Neues 421 - 2020-04-26

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Matthias
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Neues 421 - 2020-04-26

Beitragvon Matthias » Sa 25. Apr 2020, 07:47

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Harald
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Re: Neues 421 - 2020-04-26

Beitragvon Harald » So 26. Apr 2020, 15:51

LOGO deli und ex_resize.jpg

„Der Volksmund hatte herausgefunden, dass die DDR ein >BERGSTAAT< gewesen sei: „Ein ENGPASS reihte sich an den nächsten.“
In der Tat war der ALLTAG IN DER DDR durch immerwährende VERSORGUNGSPROBLEME gekennzeichnet. Es betraf LEBENSMITTEL, MÖBEL, KLEIDUNG ebenso wie FAHRZEUGE, URLAUSBPLÄTZE oder UNTERHALTUNGSELEKTRONIK. Nein, hungern musste niemand, frieren auch nicht, KARTOFFELN & BROT gab es immer, SOMMERSCHUHE waren im Winter, WINTERSCHUHE im Sommer zu haben. Aber wer den besonderen Pfiff suchte, die STIEFEL mit dem hohen Absatz, die modische BLUSE, den erlesenen LEDERSESSEL, das besondere Stück FLEISCH oder den frischen FISCH, die saftige SÜDFRUCHT oder den ausländischen COGNAC, der konnte bei der vergeblichen Suche leicht verzweifeln.
Es waren oft die tausend kleinen Dinge, derer man nicht habhaft werden konnte: der kleine STAHLNAGEL, die besondere SCHRAUBE, das MESSINGSCHARNIER, der DRUCKSPÜLER für die Toilette und so weiter und so fort. Sehr viel Zeit musste aufgewendet werden, um solchem Mangel abzuhelfen.“

(Diese Fakten zur MANGELWIRTSCHAFT in der ehemaligen DDR entnahm ich dem > online-Wissenspool / Alltag in der DDR<.)

HO_resize.jpg

Kurios war, dass die Bevölkerung parallel zu dieser „Wirtschaftsform“ eine ausgefeilte >BESCHAFFUNGSSTRATEGIE< entwickelt hatte, die folgendermaßen funktionierte:
Das äußerst seltene SCHWEINEFILET, die knappe RAUFASERTAPETE oder die wie Goldstaub gehandelte AUSPUFFANLAGE für den Trabi lagerten in den entsprechenden Verkaufseinrichtungen zumeist UNTER‘M LADENTISCH, weshalb sich das Verkaufspersonal, um diese zu verkaufen, erst einmal bücken musste, wodurch MANGELWARE ZU BÜCKWARE mutierte.
Deren Verteilung wiederum vollzog sich u.a. in der sehr populären & allerorts praktizierten >NACHBARSCHAFTSHILFE<:
Die FLEISCHVERKÄUFERIN brauchte dringend einige Rollen Raufasertapete, der ANGESTELLTE im Malergeschäft suchte für das bevorstehende Familienfest ein prächtiges Stück Fleisch.
Beide hatten sich schon im Vorfeld gegenseitig versichert, an einander zu denken, falls die Mangelware irgendwann eintreffen sollte. Auch der VERKÄUFER der Auspuffanlage konnte sich nach Belieben in dieses Beziehungsgeflecht einbringen. In die sprichwörtliche „Röhre“ schauten nur jene, die nichts wirklich Gesuchtes anzubieten hatten.
Erstaunlicherweise erzeugte der MANGEL nicht in erster Linie EGOISMUS, allenfalls GRUPPEN-EGOISMUS. Stieß man beim EINKAUFSBUMMEL unerwartet auf ein Angebot länger vermisster Waren, griff man zu – ob nun für den Eigenbedarf oder zur Hortung, oder eben zur Versorgung der Nachbarn, Freunde und Bekannten, die zur gleichen Zeit nicht vor Ort sein konnten. Dieses MITDENKEN beruhte auf GEGENSEITIGKEIT und machte die oft frustrierend verlaufende JAGD NACH MANGELARE etwas erträglicher. Im Gegensatz zur ELLBOGENGESELLSCHAFT im „Westen“ existierte in der DDR eine Gesellschaft der GEGENSEITIGEN HILFE, des „sich unter die Arme Greifens“. Ging man in die Stadt, musste man stets genug GELD, und vor allem ausreichend >FALLS-BEUTEL<, Transportmittel in Form von Netzen oder Stoffbeuteln, bei sich haben, um gegebenenfalls „zuschlagen“ zu können, FALLS es irgendwann, ~wo, ~etwas überraschenderweise zu kaufen gab.

Durch stetig steigende LÖHNE bei gleichbleibenden, weil subventionierten PREISEN für Miete, Grundnahrungsmittel und einfachen Konsumgütern hatten viele Haushalte erhebliche ERSPARNISSE, jedoch gab es schlicht & einfach zu wenig HOCHWERTIGE WAREN im Angebot.
Wer als SENFTENBERGER nun höhere Ansprüche stellte, fand aber mitunter den gewünschten Artikel auch im

EXQUISIT-LADEN bzw. DELIKAT-LADEN
die im Dok.film zu sehen waren.

deli und ex_resize.jpg

Ersterer hatte TEXTILWAREN, d.h. Ober- und Unterbekleidung, Feinstrumpfhosen, sowie SCHUHE, Accessoires & Kosmetika im Sortiment, letzterer dagegen ausschließlich LEBENS~ & GENUSSMITTEL – selbige auch durch Unterlaufen der politisch gewollten Preisstabilität bei Nahrungsmitteln. So verschwanden in den späten 1970/80er Jahren einige Produkte aus den herkömmlichen Geschäften, um kurze Zeit später, mit zumeist geänderten Verpackung und höheren Preisen, im DELIKAT wieder auf den Markt zu kommen.

Es gibt sehr unterschiedliche ZEITANGABEN zum erstmaligen Auftauchen der LADENKETTEN im DDR-Stadtbild.
Als ziemlich sicher gilt das Jahr 1962 für die Gründung der >EXQUISITLÄDEN<, im Volksmund kurz „Ex“ genannt.
Hier konnte der Wunsch nach dem besonderen SCHUH aus Italien oder nach einem KLEID, dessen Schnitt eleganter war als die MASSENWARE aus der volkseigenen Bekleidungsindustrie, in Erfüllung gehen – vorausgesetzt man war bereit und in der Lage, einen hohen Geldbetrag zu investieren.
Bei der >EXQUISITWARE< wurde allerdings bewusst auf QUALITÄT geachtet. 30 Modedesigner entwarfen für jede Saison eine Kollektion und stellten sie zur Leipziger Messe vor. Die dafür benötigten STOFFE kamen zumeist aus dem westlichen Ausland.
Die MUSTERMODELLE wurden strengen Tests auf Tragfähigkeit, Sitz und Passform unterworfen, bevor sie in geringer Stückzahl am Band produziert wurden. Über die in den LÄDEN angebotenen Produkte machte aber bald das GERÜCHT die Runde, dass die EXQUISIT-WAREN nur billige westliche MASSENPRODUKTE wären, die überteuert auf den ostdeutschen Markt gebracht wurden, worauf man die Ladenkette im Volksmund als „UWUBUs“ („Ulbricht‘s Wucherbuden“) verspottete.

Für das >DELIKAT<, in der Umgangssprache „Deli“ oder in Anlehnung an die Exquisit-Läden „Fress-Ex“ genannt,
reicht die Gründungszeit in verschiedenen Quellen
von: …die ersten gab es so ab ca. Mitte der sechziger Jahre / …im Jahr 1966 wurde das Einkaufsangebot der DDR um die Delikat-Ladenkette ergänzt / …seit 1976 / …entstanden ab ca. 1977 / …seit 1978 in Großstädten / …seit ca. Ende der 1970er Jahre... bis zu…Anfang der 80er Jahre.

delikat ware_resize.jpg

Wie dem auch sei – Ende der 1980er Jahre gab es rund 25 000 DELIKATLÄDEN, die sich als >Einzelhandelsgeschäfte für Lebensmittel des gehobenen Bedarfs< definierten.
Das SORTIMENT bestand hauptsächlich aus Nahrungs~ und Genussmitteln, überwiegend aus DDR-Produktion, darunter Exportartikel und andere selten erhältliche Waren in West-Aufmachung bzw. umetikettiert und bis zum Ende der DDR auch West-Marken, die in der DDR häufig in Form der Gestattungsproduktion hergestellt wurden.
Höhere Preise und aufwendiger gestaltete Verpackung sollten eine, jedoch nicht existente, höhere Qualität vortäuschen.
Im SORTIMENT fand man Vieles, was das FEINSCHMECKER-HERZ begehrte und man in den Regalen anderer Geschäfte vergeblich suchte, z.B. KONSERVEN mit Ananas, Pfirsichen oder Mandarinen, hochwertige ALKOHOLIKA aus westlicher und heimischer Produktion, edle SCHOKOLADEN oder seltene Fleisch~ und Wursterzeugnisse in Dosen und nicht zu vergessen – den schokoladigen Brotaufstrich “NUDOSSI”.
Allerdings waren die PREISE sehr hoch, so dass die Produkte nicht für jeden erschwinglich waren. Eine Dose Ananasstückchen, die in der Bundesrepublik bereits für 1 DM erhältlich war, kostete in der DDR 8 M.
Den größten Umsatz erzielte das legendäre Instantpulver TRINK-FIX in Dosen (9 Mark), die auch noch leer auf Küchenschränken einen „dekorativen Platz“ belegen durften…
Weitere interessante INFORMATIONEN zum >DELIKATLADEN<, z.B. über das Geheimnis der >SCHLAGSCHAUM< - Produktion, können auf VIDEO bei
https://www.facebook.com/mdr/videos/trink-fix-schlag-fit-co-aus-dem-fress-ex-speisen-wie-im/1535066456570952/
angeschaut werden.
Abschließend noch eine Anmerkung zur SENKRECHT-REKLAME „DELIKA…“ (letzter Buchstabe abgefallen oder entwendet?) in der „engen Bahnhofstraße“ (Foto links):
Das war keine DELIKATLADEN, sondern eine VERKAUFSSTELLE für Fleisch & Wurstwaren, die der PGH „Delikat“ angehörte.
An FLEISCH~ & WURSTWAREN mangelte es in der DDR nicht – im Gegenteil: es wurde viel zu viel davon verzehrt, was eine allgemeine ungesunde Ernährung zur Folge hatte. AUFSCHNITT gehörte zum Wochenendeinkauf, BOCKWURST wurde flächendeckend in Kiosken angeboten, wogegen sich für ROULADEN, KOTELETTS & STEAKS Warteschlangen bildeten, weil eben auch höherwertiges Fleisch verhältnismäßig billig war, was der WESTBESUCH neidvoll anerkennen musste.

Fazit:
Mit der Einführung von EXQUISIT & DELIKAT konnte die Behauptung aufrechterhalten werden, dass die WAREN DES TÄGLICHEN BEDARFS vom Preis her stabil blieben, LUXUS aber schon immer etwas teurer gewesen sei… :|

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