neues 501 - 2022-01-16

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Matthias
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neues 501 - 2022-01-16

Beitragvon Matthias » Sa 15. Jan 2022, 09:58

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Harald
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Re: neues 501 - 2022-01-16

Beitragvon Harald » Di 18. Jan 2022, 11:36

DIE HÖHERE BILDUNG DER WEIBLICHEN JUGEND

...wurde lange Zeit bevorzugt in PENSIONATEN gesucht, wobei der ausdrückliche Elternwunsch auf die Gewandtheit in BENEHMEN & AUFTRETEN in der Gesellschaft zielte. Ein bisschen auf dem Klavier klimpern und französisch plaudern galt vielen Familien als Nonplusultra WEIBLICHER VOLLKOMMENHEIT.
Erst die HÖHEREN TÖCHTER~, MÄDCHEN~ oder BÜRGERTÖCHTERSCHULEN setzten auf eine möglichst harmonische ALLGEMEINE AUSBILDUNG mit besonderer Ausrichtung auf einheitliche Bildung in Wissenschaften & Sprachen und forderten, dass die SCHÜLERINNEN diese Schule vom 6. bis zum 16. Lebensjahr besuchten, wo sie in mindestens 7 selbständigen KLASSEN, auf der Unterstufe in max. 24, der Oberstufe in 30 Stunden, (1) von DIREKTOREN, REKTOREN oder DIRIGENTEN (2) OBERLEHRERN, ORDENTLICHEN bzw. WISSENSCHAFTLICHEN LEHRERN (3) LEHRERINNEN in den FÄCHERN Religion / Deutsch (Lesen, Schreiben, Literatur) / Fremdsprachen (Französisch & Englisch) / Rechnen & Geometrie / Naturkunde (Botanik, Zoologie, Physik, Chemie) / Geschichte / Geographie / Gesang / Zeichnen / Handarbeiten / Turnen unterrichtet wurden.
Zur Erfüllung dieser Aufgabe bedurfte es aber der GEMEINSAMEN TÄTIGKEIT MÄNNLICHER & WEIBLICHER LEHRKRÄFTE, wobei letztere, vor allem dank ihrer geringeren Besoldung beschäftigt, und zumeist im Handarbeits~ oder Turn-Unterricht eingesetzt wurden.
Was die SCHULDISZIPLIN betrifft, so ist es eine irrige Meinung, dass sie in den MÄDCHENSCHULEN leichter durchzusetzen war, als in KNABENSCHULEN. Neben mancherlei UNARTEN & UNTUGENDEN, welche beiden Geschlechtern eigen sind, hatte man zwar in der KNABENSCHULE mehr oder weniger mit WILDHEIT, DERBHEIT, UNORDENTLICHKEIT, ÜBERMUT & TROTZ zu kämpfen, was in MÄDCHENSCHULEN nur selten vorkam.
Dagegen waren es bei den MÄDCHEN mehr ZERSTREUTHEIT & SCHWATZHAFTIGKEIT, EITELKEIT & EMPFINDLICHKEIT, LAUNENHAFTIGKEIT & EIGENSINN, welche die Zucht und Erziehung erschwerten.
KENNTNISSE bezüglich guten BENEHMENS & Herausbildung positiver CHARAKTEREIGENSCHAFTEN wurden mittels >BILDERBUCH< schon während der „Vorschulzeit“ belehrend vermittelt, wie nachfolgend zu sehen ist:

Bilderbuch_resize.jpg

TRAUMBERUF >MÄDCHENLEHRER<

"DAS WÄR'S !" dachten sicher viele junge REFERENDARE . Allerdings sparte die einschlägige Literatur nicht an WOHLGEMEINTEN RATSCHLÄGEN:

"Der LEHRER AN MÄDCHENSCHULEN muss neben SANFTMUT, MILDE & FREUNDLICHKEIT auch FEST & KONSEQUENT, also ein MANN sein, wenn er geachtet, und nicht verhöhnt werden will. Er muss in seinen HANDLUNGEN, WORTEN, GEBÄRDEN & BLICKEN auf strenge sittliche SELBSTBEHERRSCHUNG achten und sich vor „geschlechtlichen Verirrungen“ hüten, wie z.B. solchen BERÜHRUNGEN der Mädchen, die nur Zeichen der FREUNDLICHKEIT & LIEBE sein sollen bzw. ZÜCHTIGUNGEN, durch welche ihre SCHAMHAFTIGKEIT verletzt wird.
Speziell der UNTERRICHT bei den ÄLTEREN MÄDCHEN, denen eine schnelle Auffassungsgabe und persönliche LEHRERVEREHRUNG eigen sind, birgt natürlich ANNEHMLICHKEITEN: was kann schon anziehender sein, als von einer aufblühenden MÄDCHENSCHAR voller Anmut, Jugend & lebensfrischer Heiterkeit umschwärmt zu werden ?
Aber es ist dennoch nicht so leicht, ein guter MÄDCHENLEHRER zu sein.
Bei der geringsten TAKTLOSIGKEIT, insbesondere PARTEILICHKEIT oder gar UNGERECHTIGKEIT kann die so leicht hervorzurufende EIFERSUCHT jene ACHTUNG & VEREHRUNG in STÖRRIGKEIT & HASS verwandeln, was umso bedauerlicher ist, da MÄDCHEN oft gerade DEM LEHRER ZULIEBE lernen.
Auch sieht ein MÄDCHEN manches schärfer als ein gleichaltriger KNABE; es fühlt sich durch SCHLECHTEN AUSDRUCK, VORTRAG & BENEHMEN des LEHRERS oft auf das unangenehmste berührt. Steht der LEHRER über seinem LEHRSTOFF, so verzeihen KNABEN ihm einen mangelhaften VORTRAG oder einen altmodischen & nachlässigen ANZUG leicht, wogegen MÄDCHEN dies nicht tun und vor allem gegen PLUMPE MANIEREN rebellieren, wenn z.B. ein LEHRER regelmäßig unleidlichen, an ihm haftenden TABAKGESTANK ins Klassenzimmer bringt…"

Am NAMEN der Senftenberger „HÖHEREN BÜRGERSCHULE“ wurde ab & an „herumgeschraubt“:
1895 Höhere Schule für Knaben & Mädchen
1896 Höhere Töchterschule
1899 Privat-Töchterschule
1909 Höhere Privat-Töchterschule
1918 Höhere Mädchenschule
1919 Städtische Höhere Mädchenschule


Beispielgebend war die Zusammensetzung des LEHRERKOLLEGIUMS: es gab im Laufe der Geschichte KEINE DIREKTOREN, dafür aber 3 SCHULVORSTEHERINNEN.
Die SCHÜLERLISTE des 1. Jahrgangs 1895 unterstreicht sehr eindrucksvoll, dass sowohl sehr viele TÖCHTER, als auch vereinzelt die SÖHNE bekannter Senftenberger GESCHÄFTSLEUTE unter den ZÖGLINGEN zu finden waren, die sich im SCHULALLTAG ganz sicher an die schön gereimten VORGABEN ihres LESEBUCHES hielten:

Lesebuch_resize.jpg

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die offizielle >Baurichtlinie< bei der KLEINEN STADTVILLA-SCHULE eingehalten werden konnte, die folgendes vorschrieb:

„Bei der GRUNDRISSEINTEILUNG ist auf die Lage der KLASSEN zu achten. Diese sind vor allem gut zu legen und nach der HIMMELSRICHTUNG zu orientieren. Die ZUGÄNGE müssen klar und nicht versteckt liegen, die KLEIDERABLAGEN bequem erreichbar sein. Die FLURE sind so anzuordnen, daß nirgends GEDRÄNGE entstehen kann und keine Verkehrswege sich kreuzen. Es ist daran zu denken, daß überall die BEAUFSICHTIGUNG möglich wird. RÄUME für ruhiges Arbeiten, wie LESE~, KONFERENZ~ & DIREKTORZIMMER, sollen etwas aus dem SCHÜLERVERKEHR entrückt sein.“

Alles in allem waren die ZÖGLINGE mit ihrer SCHULE zufrieden, wie Auszüge aus TAFELLIEDERN anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von 1925 beweisen:

In SENFTENBERG, in Senftenberg, da gibt’s gar viele Straßen.
Die schönste doch, damit ihrs wißt, gewiß die PROMENADE ist.
DAS SCHÖNSTE HAUS, das liebste Haus an dieser Promenade
muß ganz gewiß die SCHULE sein, drin geh’n wir fröhlich aus und ein.
Die KLASSE, weiß und blau gemalt, die sieht uns treu beisammen;
Dort warten mit vergnügtem Sinn wir schwatzend auf die LEHRERIN.
Wir MÄDELS, lustig, nett, patent, an weißen MÜTZEN man uns kennt.
Aus allen Augen lacht die FREUDE.
JA, AUCH MÜTZEN MACHEN LEUTE !

…und ich bin mir fast sicher, dass die MÜTZENTRÄGER VON DAMALS in den 1960er Jahren den folgenden SPRUCH losgelassen hätten:

Beatles_resize.jpg

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Harald
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Re: neues 501 - 2022-01-16

Beitragvon Harald » Do 20. Jan 2022, 11:26

Es ist durchaus interessant, die TEXTE auf den RÜCKSEITEN von ANSICHTSKARTEN zu studieren.
Obwohl das zwangsläufig kurz gehaltene SCHREIBEN zumeist nicht sehr vielsagend ist, stößt man ab & an auf hilfreiche FAKTEN,
wie im nachfolgenden Beispiel zu sehen ist, bei dem leider der Anfang fehlt.

Hier der WORTLAUT:
"…außerdem über schlechte Verpflegung. Sonst habe ich keine Post gehabt. Umseitig unsere Schule und X meine Klasse, die 3 bekreuzten Kinder sind die jetzige II. Klasse, der ich Chemie erteile. Es ist eine alte Aufnahme, II = Klasse II. Jungen haben wir jetzt keine mehr.
Doch nun leb wohl, meine liebe Henne! Nun geht’s im Dauerlauf zum Abendbrot; wie ich das Turnen vermisse.
Morgen, am Dienstag, brauche ich immer erst um 10 zur Schule.
Alles Gute, meine liebe Henne, und viel innige Grüße
Deine tr(eue) Lotte. Viele herzliche Grüße an zuhause !
Mittwoch: Befiehl du meine Wege.
Donnerstag: Wie könnt‘ ich ruhig schlafen."


Lehrerin 2.jpg

Die SCHREIBERIN war augenscheinlich LOTTE WENDE, die seit 1916 (laut LISTE DER LEHRKRÄFTE von 1925) - als CHEMIE-LEHRERIN an der TÖCHTERSCHULE tätig war.
Der UNTERRICHTSRAUM der II. Klasse ist mit ROTEM KREIS, die o.a. 3 SCHÜLERINNEN mit GELBEM QUADRAT, und der RAUM ihrer EIGENEN KLASSE mit einem SCHWARZEN KREIS markiert.
Scheinbar hatte sie diese ANSICHTSKARTE in einem BRIEFKUVERT verschickt, da keine BRIEFMARKE zu sehen ist.
NORBERT JURK hat in seinem Buch >SCHULGESCHICHTEN< diese ANSICHTSKARTE auf 1910 datiert. Auf jeden Fall wurde sie vor 1916 in den Verkauf gebracht,
da auch unsere sportliche (Dauerlauf & Turnen) & religiöse (Bibelsprüche) LOTTE W. von einer "Alten Aufnahme" sprach.
FAZIT: auch "textliches Kleinvieh produziert wertvollen Mist!"


Hanna_resize.jpg

Und wie es der "SCHREIBTEUFEL" will - entdecke ich heute eine weitere POSTKARTE von LOTTE, datiert vom 23.9.1921, die uns wiederum ein paar "Neuigkeiten" offenbart:
(1) Ihre Freundin hieß HANNE, ihr liebevoller Spitzname scheint "HENNE" gewesen zu sein und dass sie in >POMMERLAND< zu Hause war, ist ebenfalls ablesbar.
(2) LOTTE schrieb u.a., dass sie die ZENSURENKONFERENZ hinter sich gebracht hatte, das >SCHREIBEN<, welches auch immer, stehe aber noch an.
Möglicherweise könnte es die sehr zeitaufwändige >ZEUGNIS-SCHREIBEREI< gewesen sein.
(3) LOTTE hatte auch einen TURNKURSUS absolviert der mit einem VERGNÜGEN endete, bei dem sie SIEGERIN im DAMENSCHNELLLAUF wurde...

ICH BLEIBE AN LOTTE DRAN...! :D


(4) HANNA hieß eigentlich JOHANNA, und gehörte kurzzeitig von 1919-1920 zum LEHRERKOLLEGIUM der TÖCHTERSCHULE.
Nach ihrer Versetzung nach Pommern erkrankte sie und bekam GRUSSKARTEN mit Genesungswünschen von ihren ehemaligen SCHÜLERINNEN.
...und WIR nutzen ganz einfach diese TEXTE für eine ÜBUNG in der SÜTTERLIN-SCHRIFT ! AUF AN'S WERK !

Karten_resize.jpg


AUFLÖSUNG ;)
Wuensche_resize.jpg

dietmar
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Re: neues 501 - 2022-01-16

Beitragvon dietmar » Mo 7. Feb 2022, 15:49

Höhere Mädchenschule Senftenberg
Ich hoffe, daß mein erster Beitrag im Forum von einigem Interesse ist und nicht schon vor GrußSFB504 Ähnliches vorgetragen wurde.
Meine historischen Angaben zur Höheren Mädchenschule habe ich im "PAULITZ" gelesen und die anderen Bemerkungen sind Findungen aus Senftenberger Adreßbüchern und eigene hoffentlich stimmende Erinnerungen.
Eine erste Mädchenschule, ohne "Höhere", soll es schon 1647 zu Senftenbergs sächsischer Periode gegeben haben. PAULITZ erwähnt einen Streit, an dem ein Mädchenschullehrer Martin Socherich beteiligt war. Eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dieser Mitteilung scheint allerdings sehr angebracht.
Die ersten Schulräume der Höheren Mädchenschule lokalisiert PAULITZ ab Oktober 1895 im Haus des Rechtsanwaltes Quasnick an der damaligen Dresdner Str. 1. Zu DDRZeiten war hier u.a. eine Berufsschule.
Das Grundstück für die Höhere Mädchenschule und ihrem Pensionat an der damaligen Ostpromenade 8 und 10 erwarben die Unternehmer Reschke und Schöppentau und stellten es für ein Schulhaus und das Pensionat zur Verfügung. Nach Fertigstellung beider Gebäude begann der Schulbetrieb Ostern 1896 nach den Unterlagen in privater Trägerschaft. 1918 war der offizielle Name Städtische Höhere Mädchenschule, also in Trägerschaft der Stadtgemeinde.
Meine ersten Erinnerungen an die beiden Gebäude und etwas unsicherer an die daneben stehende Villa Schöppentau, später Cafė Sanssouci und dann Cafė Vaterland, sind drei von einem Zaun ähnlich mittelalterlicher Palisaden umgebene Gebäude, vor denen hier und da bewaffnete Wachposten standen oder patrouillierten. Es war nach 1945 ein Standort der sowjetischen Sieger in Senftenberg. Der zweite Standort der Roten Armee war an der Calauer Str. am Waldhof oder am Victoriagarten. Wahrscheinlich residierte Senftenbergs späterer Ehrenbürger Gardeoberst Soldatow als Stadtkommandant in der Villa.
Die Villa selbst berührt nun wieder meinen eigenen Lebenslauf.
Der Unternehmer Max Schöppentau hat die Villa Anfang des 20. Jahrhundert an Oskar Kubsch verkauft. Der betrieb hier das oben erwähnte Cafė mit Kabarettveranstaltungen.
Ich kann den weiteren Ablauf nur an Hand der mir zugänglichen Senftenberger Adreßbüchern nachverfolgen.
Bis mindestens 1929 war Kubsch nachweislich Eigentümer und Betreiber. Acht Jahre später wohnte er als Mieter und der Profession Vertreter im Haus Weststraße 19, auf das Matthias Gleisner heute aus seinem Fenster von Jüttendorf nach Senftenberg schauen kann. Vier Jahre später 1941 wohnte dann nur noch die Witwe Emma Kubsch dort. Oskar war also verstorben.
Elf Jahre danach 1952 zogen meine Pflegeeltern mit mir in diese Wohnung ein. Emma Kubsch war schon oder wurde Untermieterin und ist ein, zwei Jahre später in ein Altenheim umgezogen.
Das alles ist bis hierher nun wirklich nicht besonders mitteilenswert. Aber mein historisches Interesse erwachte bei der Überlegung, warum Kubsch sein nach Angaben meiner Pflegeeltern damals sehr gut gehendes Lokal mit dem Kabarett welcher Machart auch immer aufgab, aus der Villa auszog und seine Miete für die Wohnung Weststr. 19 nun als Vertreter verdienen mußte. In der Villa tummelten sich 1937 und 1941 NSOrganisationen und die Stadtverwaltung, was sich ja nicht so gravierend unterschied. Schon möglich, daß Kubsch und vor allem seine Kabarettveranstaltungen den neuen Machthabern ein Dorn im Auge waren. Von Frau Kubsch etwa oder meinen Pflegeeltern habe ich dazu leider nichts gehört, verständlicher Weise als Kind auch nicht danach gefragt.
Macht aber Interesse für Nachforschungen.


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