e i n i g e Sagen aus der Lausitz

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Christian neu in SFB
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e i n i g e Sagen aus der Lausitz

Beitragvon Christian neu in SFB » Sa 2. Apr 2022, 10:23

Lausitzer Sagen


Die bekannteste aller Sorbensagen ist wohl die des Zaubermeisters Krabat. 

Krabat stammte aus einer armen Familie, deshalb musste er sich sein Geld mit Betteln verdienen. Eines Tages verlief sich Krabat in einem dunklen Wald bei Hoyerswerda. Nach einer langen Wanderung erreichte er eine Wassermühle. In dieser Mühle lebte ein Müllermeister mit seinen elf Müllerburschen. Da der Meister Mitleid mit dem armen Krabat hatte, nahm er in als Lehrling in der Mühle auf. 

Nach einiger Zeit merkte Krabat aber, dass in dieser Mühle nicht nur Korn gemahlen wurde. Hier wurden die Müllerburschen auch in der Schwarzen Schule, der Zauberschule, unterrichtet. Der Meister las den Müllerburschen jeden Freitag aus dem Zauberbuch vor. Krabat wollte mehr über die Schwarze Schule erfahren. Deshalb beobachtete er den Meister oft. Außerdem las er im Zauberbuch, in dem eigentlich nur der Meister lesen durfte. So kam es, dass Krabat bald dem Meister in der Zauberei überlegen war. 

Dies jedoch merkten die anderen Müllerburschen und verrieten es dem Meister. Krabat wusste, dass er sterben musste, wenn der Meister davon erfahren würde, dass einer seiner Müllerburschen ihm überlegen war. Andere Müllerburschen ertranken deshalb oder fielen ins Wasserrad. Es gab jedoch eine Möglichkeit für Krabat zu überleben. Dies war die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn. 

Krabat machte sich so schnell wie möglich auf den Weg nach Hause. Seine Mutter konnte die Wandlung ihres Sohnes, der vor einiger Zeit doch noch bettelte, am Anfang gar nicht fassen. Krabat wusste, was der Meister vorhatte. Er würde alle Müllerburschen in Krähen verwandeln. Dann musste sie Krabat unter den zwölf Krähen erkennen. Seine Mutter war natürlich einverstanden. Sie wollte ja nicht, dass ihr Sohn sterben musste. Da alle Krähen gleich aussahen, verabredeten Krabat und seine Mutter ein Zeichen, so dass sie ihn erkennen konnte. 

Krabat und seine Mutter gingen zur Mühle zurück. Als sie die Mühle erreicht hatten, kam es, wie Krabat vermutet hatte. Der Meister verwandelte alle Müllerburschen in Krähen. Konnte Krabats Mutter ihn erkennen waren beide frei. Schaffte sie es aber nicht, konnte Krabat dem Tod nicht entgehen. Dank des vereinbarten Zeichens erkannte sie ihren Sohn natürlich gleich. Krabat steckte seinen Kopf unter den linken Flügel. Sie waren frei. Der Meister konnte es nicht glauben, aber er musste die beiden wohl oder übel ziehen lassen. Krabat und seine Mutter rannten so schnell wie möglich nach Hause. 

Nach einiger Zeit bemerkte der Meister erst, dass Krabat und seine Mutter ein Zeichen vereinbart hatten, um dem sicheren Tode Krabats zu entgehen. Der Meister forderte ihn zu einem Zweikampf heraus, den Krabat dann schließlich gewann. Mithilfe seiner Zauberkräfte half er später ärmeren Menschen. Er machte kärgliches Ackerland wieder fruchtbar und, wenn der Regen längere Zeit ausblieb, half er auch hierbei ein bisschen nach.
Die kranken Kinder von Hoyerswerda
Plötzlich war sie da, niemand konnte sagen wie sie in die Oberlausitz gekommen war. Einen Namen hatte sie nicht, die wenigen Ärzte, die es zu dieser Zeit gab, schüttelten die Köpfe und wussten kein Mittel gegen die Krankheit. Sie befiel vor allem Kinder und verursachte schlimmes Fieber, Atemnot und Lähmungen. In Hoyerswerda und den um die Stadt herumliegenden Dörfern erkrankten innerhalb weniger Wochen mehr als 200 Kinder. Deren Eltern machten sich große Sorgen. Jeden Tag liefen sie zu den Heilkundigen, die sie kannten, und flehten um Hilfe. Die probierten alle ihnen bekannten Arzneien aus. Doch es war keine darunter, die wirklich geholfen hätte. Da trat ein junger Landarzt vor den Rat der Stadt Hoyerswerda und sagte: „Im Dorf Schwarzkollm, in der Nähe der Mühle befindet sich eine große Scheune. Wir sollten diese gemeinsam mit den Eltern putzen, säubern und so herrichten, dass für alle kranken Kinder dort Betten aufgestellt werden können. Zusammen mit den Schwestern des Klosters Marienthal werde ich dann versuchen, mit frischer Luft, Tees und Umschlägen das Leben für die Kinder so erträglich wie möglich zu machen. Danach werde ich nach Leipzig zur Universität fahren. Dort will ich alle Medizinprofessoren befragen, ob sie über die Krankheit etwas wissen, und in der Universitätsbibliothek werde ich nach Büchern suchen, in denen ähnliche Krankheitsfälle wie der unsere beschrieben und mögliche Heilverfahren empfohlen sind."
Die Ratsherren stimmten dem Plan zu, und schon bald lagen in der hergerichteten Scheune mehr als 200 Kinder, die darauf hofften, bald wieder gesund zu werden. Die Schwestern aus dem Klosters Marienthal gingen von Bett zu Bett, sprachen den Kranken Mut zu, wuschen und wickelten sie und kochten ihnen Tees, von denen sie wussten, dass sie ihnen gut taten. Als soweit alles gerichtet war, verabschiedete sich der Landarzt von ihnen und den Kindern. Er bestieg die Postkutsche, die nach Leipzig fuhr.
Nur zwei Tage später wurde die Tür zur Scheune wieder geöffnet. Der Landarzt der eine große Tasche bei sich trug, trat ein und begrüßte die Schwestern und die Kinder.

„Wie kann es sein, dass Ihr schon so bald wieder aus Leipzig zurück seid?", fragte die Oberin der Schwestern verwundert.
„Ich habe gefunden, was ich gesucht habe", antwortete der Mann und zog einige Flaschen aus seiner Tasche hervor. Dann forderte er die Schwestern auf, Gläser herbeizubringen und jedem der Kinder einen kleinen Schluck von dem Sud zu trinken zu geben, der sich in den Flaschen befand. Das taten sie, und es dauerte nicht lange bis das erste Kind, dann das zweite und dritte und schließlich alle von der Krankheit geheilt waren. Kinder, Schwestern, Eltern und die Mitglieder des Rates umarmten sich und weinten vor Freude.

Umso mehr waren sie verwundert, als zwei Wochen später eine Postkusche auf dem Marktplatz von Hoyerswerda anhielt und der Landarzt mit tiefliegenden Augen, eingefallenen Wangen und bleichem Gesicht ausstieg. „Ich habe alle Professoren um Rat gefragt. Keiner konnte mir helfen. Tag und Nacht habe ich in den medizinischen Büchern gelesen und nichts über die Krankheit gefunden. Ich bin verzweifelt", sagte er.
Darüber wunderten sich alle, die es hörten, und bald ging es von Mund zu Mund, dass es nur Krabat gewesen sein konnte, der mit seiner Zauberkraft die Kinder gerettet hatte. In großer Dankbarkeit ließen die Eltern auf dem Marktplatz von Wittichenau für ihn ein Denkmal errichten.
Die Murawa

"Bei den Wenden im Spreewald erscheint der Nachtalp, dort Murawa genannt, manchmal in Gestalt einer kleinen weißen Maus, die den Schlaf stört und folglich nicht willkommen ist. Kinder soll man auch nie mit offenem Munde schlafen lassen, weil sonst ihre Seele in Mausgestalt entschlüpft und sie sterben müssen. Das nächtliche Nagen der Mäuse an Kleidern und Betten zeigt einen baldigen Todesfall an."
"Eine Frau wurde oft von der Murawa geplagt, allein so Vielen sie auch daovn erzählte, Niemand konnte ihr helfen. Endlich kam einmal eine alte Frau, welche ihre Hülfe versprach. Dieselbe setzte sich, als sich die Frau schlafen gelegt hatte, an das Bett. Bald bemekrte sie, dass die Frau von der Murawa geplagt werde. Nach einiger Zeit fing die Frau an, ruhiger zu schlafen. Da sah die alte Frau, wie sich ein Frosch durch die Hüfte der Schlafenden arbeitete. Sei ergriff das Thier und setzte es in ein Glas mit Wasser, darauf band sie das Glas zu. Gegen Morgen wurde der Frosch steif und starb: zur derselben Zeit starb auch die Nachbarin der Frau, welche also die Murawa gewesen war."

Lutken oder Lutki
Florian Russi

Wo andernorts von Zwergen oder Erdmännchen die Rede ist, berichten die Lausitzer Sagen von den Lutken oder Lutki. Es handelt sich dabei um Wesen, die wie Menschen aussehen, aber so klein sind, dass sie in einem Backofen Korn dreschen können. Einen Fuß hoch nur sind sie, wie es in einer der Sagen heißt. Die Lutki haben ihre Wohnungen unter der Erde, im Wald und in Höhlen unter Bäumen, Büschen und Laub versteckt. Sie sind Bergleute, liebenswert und hilfsbereit, gelegentlich auch zu Späßen aufgelegt.
Ihre Sprache ist der von Menschen gleich, doch enthält sie eine Besonderheit. Jede Aussage wird in negative Form gefasst. Dann heißt es zum Beispiel nicht: „Ich bin zum Bauern gegangen, um Korn zu holen", sondern: „Ich bin nicht zum Bauern gegangen, um kein Nichtkorn zu holen."
Die kleinen Brote, welche die Lutki in Tontöpfen backten, sollen sehr schmackhaft gewesen sein und viele arme Menschen vor dem Verhungern bewahrt haben. Einem Bauern, der einem von ihnen das Leben gerettet hatte, bestellten die Lutken, als dieser eines Tages erkrankte, nachts heimlich das Feld. Zum Dank stellte ihnen der überraschte Bauer einen Topf mit Hirse hin, was die Lutken dankbar annahmen, denn Hirsebrei war ihre Lieblingsspeise.
Von wo die Lutki herkamen, ist in den Sagen nicht überliefert, auch nicht, wohin sie plötzlich verschwanden. Festgehalten ist, dass sie das Geläute von Kirchenglocken nicht ertragen konnten und sich deshalb zunächst in unterirdische Höhlen und später in andere Gegenden verzogen hätten. - Könnte es sein, dass die Lutki der Fantasie von Leuten entsprangen, die in der Nähe einer Kirche wohnten und regelmäßig in ihrem Schlaf gestört wurden?


Martin Pumphut
Anna Hein

Der Theologe und Volkskundler Karl Joachim Thomas Haupt (1829-1882) ist vor allem durch sein zweibändiges Werk „Sagenbuch der Lausitz" bekannt, ausgezeichnet von der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. In der Einleitung des ersten Bandes stellt er klar: „Bei der Abfassung eines lausitzschen Sagenbuches handelt es sich nicht um die gelegentliche Ausfüllung einer Lücke, sondern um die Errichtung eines Hauptpfeilers am Bau der vergleichenden Sagenwissenschaft." (Haupt, Karl: Sagenbuch der Lausitz, S. I) So ordnet er die Sagen, Geschichten, aber auch Volksglauben zur besseren Übersicht und weiteren Forschung in verschiedene Kategorien. Unter den Zaubersagen - die sich nicht mehr der Geisterwelt sondern den Menschen und dem psychologischen Interesse des menschlichen Geistes widmen, Spiegelbild des Aberglaubens sind und über Zauberei berichten, die in der Lausitz viel betrieben wurde - findet sich die Gestalt Martin Pumphut. Der Hexenmeister der Oberlausitz, aufgrund seiner magischen Fähigkeiten so genannt, streifte als Müllerbursche durch die Lande. Über seine Taten und Untaten sind zahlreiche Sagen überliefert. Einige davon hat Karl Haupt zusammengetragen:
Anna Hein

Martin Pumphut, der wandernde Müllerbursch, ist so eine Art Tyll Eulenspiegel, von dem man sich nicht nur in der Lausitz, sondern auch im sächsischen Voigtlande wunderbare Geschichten erzählt.
Sein Name rührt her von einem großen spitzen Hut, den er zu tragen pflegte und der ihn überall kenntlich machte. Manche nannten ihn auch Graumännchen, weil er immer einen grauen Kittel trug.
Martin Pumphut ist geboren in dem kleinen Dörfchen Spuhle bei Hoyerswerda. Bald nach seiner Geburt verschwand er einmal aus der Wiege, in der man statt seiner eine große, aber unschädliche Schlange fand. Die erschrockenen Eltern eilten sofort in alle Himmelsgegenden, um das Knäblein zu suchen. Als sie ihn nirgends fanden und verzweiflungsvoll nach Hause kamen, lag er wieder frisch und gesund in der Wiege.
Als er sechs Jahr alt war, zog eine Zigeunerbande durch das Dorf. Eine Zigeunerin, welche bei seinen Eltern bettelte, erblickte kaum das Kind, als sie wahrsagend ausrief: Martin würde weit in der Welt herumkommen, zwar in niederem Stande bleiben, aber viel Reichthümer erwerben, großes Aufsehen machen und endlich durch ein Frauenzimmer um's Leben kommen.
Der Knabe wuchs nun heran, lernte außer seiner wendischen Muttersprache auch noch die deutsche und zeichnete sich bald durch Schlauheit und Neigung zu lustigen Streichen vor seinen Altersgenossen aus. Auch will man Nachts, wenn er schlief, sonderbare Gestalten über seinem Haupte schweben gesehen haben, und wo er im Dunkeln ging, umhüpften ihn Flämmchen.
Als er erwachsen war, lernte er die Müllerprofession und führte von nun an ein lustiges Wanderleben, indem er immer dem Wasser nach von Mühle zu Mühle ging. Wo es ihm gefiel, da blieb er, und für einen Schnaps und ein Stück Brod machte er den Leuten allerlei ergötzliche Schwänke und spaßige Dinge vor. Nur wo man ihm absichtliche schlechte Kost vorsetzte oder ihn gar hungern ließ, spielte er den Leuten arge Streiche. Sonst war es ein gar harmloser Kerl.
Zu seinen übernatürlichen Künsten gehörte, daß er auf papiernen Kähnen die Flüsse passierte; Elbe, Saale und Mulde hat er auf diese Weise überschritten. Zuweilen ritt er auf einer großen Heuschrecke durch die Luft. In Budissin zerschnitt er einen Mühlstein, was man noch heute daselbst in der großen Mühle abgebildet sehen kann.
Bei Dresden setzte er einmal bei großer Windstille alle Windmühlen in Bewegung, indem er durch ein Nasenloch blies, während er das andere zuhielt.
Als er durch Volkersdorf wanderte, zimmerte man eben eine Mühlwelle. Er bemerkte im Vorübergehen, daß sie ja viel zu kurz sei, aber man lachte ihn aus. Bald aber überzeugte man sich von der Wahrheit seiner Bemerkung, und als er wieder vorüberkam, bat ihn der Müller um Rath und Hülfe. Da dehnte mein Pumphut einfach die Mühlwelle aus, wie Brezelteig und setzte so die fehlende Elle zu.
Zu Heiligenbeil schleuderte er seine Axt an den Kirchturm, wo sie noch heute zu sehen ist.
In Leipzig ließ er im Gasthofe zum goldenen Siebe am hellen Tage zur Meßzeit eine Menge Hasen aus dem Kacheltopfe heraus- und wieder hineinspazieren.
Den Müllern, die ihm das übliche Geschenk verkürzten oder verweigerten, leitete er das Wasser ab. So machte er es z. B. mit einigen Saalmüllern. Wer ihn freundlich aufgenommen hatte, dem fehlte es nie an Wasser auf der Mühle.
Zu Wallengrün im Voigtlande zauberte er alle Fliegen, die im Zimmer waren, in seinen Hut, um ungestört essen zu können.
Einst wandert er ermüdet auf der Landstraße einher. Da kommt ein Roßtäuscher mit Pferden gerit-ten. Laß mich ein Stück mitreiten, Kamerad, bittet ihn Pumphut. Aber der große Kerl hört gar nicht auf die Bitte des Ermüdeten. Dafür fand er am nächsten Morgen im Stalle statt seiner Pferde - Strohwische.
Lange Zeit hielt er sich beim General Sybilski auf. Dieser warf einst schwarze Haferkörner in den Kacheltopf, welche sich auf der Stelle in ein Fußvolk verwandelten, herauskletterten, sich auf dem Schloßhofe versammelten, manövrierten, sich wieder in ihre kupferne Kaserne begaben und als schwarze Haferkörner darin lagen. Pumphut langte aus einer am Fenster stehenden Mulde einige Erbsenkörner heraus und warf sie ebenfalls in den Kacheltopf, welchem sofort eine ganze Schwadron vollständig equipierte Reiter entstiegen. Allein da er Sybilski's Worte nicht wußte, vermochte er sie nicht wieder in den Kacheltopf zu bringen, vielmehr setzten sich ihre Klingen auf seinem Buckel in unangenehme Bewegung, bis ihm der General zu Hülfe kam, der sie sofort Kehrt machen ließ, dahin wo sie hergekommen waren.
Uebrignes soll Martin Pumphut auch früher schon zu Hildesheim sich als der Geist Hütchen gezeigt, auch dem Herzog von Friedland, Albrecht von Wallenstein, als graues Männchen wesentliche Dienste geleistet haben und endlich mit einem reizenden Frauenzimmer unter Hinterlassung jenes berüchtigten Hutes aus einem Gasthofe zu Paderborn zu Ende des siebenjährigen Krieges verschwunden sein.

343. Der unterirdische Gang in Spremberg.
[393] (Johann Georg Theodor Grässe Nach Haupt Bd. I. S. 238.)

Nahe bei Spremberg, jenseits der Spree, befindet sich ein Hügel, auf dem ehemals eine sehr reich dotirte Kapelle stand, die dem heiligen Georg gewidmet war. Zu dieser Kapelle aber führte von Spremberg aus ein unterirdischer Gang. Nun wollten aber die Spremberger einst diesen Gang untersuchen und schenkten einem zum Tode verurtheilten Verbrecher das[393] Leben, auf daß er den Gang untersuche und zur Georgenkapelle wieder herauskommen solle. Der arme Sünder war auch damit zufrieden, ging in den Gang hinein, kam aber niemals wieder zum Vorschein und Jedermann glaubte, er sei entweder in dem Gange verunglückt oder darin von Geistern zerrissen worden, eine weitere Untersuchung ward nicht angestellt.
Einige Jahre später kamen einmal ein Paar Spremberger nach Zittau und begegneten dort dem zum Tode verurtheilten armen Sünder, sie erkannten ihn auf der Stelle, ob er gleich jetzt als ein wohlhabender Bürgersmann daherschritt. Auf ihr Befragen, wie er denn hierher komme, theilte er ihnen mit, er sei also in dem Gange eine lange Weile fortgeschritten, da habe er über sich Hundegebell gehört und daraus abgenommen, daß er sich unter der Scharfrichterei befinde; gleich darauf aber erschien ihm ein Geist mit einem brennenden Lichte und fragte ihn, wohin er wolle. Der arme Sünder antwortete: »Ich bin zum Tode verurtheilt, wenn ich nicht auf diesem Wege zur Georgenkapelle komme!« – »Gehe nur fort«, antwortete jener, »Dein Glück ist gemacht!« Hierauf kam er bald in ein Gewölbe, in welchem zwölf Apostel aus purem Golde standen, jeder etwa einen Arm lang. Hier verweilte er, bis nach seiner Berechnung der Abend angebrochen war, kehrte dann um und nahm einen der Apostel mit. Ins Freie gelangt, ging er der Grenze Böhmens zu, dort zerschlug er seinen goldenen Schatz, verwandelte ihn stückweise in klingende Münze und ließ sich dann häuslich zu Zittau nieder. Jene Oeffnung ist nun aber wegen eines daraus hervordringenden mörderlichen Gestankes seit vielen Jahren vermauert und die andern eilf Apostel warten bis heute noch auf ihren Erlöser.





Die ungetreue Spinnerin
In der Nähe von Döbra lebte auf einer Einzel eine alte Frau. Sie war weit und breit als beste Spinnerin bekannt, weil sie die feinsten Fäden drehte und nur einen geringen Lohn verlangte. Die Bauern brachten ihr den Flachs, doch von jedem Bündel nahm sie einen Rupfer für sich und steckte ihn in ihre Lade, die auf dem Dachboden stand. Mit der zeit wurde der große hölzerne Koffer randvoll. Die Frau wollte dieses Diebesgut nicht verspinnen, vielmehr sammelte sie den Flachs für ihren Sarg, um nach ihrem Tode nicht auf Holzspänen zu ruhen, sondern in weiche Flachsfasern gebettet zu sein.
Eines Tages, mitten bei der Arbeit, fiel sie am Spinnrad tot vom Stuhl, ohne ihren Töchtern etwas von ihrem Wunsche gesagt zu haben. Wie alle Verstorbenen wurde sie im Sarg auf Heu und Holzspäne gebettet und auf dem Friedhof zu Döbra begraben. Doch schon in der ersten Nacht nach dem Begräbnis rumorte es in der alten Lade so sehr, dass sich die beiden erwachsenen Töchter entsetzlich fürchteten. In der zweiten Nacht kam ihre Mutter im Traum zu ihnen und sagte: "Mädchen, von jedem Flachskranz habe ich einen Rupfer in die lade gesteckt. Sie ist geschwippert voll. Verteilt ihren Inhalt sogleich an die Leute, für die ich gesponnen habe, damit ich Ruhe im Grabe finde!" Die beiden Töchter brachten schon am nächsten Tage den aufgespeicherten Flachs zu den Leuten.  Nun rührte sich in der lade nichts mehr. Die Mutter hatte ihre Grabesruhe gefunden.


310. Die weiße Taube auf dem Schlosse zu Muskau.
[368] (G. Liebusch, Sagen 1860 S. 30.)

Wenn auf dem Schlosse zu Muskau ein Sprößling der herrschaftlichen Familie sterben soll, so zeigt sich, wenn der Todeskampf zu Ende geht, im Sterbezimmer eine schöne weiße Taube.
Im Jahre 1662 war Kurt Reinicke von Callenberg Besitzer des Schlosses. Er hatte ein liebliches und gottesfürchtiges Töchterlein, Namens Katharina Eleonore. Aber an der Grenze des jungfräulichen Alters starb das hoffnungsvolle Fräulein. Kurz ehe sie starb, richtete sie sich noch einmal im Bette auf und fragte: »Wo blieb denn die weiße Taube, welche um mein Bett flog?« Als Niemand Antwort zu geben wußte, da legte sie sich hin und entschlief sanft und selig.

[url]311. Die heiligen Eichen bei Muskau.[/url]
[368] (G. Liebusch, Sagen und Bilder S. 9.)

Bei Muskau ist ein Eichenbusch, da stehen die schönen alten Bäume auf der einen Seite paarweise, auf der andern in größeren Gruppen zusammen. Das kommt daher: Es war eine alte schöne Sitte der Bewohner von Muskau, daß ein jedes Brautpaar am Morgen des Hochzeitstages ohne alle Begleitung hinausging und in andächtigem Ernste zwei Eichen nebeneinander pflanzte. Es waren dies Sinnbilder ihres Lebens und ihrer Liebesvereinigung und wie der Baum wuchs und gedieh oder einging und erkrankte, so glaubte man, wachse oder schwinde das Glück dessen, der ihn gepflanzt hatte. Dies sind die Doppeleichen auf der Flur von Muskau. Jene in größeren Gruppen angepflanzten aber stellen auf dieselbe Weise die Geschwister eines und desselben Hauses vor.

312. Das böse Ufer bei Muskau.

[368] (G. Liebusch, Sagen und Bilder S. 15.)
Im Neißthale bei Muskau ist eine tiefe unterwühlte Uferstelle, die heißt das böse Ufer. Dort hat sich einst Folgendes zugetragen. Ein Mann aus einem benachbarten Dorfe hatte den ganzen Tag im Walde Holz gefällt, und als der Abend nahte, ging er seiner Hütte zu. Da sah er plötzlich, wie über die Haide hin ein langer weißer Nebelstreif gerade auf ihn los zog. Dem Landmann grauete. Er beflügelte seine Schritte. Aber der Nebelstreif war schneller als der Mann und als er ganz nahe kam, so legte er sich gleich einer langen weißgekleideten Menschengestalt ihm auf die Schultern. Da erkannte der Mann, daß es die Pest sei. Centnerschwer lag es auf seinem Haupte, seinen Schultern, drückte ihm die Brust, daß er vor Angst nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Er eilte vom Thale zum Hügel, vom Hügel auf das Feld, aber der entsetzliche Druck ließ nicht nach und die weiße Nebelgestalt wich nicht von ihrem Opfer. Verzweiflung erfaßte den Mann. Im Dorfe schlug es Mitternacht. Da stand er auf einem[368] Hügel seiner Hütte gegenüber. Dort schlummerte sein blühendes Weib und seine lieben Kinder in der Fülle der Gesundheit. Er durfte ihnen nicht nahen, er wußte, daß er den Seinen, daß er dem ganzen Dorfe die entsetzliche Pest brächte. Händeringend stürzte er zurück ins weite Feld. Es wuchs die Angst, der Schmerz, aber auch die Sehnsucht nach den Seinigen nahm zu. Da kam er an die Neisse vor das böse Ufer. Voller Verzweiflung wollte er sich in die Tiefe des Flusses stürzen, um sich und seine fürchterliche Last zu begraben. Da endlich ließ das Gespenst von ihm ab, die Brust wurde freier, er athmete auf, und wieder zog ein Nebelstreif über die Haide, aber von ihm weg, er zog hinein. Der Landmann aber eilte in den Strahlen der aufgehenden Sonne in seine Hütte und in die Arme der Seinigen.


321. Die Kapelle auf der Galgengasse in Görlitz.
[378] (Nach Haupt Bd. II. S. 77.)

Als der eben erwähnte Herr Georg Emmerich von seiner Pilgerreise aus Jerusalem zurückkehrte, sandte er zwei Diener voraus, welche seine Ankunft melden sollten. Einer derselben aber war ein böser Mensch und fiel plötzlich über seinen Kameraden, der die Kostbarkeiten seines Herrn bei sich trug, her, um sich in den Besitz derselben zu setzen. Allein dieser war sehr viel stärker als er und so kam es, daß er selbst die Flucht ergreifen mußte, indeß eilte er spornstreichs nach Görlitz, zeigte dort die Wunden, die er bei jenem Ueberfall bekommen hatte, vor und erzählte, der andere Knecht habe unterwegs Herrn Emmerich erschlagen, um sich dessen Kleinodien anzueignen, er selbst aber, der seinen Herrn habe vertheidigen wollen, sei nur mit Mühe dem Tode entronnen und hierher vorangeeilt, damit der Verbrecher seiner gerechten Strafe nicht entgehen möge. Da sandte der Rath dem andern Knecht Schaarwächter entgegen, die ihn unterwegs gefangen nahmen und nach Görlitz führten. Vor Gericht gestellt, konnte er sich natürlich über den Besitz der bei ihm gefundenen Kostbarkeiten seinem Ankläger gegenüber nicht gut rechtfertigen, man machte also wenig Umstände mit ihm, verurtheilte ihn zum Tode und schon am andern Tage führte man ihn unter großem Volkszulauf hinaus zum Nicolaithore auf den Richtplatz.
Unterdessen war aber auch Herr Emmerich in die Nähe von Görlitz gekommen und als er auf der Höhe hinter Reichenbach angelangt war, hörte er plötzlich Glockengeläute. Auf seine Frage an Leute, die ihm aus der Stadt entgegenkamen, erfuhr er, man führe soeben seinen Knecht als seinen angeblichen Mörder zum Galgen; da stieß er seinem Pferde die Sporen in die Seiten und jagte in fieberhafter Hast nach der Stadt zu, an der Stelle aber, wo jetzt die Kapelle steht, brach das halbtodtgejagte Pferd unter ihm zusammen, allein einige Vorübergehende hatten in ihm den todtgeglaubten Emmerich wiedererkannt und noch in der letzten Stunde gelangte die Nachricht, daß er wieder da sei, zu dem traurigen Zuge. Kaum hatte man aber die Wahrheit erfahren, so mußte auch der falsche Ankläger die Stelle des unschuldigen Delinquenten einnehmen und nach wenigen Augenblicken hing auch er an demselben Galgen, der für letztern bestimmt gewesen war. Emmerich aber ließ eine Kapelle an derselben Stelle errichten, wo ihm das Pferd zusammengestürzt war, die Begebenheit selbst aber auf Leinwand abmalen und das Bild in der Klosterkirche aufhängen, von wo es indeß schon im vorigen Jahrhundert weggekommen ist.


336. Das liebeskranke Mädchen zu Sorau.
[391] (S. Magnus, histor. Beschreib. v. Sorau. Leipzig 1710 in 4. S. 75.)

Eine vornehme Jungfrau zu Sorau ward krank und mußte geschröpft werden. Man berief einen Badergesellen und dieser setzte ihr die nöthigen Schröpfköpfe. Aber kaum hatte sich dieser Mensch entfernt, so merkte die Jungfrau, daß er es ihr angethan hatte und daß sie von demselben nicht mehr lassen könne. Sie schnitt sich selbst in den Finger, um dadurch Gelegenheit zu haben ihn wiederzusehen und ward vollständig liebeskrank, zum großen Herzeleid ihrer Eltern. Dieselben wandten sich nun an den wegen seiner geheimen Künste berüchtigten Magister Streuber, der im Jahre 1573 Superintendent zu Sorau ward, und dieser ließ sich auch bereit finden, der Jungfrau einen Trank zu brauen, der das Gegentheil bewirken und sie von dem Liebeszauber heilen sollte. Aber die Arznei wirkte auf andere Weise, die Jungfrau ward todtkrank davon und starb nach wenig Tagen, also daß sie freilich von dem ihr angethanen Bann für immer befreit war.


341. Wie den Bibersteinen zu Sorau ihr Tod verkündigt worden.

[393] (S. Magnus S. 31.)

Im Jahre 1551 ist der letzte Herr von Sorau aus der Linie der Bibersteine zu Friedland gestorben. Es war nämlich eine alte Sitte dieser Familie, daß sobald sich auf dem Schlosse zu Sorau mehrere Male hinter einander ein Mönch ohne Kopf sehen ließ und der regierende Herr gleichzeitig ein kleines Unwohlsein an sich verspürte, er sich nach Friedland begab, um sich dort niederzulegen und zu sterben, und also hat es auch der letzte dieser Familie Herr Christoph gehalten, der am 10. Dezember zu Friedland auf dem dasigen Schlosse verschieden ist.



345. Die Teufelsschmiede bei Friedersdorf an der Spree.

[394] (S. Gräve, Volkssagen a.d. Lausitz. Bautzen 1839 S. 61.)
Wenn man von Spremberg nach dem freundlichen Friedersdorf geht, so liegen links am Wege einige wild über einander geworfene Felsenstücke, welchen das Volk den Namen der Teufelsschmiede gegeben hat. Nun lebte zu jener Zeit zu Spremberg ein sehr geschickter Huf- und Waffenschmied, welcher Tag und Nacht arbeitete, aber nur des Sonntags ruhte um die[394] Kirche zu besuchen. Da trug es sich einmal zu, daß bei ihm ein fremder Ritter aus dem Frankenlande einen Harnisch, aber unter genauer Angabe der Zeit und Stunde des Abholens bestellte. Der Schmied, der keinen Grund sah, warum er nicht auf dieses Verlangen eingehen sollte, schlug ein und versprach den Harnisch zur bestimmten Zeit fertig zu halten.
Er begann auch flugs seine Arbeit, allein sonderbarer Weise, obgleich er schon Hunderte von Malen genau dieselben Waffenstücke gefertigt hatte, dieses Mal verunglückte ihm Alles, bald verlöschten ihm die Kohlen, bald verbrannten sie das Eisen und den Stahl, bald brachen ihm die Werkzeuge, bald hatte er wieder das Maaß verloren, er konnte nichts zu Stande bringen.
So ging es fort, es wurde nichts und wurde nichts, nur noch vier Tage fehlten an dem Termin, wo er seine Arbeit abliefern sollte, und er war ganz außer sich, daß er das erste Mal in seinem Leben sein gegebenes Wort nicht halten konnte. Da lag er eines Nachts schlaflos auf seinem Lager und sann darüber nach, wie er sich dem Ritter gegenüber herausreden solle, auf einmal klopfte es gerade zur Mitternachtstunde an sein Fenster, er sprang aus dem Bette um zu sehen, wer denn der so spät kommende Gast sei, und siehe es stand ein Mann mit einer spitzen Habichtsnase und struppigem Kinnbart, der anscheinend lahm war, sonst aber eine ziemlich phantastische Kleidung und einen Hut mit rother Feder trug, vor der Thür, gab sich für einen wandernden Schmiedegesellen, der weit herkomme, aus und bat um ein Nachtlager. Der Meister ließ ihn natürlich ein und setzte ihm auch einen Imbiß vor, so gut er ihn zu dieser späten Stunde schaffen konnte, und während jener es sich wohlschmecken ließ, erzählte er ihm den sonderbaren Fall mit dem nicht fertig zu machenden Harnisch. Da meinte der Fremde, so etwas komme ihm nicht das erste Mal vor, es müsse ihm Jemand etwas angethan haben, doch lasse sich leicht Abhilfe finden, er wolle sich die Sache beschlafen und am andern Morgen selbst mit Hand anlegen, vielleicht daß dann das Werk besser von Statten gehen werde. Am andern Tage machten sich nun wirklich Beide an die Arbeit und der Schmied war ganz erstaunt, wie dieselbe jetzt vorwärts ging, der schwere Hammer flog in den Händen des fremden Gesellen wie ein Flederwisch auf und nieder und siehe als der Abend kam, war die Rüstung fix und fertig, so daß nur noch das Poliren derselben übrig war, und auch dieses ging so schnell am zweiten Tage aus dem Zeuge, daß als der Ritter am Abend kam, Alles fertig war und letzterer entzückt über die Arbeit, das Dreifache von dem Geforderten bezahlte. Den Tag darauf rüstete sich der fremde Geselle zur Abreise und der Meister wollte ihm nun seinen Lohn auszahlen, allein derselbe wies selbigen zurück und sagte, er arbeite nicht für Geld, sondern was er thue, thue er lediglich aus Gefälligkeit, er bitte ihn blos, seinen Namen auf ein Stück Papier zu schreiben, damit er ein Andenken von ihm habe, es mache ihm nämlich Vergnügen, in freien Stunden sich aller der Herbergen zu erinnern, welche er auf seiner Wanderschaft besucht habe, und dazu brauche er eben auch seinen Namen. Da versicherte ihm der Schmied, er sei außer Stand ihm diesen Gefallen zu erweisen, er habe weder Tinte noch Feder noch Papier im Hause, und überdies könne er auch nicht schreiben. Da meinte der Fremde, dem sei leicht abzuhelfen, er habe zufällig ein Stück[395] Papier in der Tasche, er brauche sich nur mit einem Messer in die Hand zu ritzen, da hätten sie ja rothe Tinte, eine Feder könne er ihm auch borgen, und nun solle er mit derselben irgend ein Zeichen, nur kein Kreuz, denn Kreuz gebe es so schon genug auf Erden, auf das Papier machen, das genüge ihm zum Andenken, Da merkte der Schmied, mit wem er es zu thun habe, und indem er ihm das ganze Geld, was er für die Rüstung erhalten hatte, vor die Füße warf, rief er: »Hier nehmt in Gottes Namen Alles, das Papier aber unterzeichne ich nicht!« Da fuhr der Fremde, als er den Namen Gottes hörte, schnell mit dem Rufe: »Gut denn, ich werde schon schmieden«, zum Fenster hinaus.
Einige Tage nachher sah man plötzlich auf dem gegenüberliegenden Berge ein Haus sich erheben, um welches der teufelische Schmiedegeselle lustig herumsprang, und am grünen Donnerstag war Alles darin fertig, so daß am Charfreitage schon helle Funken aus der Esse aufflogen und kräftige Hammerschläge weit umher ertönten. Da fiel der fromme Schmied nieder auf seine Kniee und flehte zu Gott, dieser möge alles Unheil von ihm wenden und ihn vor den Anfechtungen des Teufels bewahren. Dies half ihm aber nur sehr wenig, der fremde Schmied arbeitete ungestört an Sonn- und Werkeltagen und zog die ganze bisherige Kundschaft des alten Schmieds an sich, denn diesem Letztern mißlang jede Arbeit, bei seinem Nebenbuhler aber fand man bei geringerer Bezahlung bessere Bedienung. Zum Glück dauerte diese Herrlichkeit nicht lange. Am Himmelfahrtstage frühe, als der alte Schmied noch im besten Schlafe lag, erscholl auf einmal ein plötzlicher Donnerschlag, erschrocken fuhr er auf, eilte nach dem Fenster und sah, wie der Teufel in seiner wahren Gestalt in die Erde sank, das Haus in Trümmer stürzte, die wild über einander geworfenen Felsen, wie man sie heutigen Tages noch sieht, zusammenrollten und eine Jünglingsgestalt, in der Rechten ein Schwert, in der Linken eine Wage haltend, sich in die Lüfte schwang. Von dem Augenblick an war aber auch der Zauber, der über dem Schmied gehangen hatte, aufgehoben, er konnte wieder arbeiten wie sonst, nichts mißglückte ihm mehr.

346. Der Schlangenkönig zu Lübbenau und das Wappen der Grafen von Lynar.
[396] (S. Büsching, Wöchentliche Nachr. f. Freunde d. Geschichte etc. Breslau 1817 Bd. III. S. 342 etc. Haupt Bd. I. S. 75.)

Das alte Schloß zu Lübbenau, das schon seit dem 15. Jhdt. steht, gehört den Grafen von Lynar, welche einst aus Toscana nach Deutschland gekommen sein sollen. Auf dem Schlosse befindet sich noch heute das Bild eines alten Ritters mit der Unterschrift: »Mit deme Grave Roch in Deutschland kommen.« Diese Grafenfamilie führt heute noch im Wappen eine gekrönte Schlange mit einer Mauer. Man erzählt sich nun aber die Ursache, weshalb die Lynar's zu diesem Wappen gekommen seien, also.
Es sind in und um Lübbenau in den vielen Armen der Spree unzählige Wasserschlangen, die aber gänzlich unschädlich sind und von Niemandem gefürchtet werden. Früher sollen dort auch geflügelte Schlangen existirt haben, allein jetzt hat schon lange Niemand mehr dergleichen gesehen. Wohl aber giebt es in jedem Hause eine sogenannte Hausschlange, d.h. eigentlich ein[396] Pärchen, eine männliche und eine weibliche, die man nur sieht, wenn der Hausherr oder die Hausmutter gestorben ist, denn da stirbt denselben stets diejenige des Paares nach, welche von demselben Geschlechte ist. Alle diese Schlangen hatten aber sonst einen König, den sogenannten Schlangenkönig. Dieses war eine große starke Schlange, welche oben auf dem Kopfe zwei gebogene Haken hatte, welche eine elfenbeinerne Krone trugen. Dieselbe war mit Diamanten besetzt und erbte von einem Schlangenkönig zum andern.
Als nun der erste Graf zu Lynar aus Italien vertrieben nach der Niederlausitz kam, um sich dort niederzulassen, da hörte er auch die Geschichte von dem Schlangenkönig und seiner unschätzbaren Krone. Weil er aber ein ebenso muthiger als schlauer Mann war, so sann er darüber nach, wie er sich wohl in den Besitz dieser Krone setzen könne. Nun hatte er gehört, daß der Schlangenkönig, wenn er mit seinen Kameraden im Sonnenscheine auf den Wiesen spielt, die Krone ablege und zwar gern auf weiße und saubere Sachen. Er begab sich also an einem schönen, sonnigen Maitage auf die Wiese, in deren Nähe jetzt das Schloß steht, breitete ein großes weißes Tuch auf dem Boden aus und versteckte sich dann, nachdem er zuvor ein kräftiges Roß bestiegen, um schnell fliehen zu können, hinter einem Erlengebüsch. Da kam nun auch richtig der Schlangenkönig und mit ihm ein Gefolge der größten und schönsten Schlangen, er legte seine Krone auf das Tuch und dann schlängelten sie sich alle den Berg hinan, wo jetzt die Eisgrube ist, und spielten dort oben nach Herzenslust. Kaum hatten aber die Schlangen den Plan verlassen, da war auch der Ritter zur Stelle, faßte das Tuch mit der Krone an seinen vier Zipfeln zusammen, schwang sich auf sein Roß und jagte auf und davon. Augenblicklich hörte er aber auch ein scharfes Pfeifen hinter sich, die Schlangen kamen vom Berge herabgeschossen und aus dem Wasser strömten noch viele andere zu Hilfe und alle eilten ihm nach und waren bald hinter ihm. Da kam der Ritter auf seiner Flucht auf einmal an eine große hohe Mauer, welche ihm den Weg versperrte. In Todesängsten hatte er keine Zeit zum Ueberlegen, er setzte seinem Pferde die Sporen ein und mit den letzten Kräften flog es über die Mauer und stürzte dann aber auch zusammen, er aber war gerettet, denn hierher konnten ihm die Schlangen nicht folgen. Er nahm nun die Krone und verkaufte sie, aus dem Erlöse aber kaufte er die Herrschaft Lübbenau und nahm zum ewigen Andenken für seine Nachkommen die Schlange mit der Krone und der Mauer in sein Wappen auf.
Seit dieser Zeit ist jedoch der Schlangenkönig selten mehr gesehen worden, überhaupt hat sich die Zahl der Schlangen in jener Gegend sehr gemindert. Indeß hat vor ohngefähr hundert Jahren ein Fischer, der in einem alten mit Weiden besetzten Graben, unweit des Schlosses an der sogenannten Schnecke, also an derselben Stelle, wo damals der Graf von Lynar den Schlangenkönig seine Krone ablegen sah, eine große Schlange mit etwas Weißem auf dem Kopfe unter einer Menge von Fischen mit aus dem Netze gezogen. Wie es nun dort die Leute in der Gewohnheit haben, daß sie jede Schlange tödten, welche sie finden, so schlägt er auch nach dieser mit seinem Steuer. Da giebt diese auf einmal einen gellenden Pfiff von sich und augenblicklich ist der ganze Graben schwarz von Schlangen, die sich an seinem Ruder in die Höhe schwingen und in seinen aus einem einzigen[397] Eichenstamme ausgehöhlten Kahn drängen. In Angst und Schrecken springt er aus dem Kahne aufs Land und läuft so schnell er kann davon, die Schlangen aber immer hinter ihm drein. Zum Glück fällt es ihm ein seine Jacke auszuziehen und von sich zu werfen. Auf diese stürzen sich die Schlangen wie rasend und inzwischen entkommt er. Die Jacke aber fand man nach mehreren Tagen in dem faulen Graben durch und durch zernagt, eine Warnung, wie es ihm ergangen sein würde, wenn sie ihn erwischt hätten. Er hat sich aber seit dieser Zeit wohl gehütet die unschuldigen Thiere zum Vergnügen zu tödten. Jene Schlange ist aber der Schlangenkönig gewesen, der nur noch die Haken am Kopfe, aber keine Krone mehr gehabt hat. Ob ihn übrigens der Schlag des Fischers getödtet hat, weiß man nicht, gesehen hat man ihn nicht wieder.






347. Der Wassernix als Kater in der Buschmühle bei Lübbenau.
[398] (S. Büsching Bd. IV. S. 16. Haupt Bd. I. S. 51.)

In der Buschmühle unweit Lübbenau im Spreewalde hat früher ein Nix sein Wesen getrieben und einen eigenen Gang gehabt, auf dem hat er immer Pferdegraupen gemahlen. Da ist der alte Müller gestorben und sein Nachfolger, der von diesem unheimlichen Müllerburschen Kenntniß bekommen, hat nichts mehr von ihm wissen wollen und darauf gesonnen, wie er ihn los werden könne. Einst sitzen nun die Mahlgäste bei ihm um einen Kessel voll Fische am Feuer und erzählen sich von Nixen und Martin Pumphut67, ein wandernder Mühlknappe und Erzzauberer saß zufällig auch mit dabei. Auf einmal erscheint ein großer schwarzer Kater und langt mit seiner Pfote hinein in den Kessel nach den Fischen, Martin Pumphut aber nicht faul, schlägt ihn tüchtig auf dieselbe, so daß er mit lautem Miauen verschwindet. Aber eine unsichtbare Macht mahlt immerfort den Nixengang, obwohl er geschützt ist, und wirthschaftet ganz furchtbar darin herum. Da erbietet sich Martin Pumphut gegen den Müller, er wolle ihm für ein gutes Stück Geld den lästigen Gast schon wegbringen. Am nächsten Abend schüttet er Pferdegraupen unter die Fische und thut mit den andern Gästen, als äßen sie frisch darauf los. Der Nix hat nun aber die Witterung von den Graupen und kommt richtig wiederum als schwarzer Kater zu dem Kessel, und langt ohne Weiteres, als wenn gar Niemand da wäre, mit der Pfote in den Kessel, Martin Pumphut aber nimmt das Schlichtbeil und haut ihm mit demselben die Pfote ab, also daß sie in den Kessel fällt. Darauf ist der Nix mit entsetzlichem Miauen verschwunden und seitdem nicht wieder erschienen, der Pferdegraupengang aber stand augenblicklich still und keine Kunst des Mühlenmeisters war im Stande ihn wieder zum Gehen zu bringen. So ist es geblieben bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts, wo die Mühle abgebrannt ist und mit ihr der berüchtigte Nixenmahlgang

349. Der Jungfernstein auf dem Leiper Berge bei Hoyerswerda.
[399] (Nach Haupt Bd. II. S. 119.)

Der Jungfernberg heißt so von dem sogenannten Jungfernstein, einem drei Ellen langen, anderthalb Ellen breiten und unten ohngefähr eine halbe Elle dicken, oben aber flachern Stein. Um demselben herum liegen noch andere kleinere Steine, von denen der eine das Bett, der andere der Tisch und der dritte die Wiege heißt. Der große Stein aber soll seinen Namen von folgender Begebenheit haben.
Einst war eine vornehme hochadelige Jungfer von einem geringen Manne schwanger geworden, kurz vor ihrer Entbindung flüchtete sie sich aus Furcht vor den Mißhandlungen ihres erzürnten Vaters hierher auf diesen Berg. Da sie aber nicht mehr weiter konnte, legte sie sich, weil sie kein anderes Lager fand, auf diesen harten Stein. In der Angst der Geburt aber that sie ein Gelübde, sie wolle, wenn ihr Gott einen Sohn schenke, hier eine Kapelle bauen. Da sie jedoch einer Tochter genaß, so unterblieb der Bau, so daß nur der Stein noch seinen Namen behielt.


350. Die Schlangenkönigin von Klingewalde.

[399] (Nach Haupt Bd. I. S. 77.)

Einst ritt der Junker von Klingewalde auf die Jagd, und als er müde war, legte er sich unter einem Eibenbaume am Rande des Baches, der durch den Klingewalder Busch fließt, nieder zum Schlafen. Da däuchte es ihm, als käme aus dem Wasser eine wunderschöne grüne Schlange herausgekrochen, die ringelte sich und züngelte im Sonnenscheine an dem jenseitigen Ufer des Baches. Auf ihrem Kopfe aber trug sie eine glänzende Krone mit einem herrlichen Rubinsteine und ihre Augen blitzten so munter wie die Augen einer Jungfrau, und mit diesen schaute sie den Junker so feurig an, daß er sich nicht satt an ihr sehen konnte und sich in die Schlangenkönigin verliebte. Sobald er aber aufsprang und die Arme nach ihr ausbreitete, da verschwand sie blitzschnell in den Wellen des Baches. Dem Junker aber hatte die schöne Schlange es angethan, er konnte nicht mehr ruhen, er mußte tagtäglich hin zu derselben Stelle am Bache und dort unverwandt der Schlange zusehen, wenn sie im Sonnenglanz sich ringelte und züngelte. Weil er aber immer so sehnsüchtig nach ihr hinblickte, da fühlte die Schlangenkönigin Mitleid mit ihm und rief ihm zu, es gebe ein Mittel sie zu gewinnen: er solle auf seinem weißen Pferde, ein weißes Tuch in der Hand, mit einem Satze über den Bach springen, dann werde sie sammt dem unschätzbaren Edelsteine auf ihrem Haupte sein Eigen werden. Am andern Tage ließ nun der Junker auch richtig sein milchweißes Roß satteln, nahm ein weißes Tuch in die Hand und ritt durch den Wald zur Stunde des Mittags und auf der andern Seite des Baches stand wirklich die Schlangenkönigin, aber heute als eine herrliche Jungfrau, die funkelnde Krone auf dem Haupte. Aber als er nun seinem Rosse die Sporen in den Leib drückte, um einen Anlauf zu nehmen zu dem gefährlichen Sprunge, da erhob sich plötzlich von allen Seiten her ein schreckliches Pfeifen und Zischen, aus allen Sträuchern und Büschen kamen Tausende von Schlangen hervorgeschossen und stürzten sich mit Blitzesschnelle hinter dem Reiter her. Endlich kam er nun von Angst und Schrecken gehetzt am Ufer des Baches an, da hatten sie ihn aber auch erreicht und umringelten Roß und Mann. Mit seiner letzten Kraft setzte nun das Roß ins Wasser um seinen Herrn auf das andere Ufer zu tragen, allein im Springen ward es von den Schlangen übermannt, es brach zusammen und Roß und Reiter versanken im Wasser, die Königin aber verschwand, einen lauten Schrei ausstoßend. Sein ihm nachfolgender Diener hat das Schreckliche mit angesehen und auf dessen Veranlassung ist an jener Stelle ein Denkstein errichtet worden, der noch lange an diese Begebenheit erinnert hat.


351. Die tanzenden Steinmänner bei Königshain.

[400] (S. Gräbe S. 109.)

Auf den Königshainer Bergen steigen in der Johannisnacht wunderliche Gestalten, vom Volke Steinmänner genannt, aus der Erde herauf, versammeln sich rings auf den Berggipfeln und springen dann von Stein zu Stein, bis sie alle auf der Platte des Todtensteins zusammenkommen und paarweise gereiht feierliche Tänze aufführen bis zum grauenden Morgen. Wenn aber ein Mensch diesen Tanz mit ansieht, so bedeutet es ihm und seiner ganzen Verwandtschaft den Tod.

354. Die Holzweiblein von Königshain.
[401] (Nach Haupt Bd. I. S. 40.)

Auf dem Heideberge bei Königshain hat es ehedem viele Holzweiblein gegeben, sie sind nicht größer gewesen als kleine Kinder mit schönen langen gelben krausen Haaren. Die hat der böse Feind immer herumgejagt, und sie haben nicht eher Ruhe finden können, bis sie zu einem Baumstocke gekommen. Da hat denn der Holzhauer gerufen: »Das walte Gott«, ehe er den Baum umgeschlagen, und dann hat sie jener in Ruhe lassen müssen. Eines Tages in harter Winterzeit ist ein solches Holzweiblein zu demselben Bauer, dem der Berg gehörte, in die Stube gekommen und hat sich dort den ganzen Winter über aufgehalten und die Leute haben ihr zu essen gegeben. Beim Anfange des nächsten Frühjahrs ist aber ein zweites solches Weiblein an das Fenster des Hauses gekommen, wo das erstere in der Stube saß, und hat hinein gerufen: »Deuto, Deuto!« Wie solches das Holzweiblein drinnen gehört hat, ist es weinend und jammernd fortgegangen und niemals wiedergekommen.

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