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Auszug aus dem Buch:
"Wir sind die Niederlausitz - Chronik ihrer 18 Städte"
• Senftenberg 1942-1945: Geschichte kompakt: Zwangsarbeit in der NS-Zeit
• Zwischen 1942 und 1945 prägte in ganz Deutschland, also auch in der Niederlausitz, die Zwangsarbeit das öffentliche Leben. Unter dem NS-Regime wurden Menschen aus besetzten Ländern und später aus ganz Europa unter Androhung von Strafe und ohne wirtschaftliche Freiwilligkeit zur Arbeit gezwungen. Es handelte sich dabei nicht um die Arbeitspflicht deutscher Zivilisten wie etwa den Reichsarbeitsdienst, sondern um ein System der Ausbeutung, das verschiedene Gruppen umfasste: zivile Zwangsarbeiter aus Polen, Tschechien, Frankreich oder der Sowjetunion, Kriegsgefangene – vor allem aus der Sowjetunion und Frankreich – sowie KZ-Häftlinge, die unter lebensgefährlichen Bedingungen zur Arbeit herangezogen wurden.
• Während die ersten Anwerbungsversuche in Polen und Tschechien in den Jahren 1933 bis 1939 noch relativ begrenzt blieben, setzte ab 1939 eine systematische Deportation aus den besetzten Gebieten ein. Ab 1942 erreichte die Zwangsarbeit ihren „Total-Einsatz“: Menschen wurden massenhaft aus ganz Europa verschleppt und in der deutschen Wirtschaft eingesetzt. Im August 1944 erreichte die Zahl der zivilen Zwangsarbeiter mit über sechs Millionen ihren Höhepunkt. Ohne diese Arbeitskräfte wäre die deutsche Industrie, Landwirtschaft und Verwaltung nicht funktionsfähig gewesen; in manchen Betrieben stellten sie bis zu 60 Prozent der Belegschaft. Besonders die Rüstungsproduktion unter Albert Speer profitierte massiv von dieser Ausbeutung.
• Für die Städte der Niederlausitz bedeutete dies nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen sozialen und moralischen Einschnitt: Zwangsarbeiter wurden Teil des Alltags, sie arbeiteten in Betrieben, auf Baustellen und in Haushalten – oft unter entwürdigenden Bedingungen. Ihre Präsenz hinterließ Spuren, die nach 1945 lange nicht vergessen wurden.
Sowjetische Kriegsgefangene und Ostarbeiter im Braunkohlebergbau –
Einsatz-und Lebensbedingungen
Man kann die Verpflegungssituation der beiden oben genannten Gruppen nicht angemessen beurteilen, wenn nicht die allgemeine Ernährungslage im Deutschen Reich mit betrachtet wird. Obwohl bis mindestens Ende 1944 die deutsche Bevölkerung so ausreichend mit Lebensmitteln versorgt werden konnte, dass es nicht zu Hungererscheinungen kam, war die Lebensmittelversorgung im Braunkohlebergbau bereits ab 1939 keinesfalls völlig problemlos. Die Gruben richteten, angesichts verlängerter Arbeitszeiten, verstärkt Werkskantinen ein, in denen warme Mahlzeiten eingenommen werden konnten. Ende 1939 wurden auch im Bergbau Lang-, Schwer- und Schwerstarbeiterzulagen in Form von zusätzlichen Lebensmittelmarken gewährt. Von den ab Kriegsbeginn mehrmals verfügten Kürzungen der Verpflegungsrationen war auch der Bergbau betroffen.
Stadtgebiet Senftenberg (1942–1944)
Laut den Arolsen Archives liegen für 420 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Stadtgebiet vollständige Lohnsteuerkarten vor (ich habe sie auch). Diese Karten dienten nicht nur der Steuerberechnung, sondern auch der sozialversicherungspflichtigen Berücksichtigung – also dem späteren Rentenanspruch im Herkunftsland. Diese Zahl ist gesichert und dokumentiert. [Quelle Arolsen e-guide]
Zwangsarbeit im Amt Senftenberg – Vorsicht bei Statistikangaben
Die Zahl von 20.365 Zwangsarbeitern im Amt Senftenberg zwischen 1939 und 1945 wird gelegentlich falsch interpretiert – etwa, als ob zu jedem Zeitpunkt, über 20.000 Menschen gleichzeitig hier zur Arbeit gezwungen worden seien. Das ist historisch nicht korrekt.
Was die Zahl wirklich bedeutet
• Die 20.365 Personen sind eine kumulierte Gesamtzahl über mehrere Jahre hinweg.
• Es handelt sich um Fallzahlen pro Jahr, die addiert wurden – ohne zu prüfen, ob einzelne Personen mehrfach gezählt wurden (z. B. wenn sie mehrere Jahre dort arbeiteten).
• Die Statistik unterscheidet nicht, ob jemand bereits im Vorjahr gezählt wurde und nun eigentlich herausgerechnet werden müsste.
Plausible wiss. Durchschnittswerte
• Der durchschnittliche Jahreswert liegt bei etwa 4.073 Zwangsarbeitern pro Jahr im Kreis Senftenberg.
• Das ist etwa das Zehnfache der Zahl für das Stadtgebiet Senftenberg (ca. 420 Personen) und damit wissenschaftlich plausibel.
Quellenkritik:
• Historiker Mark Spoerer weist in der Literatur auf diesen systematischen Fehler hin: Zitat: „Er addiert die Stichtagszahlen aus den Tabellen von Dietrich Eichholtz (1939–1944), ohne die Mehrfachzählungen zu bereinigen“
Zwangsarbeiter waren zu Tausenden in den Kohlegruben und in der Landwirtschaft tätig. Als Hilfsarbeiter, Kipper, Gleisarbeiter. Aber auch in der Stadt, als Strumpfwirker, Schlosser, Gärtner, Buchhalter, Tischler, Glasmacher [Signatur 7916002]. Speziell zu unseren Kohlegruben habe ich Angaben zu zivilen Zwangsarbeitern gefunden: Anhaltinische Kohlewerke 225 Personen, Ilse Bergbau 160 Personen, Anhaltinische Bergbau AG 108 Personen.
Überwiegend wurde bei der Entlohnung von Zwangsarbeitern auch von den Lohnsätzen vergleichbarer deutscher Arbeiter ausgegangen, Das waren z.B. Bedingungen der Gewerkschaften gegen Lohndumping durch Zwangsarbeiter, auch die Arbeitszeit war gleich. Doch wurden die Löhne der Zwangsarbeiter höher besteuert, sowie Kost und Logis und weitere Kosten abgezogen. Die Einstellung und bürokratische Überwachung erfolgten durch das Arbeitsamt Senftenberg (siehe Abbildung). Sie hatten zumeist zivile Gemeinschaftsunterkünfte.
• Zwangsarbeit im Deutschen Reich in Reflektion zur Versorgungslage und arbeitsökonomischen Rahmenbedingungen im Reichsgebiet:
Die Frage der Zwangsarbeit im Deutschen Reich während der Kriegsjahre ist untrennbar mit der allgemeinen Versorgungslage der Bevölkerung verbunden. Bereits vor Kriegsbeginn war die deutsche Volkswirtschaft stark importabhängig, insbesondere bei Lebensmitteln, Futtermitteln, Düngemitteln, Textilien und Energieträgern. Mit Beginn des Angriffskrieges der Deutschen verschärfte sich diese Lage erheblich durch Seeblockade, Arbeitskräftemangel und steigende Rüstungsanforderungen.
• Ab 1939 wurde die Versorgung der Zivilbevölkerung daher strikt rationiert. Lebensmittelkarten, Bezugsscheine für Kleidung, Schuhe, Heizmaterial und Haushaltswaren wurden zum zentralen Steuerungsinstrument der Kriegswirtschaft. Die Rationen unterschieden sich nach Altersgruppen, Arbeitsbelastung und beruflicher Stellung (Normalverbraucher, Schwerarbeiter, Schwerstarbeiter). Blieben jedoch insgesamt knapp bemessen und lagen vielfach nahe am physiologischen Minimum für alle Einwohner des Reiches.
• Vor diesem Hintergrund ist auch der Einsatz von Zwangsarbeitern zu betrachten. Frühere Schätzungen gingen von insgesamt etwa 13 bis 26 Millionen Menschen aus, die während der Kriegsjahre Zwangsarbeit leisten mussten.
• Neuere Forschungen weisen jedoch darauf hin, dass solche Zahlen methodisch problematisch sind, da sie häufig Stichtagsangaben addieren und dadurch zu systematischen Überhöhungen gelangen (vgl. Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, S. 223).
• Andere neuere Arbeiten gehen von Größenordnungen im Bereich von rund einer Million Zwangsarbeitern pro Jahr im gesamten Reichsgebiet aus, wobei Fluktuation, Rückführung, Tod und erneute Rekrutierung zu berücksichtigen sind. Aussagen aus den Nürnberger Prozessen – etwa Albert Speers Angaben – beziffern die Zahl der eingesetzten Zwangsarbeiter zeitweise auf etwa 200.000 Personen.
• Internationale Forschungsperspektiven zur Größenordnung der Zwangsarbeit
• Auch in der neueren englischsprachigen Forschung wird zunehmend darauf hingewiesen, dass die in der älteren Literatur häufig genannten Gesamtzahlen von mehreren zehn Millionen Zwangsarbeitern methodisch problematisch sind. Autoren wie Adam Tooze (The Wages of Destruction), Richard Overy und Mark Harrison betonen, dass zwischen kumulativen Gesamtzahlen über mehrere Jahre und der gleichzeitigen Präsenz von Arbeitskräften im Reichsgebiet strikt zu unterscheiden ist. In den verfügbaren Verwaltungs- und Produktionsstatistiken lassen sich zu keinem Zeitpunkt Hinweise auf eine gleichzeitige Anwesenheit von mehreren zehn Millionen ausländischen Arbeitskräften finden.
• Vielmehr sprechen die Daten für deutlich niedrigere Bestandszahlen, die sich – je nach Jahr und Definition – im Bereich von einigen Hunderttausend bis etwa einer Million Personen bewegten, wobei eine hohe Fluktuation durch Krankheit, Tod, Rückführung, Verlegung und erneute Rekrutierung zu berücksichtigen ist.
• Aus ökonomischer Sicht erscheint diese Größenordnung plausibel: Die deutsche Kriegswirtschaft war bereits ab 1941/42 durch knappe Lebensmittelrationen, Wohnraummangel, Transportengpässe und eine überlastete Verwaltungsstruktur geprägt. Eine dauerhafte Versorgung von mehreren Millionen zusätzlicher Arbeitskräfte hätte die bestehenden Rationierungs- und Verteilungssysteme strukturell überfordert. Tooze und Overy weisen darauf hin, dass Zwangsarbeit weniger Ausdruck unbegrenzter Ausbeutungsfähigkeit war, sondern vielmehr ein Kriseninstrument, mit dem versucht wurde, den zunehmenden Arbeitskräftemangel in Industrie und Landwirtschaft notdürftig zu kompensieren. Die Grenzen dieses Systems wurden dabei nicht zuletzt durch die Versorgungslage selbst bestimmt.
• Diese quantitativen Fragen sind nicht nur statistischer Natur, sondern berühren zentrale versorgungsökonomische Probleme. Jeder zusätzlich eingesetzte Zwangsarbeiter musste – zumindest formal – mit Lebensmitteln, Kleidung, Unterkunft und Heizmaterial versorgt werden. Selbst bei reduzierten Rationen bedeutete bereits eine Million zusätzlicher Arbeitskräfte eine erhebliche Belastung der ohnehin angespannten Versorgungsstrukturen. Bei den in der älteren Forschung genannten Fallzahlen von über zehn Millionen Personen wäre eine solche Versorgung unter den realen Bedingungen der Kriegswirtschaft kaum vorstellbar gewesen.
• Hinzu kommt, dass Zwangsarbeiter nicht ausschließlich in einfachen Hilfstätigkeiten eingesetzt wurden, sondern vielfach in kriegswichtigen Industriebetrieben, im Bergbau, in der Rüstungsproduktion sowie in der Landwirtschaft arbeiteten. Gerade in der Landwirtschaft waren sie für die Sicherstellung der Ernährung der Zivilbevölkerung unverzichtbar.
• Ein vollständiger Entzug ausreichender Ernährung oder willkürliche Behandlung hätte unmittelbar die Arbeitsleistung und damit die Versorgungslage im Reich selbst gefährdet.
• Aus diesem Grund lassen sich – bei aller Brutalität des Systems – auch administrative Bemühungen erkennen, die Arbeitsfähigkeit der Zwangsarbeiter zumindest in einem funktionalen Mindestmaß zu erhalten. Dazu gehörten abgestufte Rationen, medizinische Betreuung in begrenztem Umfang sowie arbeitsrechtliche Regelungen, die Lohndumping gegenüber deutschen Arbeitern begrenzen sollten. Forderungen der Gewerkschaften nach annähernder Lohngleichheit wurden nicht aus humanitären Motiven, sondern aus arbeitsmarktpolitischen Gründen erhoben, um Spannungen und Verdrängungseffekte zu vermeiden.
• Die Frage, ob und in welchem Umfang das Reichsgebiet in der Lage gewesen wäre, dauerhaft mehrere Millionen zusätzlicher Arbeitskräfte zu ernähren, zu kleiden und unterzubringen, ist daher keine moralische, sondern eine volkswirtschaftliche. Neuere internationale Forschungen, insbesondere aus dem angelsächsischen Raum, weisen darauf hin, dass die Kapazitäten der deutschen Kriegswirtschaft bereits ab 1942 an strukturelle Grenzen stießen und der Einsatz von Zwangsarbeit weniger Ausdruck unbegrenzter Ressourcen als vielmehr ein Symptom zunehmender Überdehnung war.