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Auszug aus dem Buch
"Wir sind die Niederlausitz - Chronik ihrer 18 Städte"
1945: Geschichte kompakt – Ostflüchtlinge und Vertriebenenintegration
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte in der Sowjetischen Besatzungszone eine der größten Bevölkerungsbewegungen der deutschen Geschichte ein. Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, aus dem Sudetenland sowie aus weiteren Siedlungsräumen Ostmittel- und Osteuropas suchten Schutz und eine neue Existenz.
Auf Grundlage einer Verfügung des Umsiedleramtes Brandenburg vom 13. Mai 1946 wurde beschlossen, im Land Brandenburg systematisch Vertriebenenlager einzurichten. In der Niederlausitz bestanden unter anderem folgende Lager (Kapazitäten nach zeitgenössischen Verwaltungsangaben):
• Luckenwalde (Lager Luckenwalde): ca. 1.200 Personen
• Luckau / Finsterwalde: ca. 2.400 Personen
• Spremberg (Lager Spremberg): ca. 1.500 Personen
• Forst (Stadt): ca. 2.500 Personen
Diese Lager dienten als erste Notunterkünfte für Menschen, die oftmals nach Flucht, Vertreibung und Gewalt völlig entkräftet ankamen.
Eingliederung von Vertriebenen (1945–1950)
Bis etwa 1950 erfolgte die schrittweise Eingemeindung der Vertriebenen in Landgemeinden und Städte der neu gebildeten Landkreise. Für ausgewählte Kreise ergeben sich folgende Zahlen sogenannter Neubürger:
• Cottbus: 57.259
• Luckenwalde: 27.159
• Luckau: 30.038
• Lübben: 23.754
• Senftenberg: 26.339
• Spremberg: 9.280
Für die Niederlausitz insgesamt ergibt sich damit ein Zuzug von 128.009 Neubürgern seit 1945.
Bezogen auf die Bevölkerung der frühen 1950er Jahre entspricht dies rund 27 % der Einwohner.
Landesweit fanden in Brandenburg etwa 666.860 deutsche Flüchtlinge und Vertriebene eine neue Heimat.
Nach anderen zeitgenössischen und historischen Untersuchungen bestand die
Bevölkerung Brandenburgs zu bis zu einem Drittel aus Flüchtlingen, Vertriebenen
und deren Nachfahren.
Zwischen 1945 und Anfang der 1950er Jahre gelangten über 700.000 Menschen in die damalige
(Rest-)Provinz beziehungsweise ab 1947 das Land Brandenburg.
In zahlreichen Gemeinden stellte diese Gruppe ein Viertel, ein Drittel, teilweise sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung. (nach P. Bahl)
Guben – ein Sonderfall
Besonders dramatisch gestaltete sich die Lage in Guben, dessen historisches Stadtzentrum
östlich der Neiße lag.
Die sogenannte „Wilde Vertreibung“ führte hier dazu, dass in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1945
die gesamte deutsche Bevölkerung des Ostteils der Stadt über einen notdürftigen Steg
in den westlichen Stadtteil und in das nähere Umland getrieben wurde.
Rund 13.500 Menschen mussten ohne jede Vorbereitung ihre Heimat verlassen aufgenommen werden.
Im westlichen Restteil Gubens wurden sieben Notlager eingerichtet. Die Folgen waren katastrophal:
Bis zum Jahresende 1945 wurden 1.475 Todesfälle gezählt, darunter
• 219 Todesfälle durch Unterernährung,
• 176 durch Ruhr,
• 130 durch Typhus,
• 144 betrafen Kinder unter einem Jahr.
(nach zeitgenössischen Verwaltungs- und Lageraufzeichnungen)
Guben gehört zu den Städten – neben Frankfurt (Oder) oder Müncheberg –, deren Bevölkerung nach 1945
in weiten Teilen ausgetauscht wurde und die bis heute in besonderem Maße von Vertriebenen
und deren Nachfahren geprägt sind.
Gesamtdeutscher Kontext:
Insgesamt wird in der historischen Forschung davon ausgegangen, dass im Zuge von Flucht und Vertreibung
rund 14 Millionen deutsche Staatsbürger sowie deutschstämmige Angehörige anderer Staaten ihre Heimat verloren.
Etwa zwei Millionen Menschen kamen infolge von Gewalt, Entbehrungen, Krankheiten oder auf den Fluchtwegen ums Leben. Diese Zahlen stellen grobe, in der Forschung anerkannte Schätzungen dar.
Erfahrungen und Wahrnehmungen:
Zeitzeugen berichten übereinstimmend, dass vielen Vertriebenen in den Aufnahmeregionen Ablehnung
und Misstrauen entgegenschlugen – trotz der Tatsache, dass ihre Lebenslage vielfach deutlich prekärer war
als die der einheimischen Bevölkerung. Der Verlust von Hof, Haus, Land und Besitz zwang sie,
mit dem Wenigen, was sie hatten retten können, ein neues Leben zu beginnen.
Wer sich mit dieser Thematik nicht näher befasst, läuft leicht Gefahr zu verallgemeinern oder zu vereinfachen.
Bereits ab September 1945 – auf sowjetische Weisung – wurde der bis dahin selbstverständliche Begriff „Flüchtling“ systematisch durch „Umsiedler“ ersetzt; später sprach man von „ehemaligen Umsiedlern“ oder lediglich von „Neubürgern“. Eine differenzierte Benennung nach Herkunft („Schlesier“, „Ostpreußen“ u. a.) war tabuisiert.
Das kann ich übrigens aus eigener Erfahrung bestätigen. Erst Mitte der sechziger Jahre erfuhr ich
dass beide Eltern aus Niederschlesien geflohen sind, es war auch in unserer Familie bis dahin ein Tabuthema.
Dass die DDR-Führung bereits Anfang der 1950er Jahre die Eingliederung der Vertriebenen offiziell für abgeschlossen und gelungen erklärte, verdeckt die tatsächlichen Schwierigkeiten dieses Prozesses.
Diese sprachliche und politische Strategie darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Integration ein langer, konfliktreicher und generationenübergreifender Prozess war – und blieb.