/98. Danach wurde wegen fehlender Schüler der Grundschulbetrieb eingestellt. Ob die Schule zu diesem Zeitpunkt noch
den Namen "Otto Müller" trug, wie man ihn auf dem linken Foto an diesem Gedenkstein auf der Fläche vor der Schule erkennen kann, entzieht sich
meiner Kenntnis. Zu DDR-Zeiten handelte es sich immerhin um eine "POS", danach sehr bald nur noch um eine Grundschule.
Aufnahme = 1986 Sammlung Uwe Jähnert
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Laut Sedlitzer Chronik erhielt die Schule im Jahr 1979
diesen Ehrennamen. "Otto Müllers" gab es bestimmt viele.
Und einige davon waren sogar Widerstandskämpfer in der
Zeit zwischen 1933 und 1945. In Weißenfels eistierte einst
eine "Otto-Müller-Kampfbahn" in Erinnerung an einen lokalen
kommunistischen Arbeitersportler, der 1944 ermordet wurde.
Außerdem gab es auch noch den katholischen Priester Otto Müller,
der im September 1944 im Zusammenhang mit dem Hitler-Attentat
verhaftet und inhaftiert wurde. Er starb am 12. Oktober 1944
im Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin.
Diese beiden Otto Müllers sind jedoch nicht gemeint, wobei
der Prälat Otto Müller und "unser" Otto Müller eine Gemeinsamkeit
haben:
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Aufnahme = 1986 Sammlung Uwe Jähnert
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Für beide wurde ein sogenannter "Stolperstein" verlegt. Für den einen in Köln und für den anderen in Hörlitz vor dem Haus Nr.5 in der nach
ihm benannten Otto-Müller-Straße.
Die einzigen Informationen zum Senftenberger Otto Müller sind sehr spärlich und erinnern vom Duktus her an ein DDR-Geschichtslehrbuch der 7. Klasse...

Otto Müller wurde am 9. Juli 1893 in Senftenberg geboren. Er entstammte einer Arbeiterfamilie und wurde Gießer, spezialisiert auf Grauguss.
Müller engagierte sich in der Gewerkschaft. Er war überzeugter Kommunist und wurde leitender Funktionär der Ortsgruppe Senftenberg der KPD,
der vor den kriegstreiberischen Absichten der Nationalsozialisten warnte. Des Weiteren setzte Otto Müller sich für die Einheitsfront mit allen
anderen Links-Gruppierungen ein und leitet nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 die Widerstandsarbeit im Lausitzer Braunkohlerevier.
Zu den Flugschriften, die er zur Verteilung brachte zählten "Görings Hungerplan" und "Pestgestank über Deutschland".
Am 27. Juni 1934 wurde er verhaftet, es folgten brutale Verhöre, in denen er standhaft blieb und keine Namen nannte. Doch verließ ihn die Hoffnung.
Otto Müller nahm sich am 21. oder 31. Oktober 1934 das Leben. Eine letzte Nachricht an seine Frau und sein Kind waren in der Kleidung versteckt:
„Liebe Marie, liebes Klärchen! Seid mir bitte nicht böse, ich kann nicht anders. Liebe Grüße, Euer Papa“
Die Straße, in der er wohnte, trägt heute seinen Namen.
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Der Gedenkstein vor dem Schulgebäude existiert heute nicht mehr und das Haus selbst beherbergt seit 1997 eine Abteilung des "Oberstufenzentrum Lausitz".
Im Zusammenhang mit dem Gedenkstein finde ich die (Um-)Nutzung zweier DDR-Standard-Papierkörbe durchaus interessant...
aus: "Sedlitz - Geschichte unseres Heimatdorfes" (Quelle: M.Beythan)
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