TAGESZEITUNGEN sind ein unschätzbares
HILFSMITTEL für die
HEIMATFORSCHUNG, da sie kalendarische
EINBLICKE in das
ALLTAGSLEBEN einer bestimmten
REGION, vor allem aber detaillierte
INFORMATIONEN über
EREIGNISSE, PERSONEN & FAMILIEN in Stadt & Land – von
TODESANZEIGEN über
VEREINSNACHRICHTEN bis hin zu
TAGESBERICHTEN liefern. Sie machen uns mit der
REGIONALEN & LOKALEN GESCHICHTE, vor allem über bislang weniger dokumentierte, spezifisch regionale
VORKOMMNISSE, die sonst verloren gingen. Die
ZEITUNGSLEUTE verfolgen auch die gesamte
KULTURELLE ENTWICKLUNG in den Städten & Gemeinden, und führen uns an alte
TRADITIONEN, SITTEN & VOLKSBRÄUCHE heran.
So sind in
SENFTENBERG neben einer Vielzahl von historischen
DOKUMENTEN im
STADTARCHIV, selbstredend speziell die im
KREISARCHIV aufbewahrten, leider unvollständigen
ZEITUNGSBÄNDE des
>SENFTENBERGER ANZEIGER< wertvolle
ZEITZEUGEN, die neben der
„WELTGESCHICHTE“ auch die nicht weniger spektakulären örtlichen
EREIGNISSE & banalen
VORKOMMNISSE unserer
HEIMATSTADT von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis zur Nachkriegszeit in Echtzeit dokumentieren, wobei sie sowohl die Berichterstattung als auch die Propaganda der jeweiligen Ära widerspiegeln.
Auf sie wurde ich erst durch die dreiteiligen
>SENFTENBERGER RÜCKBLICKE< von
WERNER FORKERT hellhörig, der im
VORWORT zu seinen
BÜCHERN schrieb:
“Von besonderer Bedeutung für die Zusammenstellung sind die ARTIKEL in der HEIMATZEITUNG >Senftenberger Anzeiger<. Aus diesem sehr umfangreichen FORSCHUNGSMATERIAL ist es mir nur möglich, einige TEILE zu veröffentlichen…“. Diesem sprichwörtlichem „Wink mit dem Zaunpfahl“ folgend, nahm ich in jahrelanger
RECHERCHE die bereits „überstrapazierten“
SAMMELBÄNDE, noch bevor sie digitalisiert wurden, per KAMERA in Augenschein – und nutze sie seitdem als
FAKSIMILE bzw.
TEXTVORLAGE für meine
KOMMENTARE – im Gegensatz zu den >JÄGERN & SAMMLERN<, die überwiegend nach imaginären CHRONIKEN buddeln – jedoch nur, um sie zu besitzen, nicht aber zu propagieren…
Das
2-MANN-TEAM von
>gruss-aus-senftenberg.de< wird daher von der
KONKURRENZ neidvoll ignoriert und als
>ZEITUNGSFORSCHER< betitelt, was uns allerdings völlig kalt lässt, denn
WIR messen uns ausschließlich am
WACHSENDEN INTERESSE der
HEIMATFREUNDE an den restaurierten
BILDERN & begleitenden
KOMMENTAREN…
Um die VORGEHENSWEISE bei der
NUTZUNG VON TEXTMATERIAL aus dem >Senftenberger Anzeiger< zu demonstrieren, blätterte ich nach den BERICHTEN einstiger ZEITZEUGEN vom „WEIHNACHTS~ & NEUJAHRSFEST 1925/26 im LOKALBLATT weiter vom 2. bis zum 10. Januar und stieß dabei auf eine VERSAMMLUNG der Gemeindevertretung des Dörfchens
RAUNO, dessen ORTSABBRUCH unmittelbar bevorstand. Mich beeindruckte der starke ÜBERLEBENSWILLEN der DORFBEWOHNER, die zum ABSCHIED nicht nur an das Schreiben einer
CHRONIK, sondern mit tränenfeuchten AUGEN sogar ein
ALLERLETZTES FRÖHLICHES VOLKSFEST planten…
3.01.1926 „Schon in der letzten GEMEINDEVERTRETERSITZUNG war von einigen Einwohnern RAUNOS die Anregung an den Gemeindevorsteher gekommen, zur ERINNERUNG an den Ort RAUNO eine CHRONIK anfertigen zu lassen, die den FAMILIEN ein bleibendes ANDENKEN an ihren HEIMATORT sein soll. Inzwischen sind nun nähere ERKUNDIGUNGEN über den PREIS & die AUSGESTALTUNG eingezogen worden.
Lehrer G l i e n k e, der die BEARBEITUNG übernommen hat, teilte mit, daß er in ungefähr 4 Wochen die ARBEIT als MANUSKRIPT der GV vorlegen könne. Man will dann zu endgültigem ENTSCHLUSS darüber kommen. Wir halten diese PFLEGE DES HEIMATGEDANKENS für außerordentlich wünschenswert. Gewiß ist heute mindestens ein Drittel der EINWOHNER RAUNOS erst nach dem KRIEGE zugewandert. Aber für die KINDER ist der ORT doch inzwischen die HEIMAT geworden und sie werden sicher lebhaft begrüßen, über die bewegte VERGANGENHEIT des Ortes aus dem BÜCHLEIN etwas zu erfahren.“
„Nach amtlicher MITTEILUNG der GRUBE ILSE, werden im Februar & März d.J. 90 FAMILIEN infolge ABBRUCHES eines TEILES des DORFES RAUNO den ORT verlassen. Infolgedessen verringert sich auch die SCHULKINDERZAHL. Die GV bittet daher die REGIERUNG, dementsprechend zum 1. April 1926 LEHRERSTELLEN einzuziehen. Der GVorsteher teilte der Versammlung mit, daß die VERHANDLUNGEN über den VERKAUF der alten bzw. BAU der neuen SCHULE in der letzten Zeit eher rückwärts als vorwärts gegangen seien. Ferner teilte er mit, daß das GEMEINDEHAUS zum 1. Juli geräumt werden muß, und damit den MIETERN (nicht den ORTSARMEN) am 1. Januar die WOHNUNGEN gekündigt wird, dergestalt, daß die WOHNUNGEN am 1. Juli d.J. frei werden. An die BEDÜRFTIGEN EINWOHNERN des Ortes werden je 10 Mark als WEIHNACHTSGABE verteilt, zusammen 250 Mark.“Auf den nachfolgenden
ZEITUNGSSEITEN ergoss sich eine wahre
INSERATENFLUT, in denen ausschließlich nach arbeitswilligen
MÄDCHEN gesucht wurde – was sich nachweislich alljährlich wiederholte:
Aus ERZÄHLUNGEN meiner OMA erfuhr ich, dass ihre 3 TÖCHTER, darunter meine MUTTER, in jungen Jahren IN STELLUNG WAREN – selbstredend nicht mit Gewehr im Anschlag…!
Der Ausdruck
„IN STELLUNG GEHEN“ war besonders in den 1920er Jahren gebräuchlich und bedeutete, dass ein JUNGES MÄDCHEN eine Anstellung als HAUSANGESTELLTE – also als DIENSTMÄDCHEN, KÖCHIN, KINDERMÄDCHEN o.ä. – in einem bürgerlichen oder adeligen HAUSHALT annahm. Viele junge FRAUEN aus ländlichen oder ärmeren Verhältnissen gingen „in Stellung“, um ihren LEBENSUNTERHALT zu verdienen. Es war oft eine der wenigen Möglichkeiten, EIGENES GELD zu verdienen, bevor sie heirateten. Diese neue LEBENSWELT war geprägt von harter ARBEIT, DISZIPLIN & sozialer ABHÄNGIGKEIT – aber auch von ersten Schritten in Richtung SELBSTÄNDIGKEIT, da die MÄDCHEN eigenes GELD verdienten und ERFAHRUNGEN außerhalb des Elternhauses sammelten.
Um jedoch nicht völlig unbedarft „IN STELLUNG ZU GEHEN“ bzw. keine DIENSTHERRSCHAFT gefunden wurde, schickten ELTERN ihre TÖCHTER wohlweislich noch zum sog. HAUSHALTUNGSUNTERRICHT<, wo sie wenigstens das HAUSWIRTSCHAFTEN – eine wichtige FERTIGKEIT als spätere EHE~ & HAUSFRAU – lernen würden…
TYPISCHE ROLLEN & DEREN SPEZIELLE TÄTIGKEITEN:1. HAUS~ & DIENSTMÄDCHEN erledigten allgemeine HAUSARBEITEN: Putzen, Wäsche waschen, Betten machen, Feuer anheizen, Einkäufe erledigen. Der TAG begann meist sehr früh, oft gegen 5 Uhr morgens, und endete spät am ABEND.
2. KÜCHENMÄDCHEN arbeiteten unter der KÖCHIN oder führten, sofern der HAUSHALT kleiner war, die KÜCHE selbst. Ihnen oblag: Gemüse putzen, Geschirr spülen, Herd reinigen, Vorräte verwalten & einfache Speisen zubereiten.
3. KINDERMÄDCHEN kümmerten sich um die KINDER der Familie durch Anziehen, Füttern, Spazierengehen, Spielen, Beaufsichtigen. Oft lebten sie eng mit den KINDERN, aber sozial standen sie zwischen FAMILIE & DIENERSCHAFT.
4. AUFWARTEMÄDCHEN waren für das AUFRÄUMEN & BEDIENEN zuständig – etwa Tee servieren, Zimmer aufräumen, Gäste empfangen. In kleineren Haushalten übernahmen sie MEHRERE AUFGABEN gleichzeitig.
5. STUBENMÄDCHEN waren für die ORDNUNG & SAUBERKEIT in den PRIVATRÄUMEN der Herrschaft zuständig und waren meist sehr adrett mit SCHÜRZE & HÄUBCHEN gekleidet, da sie jederzeit mit der DIENSTHERRSCHAFT zu tun haben konnten.
6. ALLEINMÄDCHEN waren in kleineren bürgerlichen Haushalten die einzigen HAUSANGESTELLTEN und mussten ALLES erledigen: Kochen, Putzen, Einkaufen, Kinderbetreuung.
Diese STELLUNG war besonders anstrengend, da keine ARBEITSTEILUNG möglich war.
ALLTAG & LEBENSBEDINGUNGEN DER DIENSTMÄDCHEN• Die
ARBEITSZEITEN waren sehr lang, oft 12–16 Stunden täglich,
mit nur einem freien Nachmittag oder Sonntag im Monat;
• Die
UNTERKUNFT bestand zumeist aus einem kleinen, einfach möblierten ZIMMER im Dachgeschoss oder Keller;
• Die
BEZAHLUNG war gering – häufig nur KOST, LOGIS & kleiner LOHN.
•
DIENSTKLEIDUNG war Pflicht und bestand zumeist aus einer einfachen, dunklen ARBEITSKLEIDUNG mit SCHÜRZE.
•
SOZIALE STELLUNG: die DIENSTMÄDCHEN standen gesellschaftlich niedrig und mussten stets GEHORSAM & ZURÜCKHALTUNG zeigen. Dennoch waren sie unverzichtbar für den bürgerlichen Haushalt.
Durch Industrialisierung & neue Arbeitsmöglichkeiten in FABRIKEN oder BÜROS verließen viele junge Frauen den DIENST. Dennoch blieb das „in Stellung gehen“ bis in die 1930er Jahre hinein eine weit verbreitete
LEBENSFORM FÜR MÄDCHEN AUS EINFACHEN VERHÄLTNISSEN.Mein OPA war zeit seines Lebens FABRIKARBEITER auf >MEUROSTOLLN<, meine OMA war ZEUGIN seiner schweren Arbeit und wollte daher keine „FABRIKMENSCHEN“ großziehen, d.h. ihre TÖCHTER sollten keine ARBEITERINNEN werden – zu groß war ihr BEWUSSTSEIN von dem ELEND, welches sie erwarten würde.
„EIN MÄDCHEN IN DER FABRIK – UM GOTTES WILLEN !
MÄDCHEN gehören als DIENSTMÄDCHEN in HAUSHALTUNGEN, mit einer schönen, weißen SCHÜRZE um – hinten mit ‘ner großen SCHLEIFE!“ALL DAS HÄTTE ICH OHNE MEINE OMA & DIE STELLENANGEBOTE IM >SENFTENBERGER ANZEIGER<
WOHL NIE IN ERFAHRUNG GEBRACHT…