31.05.2026

Informationen zum Sachstand "Stadtchronik" werden derzeit nur sehr spartan unters Volk gebracht. Man muß sich diese in der Tat regelrecht zusammensuchen. In der letzten Stadtverordnetenversammlung blitzte innerhalb der Bügermeisterinformationen über öffentliche Angelegenheiten kurz nachfolgende Folie auf, die die Anwesenden über den Stand der Dinge ins Bild setzen sollte.

Welche konkreten Anregungen und Hinweise aus dieser "Projektgruppe" kamen blieb ebenso im Dunkeln wie die Angabe, wer denn selbiger überhaupt angehört. Vielleicht sind es die selben Personen, die die Idee haben, ein "kurzes Vorher-Nachher-Video zu einigen wichtigen Orten in der Stadt (zu) erstellen, um sichtbar zu machen, wie nachhaltig und positiv sich Senftenberg in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat" und dafür bei mir um Mithilfe beim Aufstöbern aussagekräftiger Vorher-Bildern (1970 - 2010) warben.
Dieser Zeitabschnitt ist jedoch nur zur Hälfte in meinem Fokus und darüber hinaus auch noch unterversorgt. Ich bin mir aber sicher, daß irgendeine die gewünschten Bilder schon aus dem Hut zaubern wird.
Vor der angedachten Belebung verwaister Schaufenster (ich berichtete vor einem halben Jahr) hat man angesichts des rasant fortschreitenden Leerstandes (demächst schliesst der nächste Laden in der Bahnhofstraße) mittlerweile auch kapituliert.
In meinen Augen sind das allesamt zum Scheitern verurteilte Kopfgeburten. Wie auch die Idee von irgendwelchen digitalen Infotafeln, über die man in der SVV und zuvor in den Ausschüssen stundenlang diskutierte und die man den ortsansässigen Vereinen andienen möchte. Sehr wahrscheinlich ohne diese zuvor überhaupt "abgeholt" zu haben. Vereine, die sich jetzt schon außerstande sehen, ihre jeweilige Internetseite halbwegs aktuell zu halten, sollen demnach ihre brandheißen Neuigkeiten an einer zentralen Stelle präsentieren. Wer's glaubt!

Und das war's auch schon, was in den letzten Tagen und Wochen in der Stadt passierte und das von mir zu beackernde Feld berührte. Sobald mir Updates vorliegen informiere ich natürlich meine Leserschaft umgehend. Obwohl das ja eigentlich nicht meine Aufgabe ist.
Die liegt eher darin, Neuzugänge in meiner analogen oder digitalen Sammlung aufzubereiten und vorzustellen.

Und aus der zweiten Kategorie - der digitalen - möchte ich heute zwei Stücke präsentieren, die etwas abweichend von herkömmlichen Ansichtskarten sind. Nicht auf den ersten Blick. Aber auf den zweiten!
Dabei passen beide Motive inhaltlich irgendwie zusammen, sind von der Machart und den Umständen ihrer Veröffentlichung aber doch unterschiedlich.
Von Stücken, die dem rechts abgebildeten nahe stehen, stellte ich in der Vergangenheit schon ein paar vor. Unter anderem unter Neues 375. Dabei wies ich auf den besonderen Verwendungszweck dieser Postkarten hin denn der liegt in dem rückseitigen Aufdruck begründet: Die Anhaltischen Kohlenwerke informierten mit derartigen Postkarten ihre Abnehmer in Handel und Industrie über die bevorstehende Lieferung von soundsoviel Waggons mit Briketts oder Rohkohle. Sehr stilvoll, wie ich finde.
Eine solche Rückseite ist innerhalb von Neues 375 zu finden. Genauso wie der Nachweis, daß Marie III eben keine Brikettfabrik, sondern lediglich eine Art Umschlageinrichtung war. Hier kam die Rohkohle via Kettenbahn an, wurde ggf. in einem Kohlenbunker zwischengeparkt und danach in solche Züge verladen, wie wir einen auf dem Ansichtskartenmotiv erkennen. Die Züge brachten ihre Fracht danach auf einer ca. 6,5 km langen Strecke bis zur Brikettfabrik Marie I in Reppist. Nicht mehr. Nicht weniger. Leider hält sich das Gerücht von der "Brikettfabrik Marie III" bis auf den heutigen Tag. Egal wie oft und wie plausibel ich dagegen argumentiere.
Senftenberg
B.8607.
Aufnahme <= 1908
Sammlung Detlef Krumm
Auf seinem Weg von Marie III nach Marie I eingefangen, wurde ein Kohlenzug auf der nachfolgenden Ansichtskarte. Die verwendete Aufnahme könnte dem Einen oder Anderen bekannt vorkommen. Norbert Jurk verwendete sie in einem seiner Heimatbücher. Dort jedoch vom Ursprungsfoto abgenommen, in sehr viel besserer Qualität und nicht retuschiert wie hier. Leider liegt mir kein Scan besagten Fotos vor, der meinen Qualitätsansprüchen gerecht wird, weshalb ich notgedrungen - andererseits aber doch ganz gerne - auf diese Ansichtskartenvariante zurückgreife.
Denn dazu gibt es vielleicht doch ein bisschen was zu erzählen. Aber schnell noch zum Motiv selbst: Wo genau sich damals die Bahnstrecken kreuzten wird wohl nicht mehr ermittelbar sein. Ist wahrscheinlich auch für keinen mehr von Interesse. Bemerkenswert hingegen sind die beiden unterschiedlichen E-Lok-Typen. Dabei sticht die Lok unten mehr heraus als die auf der Brücke. Von dieser vergleichsweise kleinen Lok haben wir im Laufe der Jahre schon einige Aufnahmen gesehen. In unserem Gebiet wurde dieses Modell (Siemens-Schuckert No. 334) offenbar ausschließlich von den Anhaltischen Kohlenwerken eingesetzt.
bildabgewandte Seite, die Abbildung selbst "steht Kopf"
Senftenberg
Aufnahme <= 1925
Sammlung Detlef Krumm

Mag sein, daß dieser Loktyp auch bei Abraumzügen Verwendung fand, im Fall unserer Postkarte ist die bildseitige Aufschrift hingegen nicht ganz korrekt. Der Zug unten transportiert Kohle. Keinen Abraum!

Apropos Postkarte. Diese war im Gegensatz zum Stück ganz oben sehr wohl für den "zivilen" Postverkehr bestimmt. Das erkennt man an der ganz normalen Einteilung der bildabgewandten Seite. Ob davon tatsächlich in Größenordnungen Gebrauch gemacht wurde, ist anzuzweifeln.

Nach meinem Dafürhalten stammt das Stück aus einem Kalender, der durch die Firma Borsig herausgegeben wurde.

Wie komme ich darauf?

Der verwendete Karton ist signifikant leichter und damit "lappiger" als bei herkömmlichen Ansichtskarten.
Hinzu kommt die erklärende Aufschrift auf der bildabgewandten Seite sowie die Perforation am unteren Rand. An dieser Stelle wurde demnach das jeweilige Monatsblatt aus dem Gesamtkalender herausgetrennt. Desweiteren fällt die nicht ganz sauber und zweifellos von Hand ausgeführte Schnittkante oben ins Auge. Hier setzte ursprünglich wahrscheinlich das Kalendarium des entsprechenden Monats an.
Nicht zuletzt wurden vor einigen Monaten - zeitgleich mit diesem Motiv - weitere dieser Machart angeboten. Allesamt ohne Senftenberg-Bezug und ein größeres Produktionsspektrum der Borsig-Werke abdeckend.
Alles in allem bin ich von meiner "Kalender-Theorie" sehr überzeugt. Es wäre ja auch tatsächlich nichts Ungewöhnliches. Ist es heute nicht, war es damals noch viel weniger. Beispiele hierfür gibt es für mein Sammelgebiet so einige, auch wenn es mir leider nie gelungen ist, wenigstens in einem Fall ein Gesamtwerk aufzutreiben. Aber ich bin ja schon mit einzelnen Blättern zufriedenzustellen.