Neues 508 - 2022-03-06

Die neue Form der Kommentarfunktion zu den
einzelnen Einträgen unter Neues
Benutzeravatar
Matthias
Administrator
Beiträge: 552
Registriert: Fr 28. Feb 2014, 18:23
Wohnort: Senftenberg

Neues 508 - 2022-03-06

Beitragvon Matthias » So 6. Mär 2022, 18:02

Bild Bild

Hier klicken, um zum entsprechenden Eintrag unter "Neues" zu springen...

Benutzeravatar
Harald
Beiträge: 546
Registriert: Sa 1. Mär 2014, 10:39

Re: Neues 508 - 2022-03-06

Beitragvon Harald » Di 8. Mär 2022, 12:14

Logo_resize.jpg

Die ANSIEDLUNG DES BAUERNDORFES SEDLITZ [Sedlišćo] - abgeleitet von "sedlišče" = Wohnsitz, Siedlung - am Senftenberg – Drebkauer Wege zwischen dem Flüsschen Rainitza und der Reppist-Raunoer Hochfläche erfolgte wahrscheinlich im Zuge der deutschen Ostexpansion und reicht, obwohl im Jahre 1449 erstmals urkundlich erwähnt, bis in das 12. Jahrhundert zurück. SEDLITZ hat auch schon immer an der gleichen Stelle gestanden, sah siedlungsmäßig auch schon in grauer Vorzeit weitestgehend so aus wie heute.
Allerdings legte man in grauer Vorzeit großen Wert darauf, diesen bewohnten ORT auf 3 Seiten von natürlichen WASSERGRÄBEN zu umgeben, um Menschen & Vieh vor RAUBZEUG zu schützen, den östlich des Dorfes gelegene SUMPF, an dessen Rand sich das DORF anlehnte, als ZUFLUCHT bei feindlichen Überfällen zu nutzen, und schließlich diese WASSERFESTUNG am übrig gebliebenen kleinen Stück durch ein REISIGVERHAU zu verschließen.

Sedlitz 1803_resize.jpg

Der PLAN zeigt uns das DORF vor dem BRAND von 1803. Es hat jedoch schon 1597 genau so ausgesehen, wie die Reihenfolge der Gehöfte in einem alten Zinsregister aus jenem Jahr ergibt.
DIE ALTEN WENDEN besaßen einen sehr geselligen Sinn, der sie dazu trieb, ENG ANEINANDER ZU SIEDELN. So entstanden zahlreiche DÖRFER, in denen sich HAUS AN HAUS reihte. Die WOHNHÄUSER zeigten mit ihren GIEBELN ZUR STRASSE, unmittelbar dahinter befanden sich die STÄLLE. Die EINFAHRT war so eng, dass man gerade noch mit einem WAGEN durchkam. Weiter hinten standen ein kleiner SCHUPPEN oder ein BIENENHAUS, noch weiter zurück die SCHEUNE.
In damaliger Zeit liebten die WENDEN über alles die LANDWIRTSCHAFT, einen Vorrat an Herden & Getreide, sowie mancherlei häusliche KÜNSTE. Als WERKZEUGE für Haus & Wald waren Messer, Äxte, Pflüge, Sicheln & Hacken gebräuchlich, die sich bei bewaffneten Auseinandersetzungen in Speere, Streitäxte, Wurfkeulen & Schleudern „verwandelten“. So reihte sich GEHÖFT AN GEHÖFT, in welchem der HAUSVATER, als kleiner „KÖNIG“, mit absoluter Macht herrschte. HOFTOR & HAUSGIEBEL bildeten fortlaufend nach vorn ein BOLLWERK, welches man, da auch in FLANKE & RÜCKEN durch SÜMPFE geschützt, nicht so ohne weiteres überrennen konnte.
Die in gleichbleibender Breite gestaltete DORFAUE bog an beiden Enden nach oben ab und stellte eine recht symmetrische Anlage dar.
Die oberen GEHÖFTE 2 – 5, 7, 8, 15, 18 - 20 gehörten den sämtlich an den Dorfenden wohnenden GÄRTNERN, deren Ansiedlung in die Zeit nach 1200 angesetzt wurde, und sie somit als spätere EINWANDERER anzusehen waren. In der FLUREINTEILUNG nahmen sie eine besondere Stellung ein: es waren deutsche „KOLONISTEN“, wohl meist HANDWERKER, die z.Zt. der ostdeutschen KOLONISATION hier angesiedelt wurden. Dass die rechte Hälfte eine weit dünnere BEBAUUNG als die linke erkennen lässt, wird verständlich, wenn man weiß, dass sie in der häufigsten WINDRICHTUNG lag, also jedes an irgendeiner Stelle dieser Reihe ausgebrochene FEUER unfehlbar dieses ENDE zerstören musste. Somit schlussfolgerte man, dass das DORF ursprünglich nur aus der UNTEREN, dichtgedrängten, in den SUMPF hineingeschobenen REIHE bestand, während der davor gelagerte, höher gelegene GELÄNDETEIL unbebaut war.


Den Aufzeichnungen des wendischen Gymnasialprofessors Dr. Ernst Mucke (wendisch: Arnost Muka) (1854 – 1932) entnahm ich einige landeskundliche FAKTEN zum
SEDLITZER DORFLEBEN
:

SEDLITZ war in grauer Vorzeit das größte und interessanteste VÖLLIG WENDISCHE DORF des Senftenberger Kirchspiels mit 416 Einwohnern. Nach dem BRAND des Jahres 1862, bei dem 2 Menschen, 64 Stück Hornvieh, viel Kleinvieh und alle Bücher verbrannten, bestand es überwiegend aus großen ZIEGELHÄUSERN, in denen 36 Halbhüfner, 6 Gärtner, 3 Alt~ & 10 Neuhäusler, sowie 20 bis 25 aus der Fremde zugezogen DEUTSCHE lebten. Die meisten DORFBEWOHNER verstanden und sprachen WENDISCH, wie z.B. der deutsche Gastwirt mit seinen Gästen aus dem Dorf. Es gab allerdings im DORF auch viele Leute, die DEUTSCH kaum verstanden und sich natürlich zu sprechen schämten, weil sie es nicht konnten.
In der SEDLITZER KIRCHE wurde bis 1820 nur WENDISCH, später hintereinander erst DEUTSCH, anschließend WENDISCH gepredigt, wie es in den meisten Niederlausitzer Kirchengemeinden üblich war. Dies aber nicht deshalb, weil die LEUTE auf einmal besser DEUTSCH verstanden, sondern um sie an die DEUTSCHE PREDIGT zu gewöhnen. Als sich auch noch DEUTSCHE GESANGBÜCHER dazu gesellten, verstummte der WENDISCHE KIRCHENGESANG ganz.
Seit 1840 wurde nur noch DEUTSCH gepredigt und ab 1865 war in der SEDLITZER KIRCHE KEIN WENDISCHES WORTmehr zu hören.
Die Umstände in der SCHULE waren nicht besser. Der LEHRER unterrichtete zumeist noch WENDISCH, doch die PRÜFUNGEN durch den Superintendenten waren DEUTSCH, und so konnten die Kinder diese nicht bzw. nur schwerlich bestehen. Zunehmend wurde dann kein einziges Wort WENDISCH mehr gelehrt, dafür aber den Kindern mühsam das DEUTSCHE ‚eingebläut‘.
Das WENDISCHE blieb allerdings noch geraume Zeit in der Alltagssprache erhalten: SEDLITZ war nämlich weithin bekannt für seine hölzernen BAUERNUHREN, große KÄSTEN mit großen RÄDERN, die sogenannten >Serbske Zegarje<, also WENDISCHE UHREN.

Tracht_resize.jpg

Ebenso pflegten die SEDLITZER FRAUEN auch noch viele Jahre ihre NATIONALTRACHT: kurze vielgefaltete, bis zu den Knien reichende WOLLRÖCKE, sogenannte >Warfröcke<, die sie sich selbst webten & nähten. Dazu trugen sie im SOMMER schöne weiße, gestrickte STRÜMPFE mit blauen Stoffkeilen in schönen SCHUHCHEN und auf dem Kopf kleine, pausbäckige KÄPPCHEN mit Spitzen, sogenannte >Kusawki<. Zum sonntäglichen GOTTESDIENST setzten sich die jungen Frauen weiße, zu den Feiertagen – und die Braut zur Trauung – schwarze BARTHAUBEN auf. Im WINTER gingen sie in schwarzen PELZEN mit PUFFÄRMELN, im SOMMER dagegen in weißen HEMDÄRMELN, die bis zum Ellenbogen reichten und mit bunten Fäden durchnäht und bestickt waren. Ihre TRAUERTRACHT war schwarz.
Die MÄNNER gingen in KURZEN KNIEHOSEN, langen STIEFELN und unvollständigen STRÜMPFEN, welche wie Muffe an der Wade eingesteckt wurden, sodass sie die nackte Haut zwischen HOSE & STIEFEL bedeckten. Bei Festlichkeiten steckten ihre Füße in langen schmucken weißen oder farbigen STRÜMPFEN und hellen SCHNALLENSCHUHEN. Auf dem KOPF trugen sie einen breiten FILZHUT. Zum Gottesdienst gingen sie im MANTEL mit langen Rockschößen aus grobem grauen STOFF; vorn glänzten 2 lange Reihen kleiner spitzer KNÖPFE.

Wendische Fastnacht_resize.jpg

Während der FASTNACHT war es in den WENDISCHEN DÖRFERN durchaus üblich, die TRACHTEN auch auf dem TANZSAAL zu tragen.
Dagegen zog allerdings der >Reichsbund Volkstum & Heimat< am 11.01.1934 in der „Weser-Zeitung“ energisch zu Felde:

„Kaum naht die FASCHINGSZEIT, so sieht man überall wieder in Modenblättern deutsche VOLKSTRACHTEN in mehr oder weniger stilgerechter Art als KOSTÜM für MASKENFESTE angepriesen. Unsere VOLKSTRACHTEN sind viel zu gut, als daß sie dazu mißbraucht werden dürfen, auf einem MASKENBALL oder ähnlichen Vergnügungen für einige müßige Stunden zur KURZWEIL zu dienen. Die VOLKSTRACHT ist der Ausdruck der BODENSTÄNDIGKEIT & HEIMATLIEBE des deutschen Volkes und hat ihren gebührenden Platz als EHRENKLEID DER HEIMAT erhalten und keiner darf es verunglimpfen und auf MASKENBÄLLEN und dergleichen tragen.“

FAZIT: gerade in den farbenfrohen TRACHTEN zeigt sich gelegentlich auch heute noch in den DÖRFERN unserer Region das „KLEINE VÖLKCHEN DER WENDEN“ in aller Öffentlichkeit, auf dem natürlich das AUGE des Betrachters immer gern und mit Wohlgefallen weilt – ganz sicher demnächst auch wieder zum OSTERFEST!


Zurück zu „Kommentare“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast