Neues 357 - 2019-01-13

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Matthias
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Neues 357 - 2019-01-13

Beitragvon Matthias » Sa 12. Jan 2019, 09:42

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Harald
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Re: Neues 357 - 2019-01-13

Beitragvon Harald » So 13. Jan 2019, 12:08

strassen_resize.jpg

„Ob eine STADT aus einem DORFE entstanden, oder ob sie ursprünglich zur STADT angelegt worden ist, kann man sehr leicht gewahren; denn im ersten Falle findet man darin eine große und breite STRASSE, und diese ist das ehemalige DORF, welches seine ANLAGE beibehielt; wo aber die STADT ursprünglich angelegt worden, da findet man eine solche breite STRASSE nicht; denn wenn man hier auch gleich die STRASSEN nicht nach einer Breite anlegte, so sind sie doch so ziemlich sich ähnlich, wenn man nämlich die Absicht hatte, eine STADT anzulegen.
Erstand die STADT aus einer KOLONIE oder aus zerstreuten ANSIEDLUNGEN, so findet man auch diese wieder in der STADT, in der Richtung ihrer STRASSEN, woraus man die einzelnen GEHÖFTE erkennen will, wenigstens wird sich das STADTVIERTEL, welches zuerst aus der KOLONIE entstand, durch seine Form in den STRASSENANLAGEN auszeichnen…“


Dergestalt verklausuliert wurde in der >Ökonomisch-Technologischen Encyklopädie< von 1837 auf die Bedeutung einer GROSSEN BREITEN STRASSE im Zuge der STADTENTWICKLUNG eingegangen.
Zu ergründen, ob, wie und in welchem Maße dies auf unsere Heimatstadt zutrifft, überlasse ich der Heimatforscher-Gemeinde.
Die BAHNHOFSTRASSE und deren Verlängerung CALAUER STRASSE kann man zweifellos als BREITE STRASSEN bezeichnen. Sie wurden später auch gepflastert, während sich die anderen STRASSEN , auch des "Bahnhofsviertels", wie unten aufgezählt, noch lange als stinknormale SANDWEGE - auf dem Lande als sogenannte SOMMERWEGE bezeichnet - erhielten.

streets rot_resize.jpg

Wenn wir heutzutage mopsfidel auf aalglatten, nur hin und wieder von Frostaufbrüchen befallenen ASPHALTSTRASSEN durch Senftenberg düsen, sollten wir doch den historischen Rückblick nicht ausblenden.
Vor den im Volksmund als TEERSTRASSEN bekannten und sehr komfortablen Fahrwegen rumpelten Kutschen, unendlich viele Karren und die zum Ackerbau benötigten Leiterwagen gleichermaßen über holpriges STRASSENPFLASTER, in der Mehrzahl allerdings auf SAND~ & KIESWEGEN durch die Stadt, die sich bei nasser Witterung meist in Schlamm verwandelten.
Letzteres war im Jahre 1911 Anlass für die Bürger der Stadt,
ein unter den – nein, nicht Nägeln, sondern Füßen brennendes Thema öffentlich im >Senftenberger Anzeiger< zu diskutieren:

SENFTENBERGS WEICHE STRASSEN

Ausgangspunkt war ein am 3. Januar 1911 gefasster BESCHLUSS der Stadtverordneten:

„Ein von einigen Mitgliedern des Kollegiums gestellter ANTRAG, vor der NEUPFLASTERUNG von Straßen ENTWÄSSERUNGSRÖHREN einzubauen, wurde nach längerer Debatte behufs Beschaffung weiterer Unterlagen vertagt und erfolgte hierauf Schluß der Sitzung.“

Sechs Wochen später, am 16. Februar 1911 meldeten sich „mehrere interessierte Einwohner“ in einem geharnischten LESERBRIEF
zu Wort und bliesen zur Attacke:


Holzschuhe_resize.jpg

„Frühling, Frühling wird es nun bald ! – tönt es von Munde zu Munde.
Dieses und auch DIE SCHÖNEN NAMEN UNSERER STRASSEN geben einen guten Eindruck, nur die AUSBESSERUNG der Straßen läßt viel zu wünschen übrig: die schöne MORITZSTRASSE, die herrliche WESTSTRASSE in Jüttendorf, angrenzend die holde ANNASTRASSE, weiter die ANNAGASSE sind bei diesem Wetter fast unpassierbar.
Wir Besitzer und Anwohner, die wir gezwungen sind, täglich die Straßen zu passieren, danken unserem Schöpfer, wenn wir glücklich an Ort und Stelle angelangt sind und die Fußbekleidung gehalten haben.
Noch trauriger ergeht es unseren Kindern, die zur SCHULE gehen müssen; hier bleibt ein SCHUH stecken, weiter sind einem beide PANTOFFEL versunken und noch ein Stück weiter steckt ein kleiner Junge oder ein Mädchen weinend im SCHMUTZ und kann nicht weiter, bis Hilfe kommt.
Wenn unsere FRAUEN die Stadt erreichen wollen, müssen sie solange warten, bis der MANN mit seinen LANGSCHÄFTERN nachhause kommt, weil es anders kaum möglich ist, die STADT durch diese Straßen zu erreichen.
Wir EINWOHNER von Thamm und Jüttendorf möchten Sonntags zum GOTTESDIENST gehen, aber wo durchkommen ?
Annagasse, Annastraße, West~ oder Moritzstraße – überall ist TIEFER MORAST, und ehe man sich in die Verlegenheit setzt, die Fußbekleidung im Schmutz stecken zu lassen und barfuß zuhause laufen, bleibt man zu hause.
Es wäre doch sehr wünschenswert, wenn nur so viel ABHILFE geschaffen würde, daß für FUSSGÄNGER etwas aufgefüllt würde, dieses AUFGEFÜLLTE aber nicht von den Lastfuhrwerken wieder in den Grund gefahren wird. Unsere Gemeindeabgaben sind wahrlich hoch genug, und müßten die GELDER auch dazu verwendet werden, unsere Straßen gründlich auszubessern. Erstens macht es dem betreffenden Ort EHRE und zweitens dient es zur VERSCHÖNERUNG.
Noch eins hätten wir bald vergessen, in der ANNASTRASSE wäre es doch wohl auch angebracht, diese zu ERLEUCHTEN; es ist schrecklich, solche abends in der Finsternis zu passieren, weil der GRABEN nebenan geht und der Winkel an und für sich schon finster ist, daß man sich den Kopf an den Bäumen einrennen kann. Ob da für 2 oder 3 Flammen mehr bezahlt wird, darf keine Rolle spielen.
Hoffentlich werden wir bald sagen können:
>DEM ELEND IST ABGEHOLFEN!<“

Überraschenderweise erschien im Lokalblatt haargenau am gleichen Tag die folgende überaus ERFREULICHE MITTEILUNG:

„Mit Freuden werden es wohl alle Einwohner begrüßen, wenn sie erfahren, daß sich heute die Anlieger der GARTENSTRASSE bereit erklärt haben, von ihrem an der Straße gelegenen Terrain kostenlos einen Streifen zur REGULIERUNG der zu pflasternden Straße der Stadt zur Verfügung zu stellen.
Die PFLASTERUNG ist für den FAHRDAMM auf 6 m und beiderseitigen BÜRGERSTEIG von je 1½ m Breite projektiert und soll baldigst, ebenso wie die OSTPROMENADE, deren Anlieger ebenfalls bereitwilligst ähnliche Opfer zugesagt haben, in baulichen Angriff genommen werden.
Nächst den Anliegern gebührt den Stadtbehörden Dank, daß sie das größte Uebel, WEICHE, UNPASSIERBARE STRASSEN inmitten unserer Stadt, ohne Opfer zu scheuen, befestigen und so den Verkehr heben, der unter der Ungunst der Witterung viel und oft zu leiden hatte.“

Doch schon einen Tag später, am 17. Februar 1911, bekam die Diskussion NEUEN ZÜNDSTOFF
– „eingesandt von einem Leidensgefährten“:


„Auf die Stoßseufzer einzelner BEWOHNER WEICHER STRASSEN wird uns von kompetenter Seite mitgeteilt, daß hinsichtlich der BEFESTIGUNG und PFLASTERUNG solcher STRASSEN von den betr. Behörden schon lange Verhandlungen mit den Grundstücksanliegern wegen HERGABE VON TERRAIN zur Verbreiterung der betreffenden STRASSEN geschwebt haben.
Der größte Teil dieser Besitzer trat bereitwillig Grund und Boden kostenfrei ab, erklärte sich auch zur Zurücksetzung vorhandener Zäune auf eigene Kosten bereit, weil diese Besitzer einsahen, daß durch die PFLASTERUNG und KANALISIERUNG der STRASSEN ihre Grundstücke ganz bedeutend und vielmehr gewinnen, als das hergegebene Terrain und das Zurücksetzen der Zäune ausmachten.
Dahingegen waren es wieder andere Besitzer, die sich absolut zu nichts im öffentlichen Verkehrsinteresse zu tun bereitfinden ließen, denen vielmehr noch die STADTKASSE Grund und Boden und das Zurücksetzen oder gar die Aufstellung neuer Zäune bezahlen sollte;
sie wollten also sich gern die WERTERHÖHUNG ihrer Grundstücke gefallen lassen und dies auch noch bezahlt bekommen.
Daß bei solchem MANGEL AN ENTGEGENKOMMEN Einzelner den Stadtvertretern wohl nicht zugemutet werden kann, mit zweierlei Maß zu messen, so scheiterten an dem EGOISMUS Einzelner schon diese PFLASTERUNGSPROJEKTE.
Außerdem muß auch auf die bevorstehende KANALISATION Rücksicht genommen werden, welche ein Wiederaufreißen der vorher GEPFLASTERTEN STRASSEN nötig machen würde. Es darf deshalb nicht verwundern, wenn bei solcher Sachlage ein APPELL an die betroffenen Leidensgefährten ergeht, diese möchten die HALSSTARRIGKEIT dieser Einzelnen verscheuchen helfen, damit den Stadtbehörden endlich die Möglichkeit zu gerechtem, einmütigen Handeln gegeben wird.
Ehe dies nicht geschieht, wird auch die in der Montagsnummer angestimmte >Frühlingsposaune< keinen Erfolg haben und wir werden ruhig so weiter FEUCHTFRÖHLICH DIE WEICHEN STRASSEN passieren müssen wie jetzt.“

Durch eine ZEITUNGSANZEIGE im >Senftenberger Anzeiger<, die das Konkurrenzblatt >Lausitzer Zeitung< anonym schalten ließ, wurde nun gehörig „Öl ins Feuer gekippt“, denn dass trotz schlechter Straßenverhältnisse ein RATHAUS-NEUBAU forciert wurde, ging der Bevölkerung nun doch gehörig über die Hutschnur.

Buergeraufruf.jpg

Am Montag, den 14. März, wurden die Massen dann mit einer STELLUNGNAHME Stadtverordneten beschwichtigt:

„In der gestrigen STADTVERORDNETEN–SITZUNG kam als 1. Punkt der zur Besprechung gestellte RATHAUS – NEUBAU zur Vorlage…
Die BERATUNG war eine sehr eingehende und wurde schließlich in namentlicher Abstimmung dahin BESCHLUSS gefaßt, den Magistrat aufzufordern, zunächst ein Projekt zu dem Neubau aufstellen zu lassen, zu welchem Zwecke 3000 Mk. bereit gestellt wurden. Für diesen ANTRAG fanden sich 9, gegen denselben 7 Stimmen.
Mit derselben Stimmenzahl fand noch ein zweiter ANTRAG Annahme, welcher den ersten gewissermaßen beschränkt und den NEUBAU solange ablehnt, bis die von der Stv.-Versammlung bewilligte STRASSENPFLASTERUNG vollendet ist.
Mit dieser hat aber der Magistrat noch nicht beginnen können, weil es einzelne ANLIEGER der betr. Straßen noch an ENTGEGENKOMMEN bei Abtretung des nötigen Terrains fehlen lassen und weil erhebliche MEHRKOSTEN entstehen würden, wenn die PFLASTERUNG ohne Rücksichtnahme auf die zur KANALISATION und WASSERLEITUNG nötige ROHRLEGUNG ausgeführt würde…
Moniert wurde bei der Debatte noch, daß GEGNER des Rathaus-Neubaues durch ZEITUNGS-INSERAT zu zahlreichem Besuch der heutigen Versammlung eingeladen worden seien, da daraus eine UNGEHÖRIGE BEEINFLUSSUNG hergeleitet werden könne.“

Erwähnen muss man schlussendlich doch noch, dass es nicht nur PFLASTERUNGS – BEFÜRWORTER gab, denn wenngleich
die Straßen und Wege in einer jammervollen Verfassung waren, wurden sie von den SCHMIEDEN & WAGENBAUERN außerordentlich geliebt, da sie eine Schädigung ihres Handwerks befürchteten, sofern die FUHRWERKE nicht mehr, wie in der guten alten Zeit, „unter den miserablen Wegen leiden würden.“ Auch die FUHRLEUTE hatten ihren Vorteil davon, dass die Straßen so schlecht waren, weil sie dann mit zusätzlichen Pferden Vorspann leisten mussten. Und den GASTWIRTEN war es natürlich auch recht, wenn die Reisenden auf den elenden SAND~ & KIESWEGEN liegen blieben. Für solche Fälle hatten sie immer das angeblich „letzte Zimmer“ in der Hinterhand …!
:lol:

Kutsche im Schlamm 2_resize.jpg


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