Neues 411 - 2020-02-16

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Matthias
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Neues 411 - 2020-02-16

Beitragvon Matthias » Sa 15. Feb 2020, 17:29

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Harald
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Re: Neues 411 - 2020-02-16

Beitragvon Harald » So 16. Feb 2020, 13:58

F. i.d.w.D._resize.jpg

War es früher vor allem die DORFJUGEND, die durch die Straßen zog, sind mittlerweile auch „die älteren Semester“ innerhalb der
ZAMPERGESELLSCHAFT vertreten, um die bösen Geister des dunklen Winters zu vertreiben. Als Dank gibt‘s Eier, Speck und Geld von den Dorfbewohnern. Auch AUTOFAHRER werden durch „selbsternannte Zöllner“ oder „moderne Wegelagerer“ charmant, aber resolut, zur Kasse gebeten und erhalten dafür neben einem vielstimmigen „Dankeschön“ mitunter als Gegengabe auch schon mal ein kleines Fläschchen Hochprozentigen.
Für mich, als im Jahre 1966 gestarteter BRIESKER JUNGLEHRER, war es natürlich unumgänglich, mich mit geschulterter >Quetschkommode< (Akkordeon) in den NIEMTSCHER ZAMPERZUG einzureihen, um damit vor allem den Kontakt zu den „Eltern meiner Schüler“ zu festigen.
Beim UMZUG von Hof zu Hof und dem zwischenzeitlichen gemeinsamen Leeren eines Gläschens lernte ich im wahrsten Wortsinn die „Elternhäuser“ in fröhlich-ausgelassener Atmosphäre kennen
– und das kam gut an !

Zampern Niemtsch_resize.jpg

Hinter dem niederlausitzischen Ausdruck
>ZAMPERN<
(vom sorbischen „camprowanje“ = „Heischen, Einfordern“) verbirgt sich so viel wie
„zur FASTNACHT mit Musik frei oder vermummt herumgehen, mit den MÄDCHEN jedes Hauses tanzen,
allen Bier schenken und dafür ein Geschenk von Eßwaaren annehmen“
.
(1799)


Entstanden ist dieses alljährlich vor der FASTNACHTSZEIT stattfindende FEST aus vorchristlichen Glaubensformen (Fruchtbarkeits~, Begrüßungs~ & Vertreibungszauber). Das Maskieren und Verkleiden, das Lärmen und Musizieren sowie das Schlagen mit Weiden~/ Birkenruten soll böse Geister, Gespenster und Dämonen vertreiben.
Kein Wunder also, dass PREDIGER, vor allem DORFPASTOREN in ihren SONNTAGSPREDIGTEN sich christlich-redlich bemühten, das heidnische ZAMPERFEST abzuschaffen und es deshalb – wie hier 1855 – in Grund und Boden verdammten:

„Es ist jene Zeit des Jahres, in welcher des GUTEN am allerwenigsten, des BÖSEN aber am meisten zu geschehen pflegt, eine Zeit, in welcher eine Menge CHRISTEN in lächerlichen AUFZÜGEN mit abenteuerlichsten LARVEN, VERKLEIDUNGEN, LÄRM & GESCHREI wie BLÖDSINNIGE auf den Straßen sich öffentlich zur Schau ausstellen und törichte POSSEN treiben, deren ein verständiger Mensch, geschweige ein gläubiger Christ,
sich schämen sollte…
Sonderlich die KNECHTE gehen mit einem DUDELSACK durchs Dorf von Haus zu Haus, singen, saufen, tanzen und rasten in den Häusern,
als seien es UNSINNIGE. Im Nachhinein tun sie sich zusammen, saufen, tanzen und lärmen etliche Nächte durch, daß man kaum davor schlafen kann.
Bei solchem gottlosen NACHTTANZE finden sich auch einige leichtfertige MÄGDE und wohnen dem verfluchten Handel bei.“


– aber es war dem einfachen Volk einfach ZU SCHÖN !

In der LAUSITZ singt man zur FASTNACHT gern ZAMPERLIEDER, während man mit Musik herumzieht, sich allerlei GABEN erbettelt,
um sie dann im WIRTSHAUS zu verzehren und sich auf alle Weise lustig macht:

Lied_resize.jpg

Nun werden die Gaben eingesammelt und darauf gesungen:

„Sie haben uns eine Verehrung gegeben
für’s ganze Jahr, Jahr ein und aus,
All Unglück fahre zum Giebel hinaus !“


ZEMPERN oder ZAMPERN
wird in verschiedenen Quellen meist ähnlich, fast identisch, gelegentlich mit kleinen regionalen Unterschieden, beschrieben:

(1) „Am FASTNACHTSTAGE ziehen die Knechte mit Musik von Hof zu Hof mit Birkenreisern und stäupen zuerst die Hausfrau, dann die Töchter, dann die Mägde; die Hausfrau giebt Schnaps, in einigen Dörfern Eier oder Mettwurst; die Mädchen beschenken dagegen die Knechte mit einem Strauß von Buchsbaum oder anderem Grün mit Bändern verziert, der an den Hut gesteckt wird.
Die Würste werden auf eine große Gabel gesteckt und jubelnd durchs Dorf getragen, um zu zeigen, welche Wirthin die längste gegeben.
Ist der Umgang beendet, so ziehet die ganze Masse nach dem Kruge; Würste und Eier werden in einen Tiegel gebracht und verzehrt.
In vielen Dörfern wird nachher getanzt, hin und wieder nicht im Kruge, sondern auf den Bauerhöfen der Reihe nach.“


(2) „Die jungen Bursche des Dorfes versammeln sich am ASCHERMITTWOCH im Wirthshause, verkleiden sich bisweilen in mancherlei Thiergestalten und Vermummungen und ziehen sodann mit Musik und Bornkannen voll Bier im ganzen Dorfe von Haus zu Haus umher. Jedem wird ein Trunk gereicht und in Häusern, wo junge Weiber und Mädchen sind, tanzt man mit diesen einige mal herum. Wenn dies geschehen ist, beschenkt die Hausmutter die >ZAMPERKNECHTE< mit Wurst, Schinken, Speck, Eisern u.s.w. Alle diese Geschenke werden an eine Stange gebunden und von einem dazu bestimmten Mitgliede emporhangend getragen. Die Eier u.a. Kleinigkeiten trägt der KOBERTRÄGER, und so geht der Zug, wenn man im Dorfe herum ist, wieder in’s Wirthshaus, woselbst die Dorfschönen der Zemperknechte schon warten. Nun werden diese, jede von ihrem Burschen, hinter den Tisch geführt, wo sie dieselben mit Geld beschenken müssen, damit Bier und Musik bezahlt werden können. Dafür schmausen aber auch die MÄDCHEN von den eingesammelten Vorräthen so lange mit als sie dauern. Sie stehen dazwischen auf um zu tanzen, und setzen sich nieder um zu essen. Dieses kostet den Mädchen oft mehrere Thaler, aber für die Ehre, Magd eines Zamperknechtes zu sein, giebt Manche soviel sie nur immer kann. –
Wenn dieses Fest nun zwei oder drei Tage gedauert hat, so wird die Musik begraben und die Freude hat ein Ende."


(3) "Die MÄNNLICHE JUGEND geht in allerlei Mummenschanz, in manchen Dörfern sogar mit Musik zampern. Sie bekommen Eier & Speck – letzterer wird auf einen Spieß gesteckt und von zwei Burschen getragen.
In dem GEHÖFT, in dem ein MÄDCHEN wohnt, das ‚zu Tanze geht‘. d.h. das in dem Alter ist, wo es schon zur Tanzmusik gehen darf,
erhält jeder Bursche 2 Eier, außerdem werden die Burschen dort in das Haus gebeten und mit Kaffee und Kuchen, in den wohlhabenderen Häusern sogar mit Braten bewirtet. Die ‚erzamperten‘ EIER und der SPECK werden an einem der nächsten Abende im DORFWIRTSHAUS gemeinschaftlich verspeist.
Auf dem FASTNACHTSBALL geht es ziemlich ausgelassen zu, ist man doch ‚unter sich‘ und den Wendenmädchen ist Prüderie unbekannt.
Auch die sonst ernsten und gesetzten BAUERN tauen auf der MÄNNERFASTNACHT auf und die FRAUEN werden nach den Klängen der DORFMUSIK im alten RUNDTANZ bis zum Morgengrauen herumgeschwengt. ALTE TÄNZE wie: Dreher, Kreuzpolka, Zweitritt, Rheinländer, ‚Der Schuster flickt die Schuh‘, ‚Der schwed’sche Mann hat Hosen an‘, kommen da noch zu ihrem Recht und die Dielen des Tanzlokals erdröhnen unter den Tritten der Tanzenden.
In später Stunde wird dann mehr oder minder gerader Kurs nach Hause gesteuert und man sinkt mit dem Bewußtsein in das hochgetürmte Bett, sich wieder mal tüchtig amüsiert zu haben."


Die FASTNACHT wurde in SENFTENBERG

Wend. SFB_resize.jpg

...und den umliegenden WENDISCHEN DÖRFERN, wie aus den INSERATEN der 1920er Jahre hervorgeht, nicht auf den Tag genau, sondern bis Ende Februar gefeiert, wobei man offensichtlich Wert auf das >WENDISCHE< legte:

Finale_resize.jpg

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 verflachte der Begriff >FASTNACHT< zusehend und wurde zum >trachtenlosen VOLKSKARNEVAL< degradiert. Nur die >JÜTTENDORFER< ließen sich ihren WENDISCHEN VOLKSBRAUCH nicht nehmen, wie die „auf weiter Flur einzige wendische Überlebens-ANZEIGE“ von 1934 belegt:

Volkstracht.jpg

Werfen wir noch einen letzten DDR-Blick in das Buch >Zwischen Zwiebelmarkt und Lichterfest< von 1983
und hoffen auf einen Fortbestand dieses VOLKSBRAUCHS über alle politischen Veränderungen hinweg:

„Die BAUERN feierten unter sich, jedes Jahr auf einer anderen DIELE. Dem GASTGEBER brachte man rechtzeitig Naturalien,
damit er köstliche Speisen & Getränke zusammenstellen konnte, die Tanzmusik bestellte er auf eigene Rechnung.
KNECHTE, MÄGDE & TAGELÖHNER – die Mehrheit des Dorfes also – feierte auf einer TENNE, sie wollten es ihren Herrschaften gleichtun.
Während die WEIBSLEUT‘ die Scheune mit farbigen Tüchern & Bändern schmückten, zogen die KERLS verkleidet von Haus zu Haus und erbaten sich singend Zutaten für den Fastnachtsschmaus: Würste, Eier, Rauchfleisch und Geld. Am anderen Tag standen die MUSIKANTEN mit Dudelsack und Teufelsgeige vor der Scheune, lärmten so lange, bis der letzte anwesend war. In Häckselsäcken vermummt saß die Dorfschaft beim Schmaus auf der kalten Tenne. Dann spielte eine Kapelle einen Tusch, und die schönsten MÄDCHEN zogen die Festkrone auf: ein farbig geschmückter Pantoffel als Zeichen der nun herrschenden Frauenspersonen.“


Fastnacht_resize.jpg


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