Senftenberg Altes Schloss, Wüstes Schloss, Festes Haus, Ritterburg

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Christian neu in SFB
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Re: Senftenberg Altes Schloss, Wüstes Schloss, Festes Haus, Ritterburg

Beitragvon Christian neu in SFB » Mi 6. Aug 2025, 19:52

Die Rubrik hier im Forum läuft ja unter der Zwischenüberschrift
Diskussion

Ich hab das nochmal populärwissenschaftlich zusammengefasst,
Das mit der Burg, oder mit den Burgen:


um das Jahr 1000 - Gründung der Burg Senftenberg
(direkt bei der Stadt)


Teil 1: Bekanntes:

Im Frühmittelalter ist nach der deutschen Besitznahme um das Jahr 1000 nach Christus erfolgt [u.a. Paulitzchronik, S. 45],
als eine Warthe des Deutschtums und des Christentums.
Damals noch als Rundwall in einer Holz-Erde-Konstruktion. Runde bis ovale Form, mit bis zu vier Palisadenreihen.

Diese Burg stand mutmaßlich an derselben Stelle, an der das gegenwärtige Schloss steht, dies geht auch schon daraus hervor,
dass die Stadt wohl nie an einer anderen Stelle gestanden hat und Stadt und Burg gehörten, wie überall, zusammen.


Teil 2: Hypothese:

Sümpfenburg – Die vergessene Grenzburg im Sumpf

Eine historische Rekonstruktion jenseits archäologischer Spuren

1. Einleitung

Die Stadt Senftenberg in der Niederlausitz ist historisch als Grenzfestung bekannt. Weniger beachtet ist die Hypothese, dass eine ältere Burg – die sogenannte Sümpfenburg – etwa 2 km außerhalb der heutigen Stadt im Sumpfgebiet existiert haben könnte.

Diese Arbeit rekonstruiert die Hypothese anhand historischer Quellen, topografischer Hinweise und narrativer Überlieferungen, obwohl das Gelände durch den Braunkohletagebau vollständig überformt wurde.

„Nicht nur Wall und Graben umgaben dieselbe, sondern ein dichter Wald, der Burgwald genannt, und in weitem Umfange die von der Alztra (Elster) und Wolschinka gebildeten Sümpfe und Moräste.

Diese mitten in unzugänglichen Sümpfen gelegene Burg führte ursprünglich unstrittig den Namen „Sümpfenburg oder Sümpftenburg“,
woraus in späterer Zeit Semptinburg, Senftenberg wurde.
Sie war die Residenz der Burggrafen oder Ritter von Senftenberg“ [Originaltext Paulitzchronik, S. 59].


Und weiter im Originaltext: „Nach Osten hin führte von der deutschen Burg aus, ein sich unter dem Wasserspiegel der Elster befindlicher Pfahlweg, oder Knüppeldamm, nach dem alten Schlosse hin. Und von dort ab die sogenannte Räuberstraße zu der alten Straße, die zwischen Koschen und Sorno die Niederung der Schwarzen Elster und Wolschinka überschreitet. Dieser Pfahlweg gab der Burg einen nicht schwer zu sperrenden Ausgang.


Mit diesem „alten Schlosse“ (letzter Absatz) kann unmöglich -die auch „altes Schloss“ genannte Burgwallanlage aus der Eisenzeit- gemeint sein, denn die war längst zerfallen (gebaut in der Eisenzeit, 620 v.u.Z.).

Es muss sich demzufolge wohl um eine noch gerade existente, aber zerstörte Burgwallanlage aus dem späten 9. Jh. handeln,
einer wohl zeitlich gleichzeitigen Burg im Sumpfgebiet rund 2 km vor der Stadt an der "Räuberstraße" wie Paulitz schreibt..


2. Quellenkritik

2.1 Paulitzchronik (ca. 1892–1923)

• Beschreibt eine Rundwallburg aus Holz und Erde mit bis zu vier Palisadenreihen.
• Lage: Inmitten von Sümpfen, umgeben von Burgwald, Elster und Wolschinka.
• Erwähnt einen Pfahlweg unter dem Wasserspiegel und eine Belagerung durch „Kroaten“ (Hussiten) im Winter 1431.
• Bewertung: Detailliert, aber ohne archäologische Belege. Mischung aus Chronik und volkstümlicher Überlieferung.

2.2 Karte von Schenk (1757)

• Verzeichnet ein „Wüstes Schloss“ außerhalb der Stadt.
• Interpretation: Möglicher Hinweis auf eine zweite Burganlage.
• Bewertung: Kartografisch relevant, aber ohne exakte Lokalisierung.

2.3 Museum Schloss Senftenberg & Wikipedia & Kandler

• Bestätigen mittelalterliche Bauten unter dem heutigen Schloss.
• Keine Hinweise auf eine Burg außerhalb der Stadt.
• Bewertung: Archäologisch fundiert, aber auf die Stadtburg fokussiert.

3. Topografische Analyse

• Ursprüngliches Gelände war sumpfig, durchzogen von Elster und Wolschinka.
• Braunkohletagebau hat das Gebiet vollständig zerstört und um bis zu 4 m erhöht.
• Keine Bodenzeugnisse mehr vorhanden.
• Flurbezeichnungen wie „Wüstes Schloss“ sind verschwunden oder nicht mehr nachvollziehbar.

4. Historisches Ereignis: Belagerung 1432

• Paulitz berichtet von einer Belagerung durch „Kroaten“ (Hussiten) im Winter.
• Historisch plausibel: 1431/32 zogen Hussiten durch die Lausitz.
• Interpretation: Die Belagerung betraf vermutlich eine Burg im Sumpfgebiet, nicht die Stadtburg.
• Taktisch logisch: Sümpfenburg war im Sommer unzugänglich, im Winter über das gefrorene Gelände erreichbar.

5. Hypothese: Zwei Burgen in Senftenberg

Burgtyp Lage Zeitstellung Funktion
Stadtburg heutiges Schloss ab 13. Jh. Verwaltung, Residenz
Sümpfenburg im Sumpfgebiet (verloren) ca. 1000–1432? Grenzburg, Verteidigung

Die Sümpfenburg war vermutlich eine deutsche Warthe zur Sicherung der Ostgrenze nach der Besitznahme um 1000 n. Chr., später aufgegeben oder zerstört.

6. Methodik der Rekonstruktion

• Narrative Deduktion: Auswertung von Chroniken, Karten und mündlichen Überlieferungen.
• Geoarchäologische Modellierung: Rekonstruktion der ursprünglichen Topografie anhand historischer Karten und Flussverläufe.
• Digitale Visualisierung: Hypothetisches 3D-Modell der Sümpfenburg basierend auf Paulitz’ Beschreibung.
• Flurnamenforschung: Analyse historischer Bezeichnungen wie „Wüstes Schloss“ und „Räuberstraße“.

7. Fazit und Ausblick

Die Hypothese zur Sümpfenburg ist ein Beispiel für historische Forschung jenseits klassischer Archäologie. Sie zeigt, wie Erinnerung, Quellenkritik und digitale Methoden zusammenwirken können, um verlorene Geschichte sichtbar zu machen. Die Arbeit ist ein Beitrag zur regionalen Identität – und ein Denkmal für das, was nicht mehr greifbar ist.

Hypothetische Rekonstruktion um das Jahr 1000 n. Chr.

Architekturmerkmale laut Paulitz:
• Burgtyp: Rundwallburg aus Holz und Erde
• Form: Rund bis oval
• Palisaden: Bis zu vier konzentrische Reihen
• Graben: Umgeben von Wassergräben und natürlichen Sümpfen
• Zugang: Pfahlweg (Knüppeldamm) unter dem Wasserspiegel der Elster
• Umgebung: Dicht bewaldet („Burgwald“), isoliert durch Moräste
• Funktion: Warthe des Deutschtums und Christentums, Grenzburg

Die kartografische Spur ist schwach, und die Bezeichnung „Wüstes Schloss“ könnte sich auf eine lokale Erinnerung oder Flurbezeichnung beziehen, die heute nicht mehr verifizierbar ist.

Suempfenburg.png
Karte Wuestes Schloss.png

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Matthias
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Re: Senftenberg Altes Schloss, Wüstes Schloss, Festes Haus, Ritterburg

Beitragvon Matthias » Mo 23. Mär 2026, 11:56

Ich fand heute ein Kartenwerk "Senftenberg und Umgebung", das sehr schön und detailliert ausgeführt ist. Ich kann mich nicht erinnern, dieses in dieser Form schon einmal gesehen zu haben.

Hier der Link, der auch den Download in hoher Qualität ermöglicht.

https://digital.staatsbibliothek-berlin ... erview-toc

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Blatt 7. Hier findet man am rechten Rand die Bezeichnung "das alte Schloss" und eingezeichnet so etwas wie ein Wall. Bezüglich des Alters der Karte ist man uneinig. Vielfach findet man die handschriftliche Jahreszahl 1842. Eingezeichnet ist ein Verweis auf 1816. Bedeutet, dass die Karte sehr wahrscheinlich einen Stand NACH 1816 abbildet.

Ehrfried
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Re: Senftenberg Altes Schloss, Wüstes Schloss, Festes Haus, Ritterburg

Beitragvon Ehrfried » Di 24. Mär 2026, 09:52

Moin,
und auf dieser Karte von 1850? wird ganz links auf Blatt 3 klar Senftenberg gezeigt!
Und ganz rechts (halbe Stunde, 2 km weg) das alte Schloss mit Burgwall!

Somit stimmt die oben gezeigte Karte von Christian: mit Senftenberg, der Räuberstraße :lol: und dem „Wustes Schloss“ (Burgwall) mit der von 1850? überein.

Senftenberg bleibt Senftenberg und das werde ich bei mir vorerst auch so lassen.
Ehrfried
PS: Ich wußte schon immer, dass die Straße nach Großkoschen gefählich ist. Da hat sich mit den "Räubern" seit 1850 nichts geändert (70 km/h) :)
Zuletzt geändert von Ehrfried am Di 24. Mär 2026, 12:18, insgesamt 1-mal geändert.

Christian neu in SFB
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Re: Senftenberg Altes Schloss, Wüstes Schloss, Festes Haus, Ritterburg

Beitragvon Christian neu in SFB » Di 24. Mär 2026, 10:38

Erwischt ! :idea:
Das ist eine meiner Lieblingsquellen, weil sie so bedienerfreundlich ist, im Gegensatz zu den,- zwar auch sehr Guten, aber statischen Seiten der SLUB.
Ich habe diese Karte auch auf dem PC, aber habe dieses wichtige Detail nicht gesehen.
Deshalb umso schöner und DANKE Matthias -ein echter Schatzfinder!

Mit Sicherheit ist die Karte nach 1815, dem Anfall der Niederlausitz an Preußen, in Auftrag gegeben worden.
Deshalb scheint 1816 mindestens plausibel. Es ist die erste nachweisbare Besiedlung bei Senftenberg aus der jüngeren 'Eisenzeit
um 620 v.u.Z. (1. Besiedlungsphase), die 1931-1932 von Alfred Götze ergraben wurde, bevor sie vom Tagebau Sedlitz weggebaggert wurde.

In der Deutschen Fotothek wird diese Karte so als Quelle verortet:
"Senftenberg. Topographische Karte vom Preußischen Staate, Blatt 233 aufgen. 1850"
.......also, bleibt bei: "zwischen 1816 und 1850"


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