SCHENKE & TRUNK bildeten schon in grauer Vorzeit bei allerlei FESTEN den MITTELPUNKT aller Zerstreuungen & Vergnügungen
der breiten Volksschichten. Man trank jedoch angeblich nur, um die SORGEN & LASTEN DES ALLTAGS zu vergessen. Der berühmte Humanist
Erasmus von Rotterdam zeichnete im 16. Jahrhundert mit drastischen Farben, aber auch sehr amüsant
DAS BILD EINES DEUTSCHEN GASTHAUSES
„Die besser trinken, sind dem WIRT angenehmer, obgleich sie um nichts mehr zahlen, als jene, die mehr als das Doppelte im WEIN verzehren, was sie für das GASTMAHL zahlen. Es ist zum Verwundern, welches LÄRMEN & SCHREIEN sich erhebt, wenn die KÖPFE vom TRINKEN warm werden. Keiner hört und versteht den Andern. Häufig mischen sich POSSENREISSER & SCHALKSNARREN in diesen TUMULT; und es ist kaum glaublich, welche FREUDE die Deutschen an solchen LEUTEN finden, die durch ihren GESANG, ihr GESCHWÄTZ & GESCHREI, ihre PRÜGELEIEN solch ein GETÖSE machen, daß die GASTSTUBE dem Einsturze nahe ist. Und doch glauben sie so recht angenehm zu leben; und man ist gezwungen, mit ihnen bis in die TIEFE NACHT hinein sitzen zu bleiben. Ein STAMMGAST, der an der WIRTSTAFEL wie an seinem eigenen HERD sitzt und allabendlich denselben STUHL, dieselbe ECKE, dasselbe GLAS, denselben WEIN begehrt, ist eine spezifisch GERMANISCHE GESTALT.
Ich kannte einen HERRN, der stets im WIRTSHAUS des Dorfes saß und daselbst den größten Teil seines Geldes verzehrte.
Er war so ein vollendeter STAMMGAST, daß selbst sein PFERD nicht weiter zu bringen war, wenn es an die WIRTSHAUSTÜR kam.
Nur der DEUTSCHE kennt die sogenannte ‚GEMÜTLICHE KNEIPEREI‘ und sucht durch dieselbe sein FAMILIENBEDÜRFNIS auch außerhalb des eigenen Hauses zu befriedigen.
Nur im deutschen Vaterland nehmen die ZECHGELAGE der WIRTSHÄUSER einen gewissen Charakter der HÄUSLICHKEIT an. ZECHEN & SAUFEN können auch andere VÖLKER,
aber nur die DEUTSCHEN verstehen es, in der ZECHSTUBE gemütlich zu Hause zu sein.“
Tüchtig sein in der
ARBEIT, aber auch viele
KULTURGENÜSSE gehörten zu den
LEBENSBEDÜRFNISSEN der rund
2000 RAUNOER. In den bescheidenen Genüssen der
STAMMTISCHE im gemütlichen
GASTRAUM von
SCHNIEDER’S GASTHOF in der
DORFSTRASSE 10 fanden die
MÄNNER, die
FAMILIEN dagegen im geselligen Kreis, vor allem bei zahlreichen
FESTLICHKEITEN der örtlichen
VEREINE ihre Erholung & Anregung.
Eine lange Überlieferung an
SITTEN, BRAUCH & DENKUNGSART aus alter Vorzeit hatte sich in diesem Völkchen eingelebt und gottlob auch lange lebendig erhalten.
Im Sommer erfreute man sich an flotter, erfrischender
MILITÄRMUSIK, aber auch bei weniger anspruchsvollen
VERGNÜGUNGEN im
KONZERTGARTEN,
wie dem obligatorischen
KAFFEEKOCHEN plus
VERZEHR des mitgebrachten
KUCHENS.
Fest am Alten haftend, hatte gerade die Bevölkerung der
SENFTENBERGER GEGEND es verstanden, das Feiern ihrer
FESTE zu erhalten.
In der
SCHANKSTÄTTE spielte sich dabei auch
KUNSTGENUSS in Form von musikalischen & theatralischen
AUFFÜHRUNGEN ernsterer oder heiterer Art ab.
Ländliche
VOLKSFESTE mit festlichen
AUF~ & UMZÜGEN, vor allem zahlreiche
WETTSPIELE der berittenen
BAUERNBURSCHEN und
REIGENTÄNZE der
DORFMÄDCHEN boten der Landbevölkerung ein großes
VERGNÜGEN, dem alle mit Spannung & Begeisterung zusahen.
Das
GEMEINDEFEST samt
TANZVERGNÜGEN wurde zumeist aus dem zu engen
WIRTSHAUS ins Freie, auf den
DORFANGER oder unter geräumige
ZELTE verlegt.
MARTIN SCHNIEDER, der einstmalige
GASTWIRT & nebenbei auch Vorsitzender des örtlichen
MÄNNERGESANGVEREINS,
sorgte sich um recht viel Abwechslung in der „kulturellen Betreuung“, wie die nachfolgende
INSERATENSAMMLUNG aus dem >Senftenberger Anzeiger< im
JAHRESLAUF 1902 beweist:
Um die Jahrhundertwende schossen diverse
GESELLIGKEITSVEREINE wie Pilze aus dem Boden, von denen einige auch in
RAUNO Fuß fassten;
und sich selbstredend in
SCHNIEDER'S GASTHOF versammelten:
Interessant waren
IM ALTEN RAUNO in früheren Zeiten die
AMTLICHEN BEKANNTMACHUNGEN.
Der
DORFSCHULZE bediente sich eines großen viereckigen
HOLZHAMMERS, auf dem das beschriebene
MITTEILUNGSBLATT angeheftet und dann von Haus zu Haus weitergereicht wurde.
Der Senftenbergs
LANDBRIEFTRÄGER brachte die
POST und erst viel später der >Senftenberger Anzeiger< die schon sehnsüchtig erwarteten
>NEUIGKEITEN<.
Um die Jahrhundertwende gab es beim >Senftenberger Anzeiger< eine
NEUERUNG. Die recht zahlreichen
GROSSVERANSTALTUNGEN wurden von nun an werbewirksam
DREIFACH beworben:
im Voraus als spannende
ANKÜNDIGUNG per
TEXT – in gleicher bzw. nachfolgender Ausgabe als umfangreiche
ANZEIGE - und dann nochmals als wohlwollende
NACHBETRACHTUNG per
KOLUMNE:
War der
DASEINSKAMPF der Menschen auch kein leichter, so wohnte dennoch in ihrer Mitte die
ZUFRIEDENHEIT & ungekünstelter, echter
FROHSINN. Bedingt durch ein zähes
FESTHALTEN an althergebrachten
TRADITIONEN feierten sie über Generationen hinweg ihre
FESTE wie sie fielen. So verlief das
LEBEN IM ALTEN RAUNO durchaus nicht immer eintönig;
es gab auch hin & wieder
SENSATIONEN: Wanderbühne, Puppentheater, Seiltänzertruppe, sogar der Zirkus sorgten nicht nur für
ROMANTIK, sondern auch enormen
ZULAUF…
