13.09.2026

Wäre ich am letzten Wochenende im Lande gewesen, hätte ich mich mit Sicherheit unter die "hunderte Gäste" gemischt, die am 5. und 6. September den Vierseitenhof der Familie Lucas in Großkoschen besuchten. Auch wenn ich die private Ausstellung zur Großkoschener Geschichte so oder so ähnlich in der Vergangenheit schon zweimal (1 x im Saal des Dorfkrugs und 1 x in der Kirche) in Augenschein genommen hatte. Doch meine urlaubsbedingte Abwesenheit verunmöglichte, mich darüber zu informieren, ob neues, für mich interessantes, Material hinzugekommen ist und/oder mit dem einen oder anderen bzw. dem Großkoschener Heimatsammler Hans-Jürgen Lucas ins Gespräch zu kommen. So bleibt mir nur die journalistische Rückschau in der "Lausitzer Rundschau", die sich im Wesentlichen um die Frage dreht, was mit dieser voluminösen Sammlung zukünftig geschehen soll. Schmunzeln musste ich über die Passage "Mit dem Vorschlag, die Ortschronik dem Senftenberger Stadtarchiv zu übergeben, kann sich Hans-Jürgen Lucas indes nicht wirklich anfreunden. Da würden sie in irgendeinem Regal verschwinden. „Ich möchte aber, dass die Leute die Tafeln anschauen können. Am besten gleich vor Ort.“"

Ja, das haben Archive so an sich! Zumindest das Senftenberger. Es gibt natürlich auch andere Beispiele, in denen ein Archiv gleichzeitig als eine Art Museum fungiert oder zumindest eng mit einem solchen zusammenarbeitet und wechselnde Ausstellungen unter Einbeziehung des Archivgutes durchführt. Wie gesagt: in Senftenberg eher nicht. Und selbst wenn, wäre Großkoschen ja nur ein Teil, des über die Jahre angeschwollenen Territoriums der Stadt und müsste sich demzufolge da irgendwie einordnen.
Das Konzept der "Heimatstuben" funktioniert in meiner Wahrnehmung irgendwie auch nicht mehr so dolle. Was also machen mit dem ganzen angehäuften Papierkram und den dreidimensionalen Objekten? Ich habe darauf keine universelle Antwort. Über kurz oder lang wird wohl in jedem vergleichbaren Fall mindestens ein Teil der Sammlung in einem lokalen Archiv oder Museum landen, denn die Erben (auch meine!) haben in aller Regel kein Interesse an dem "Plunder" und die Chancen irgendwas davon "versilbern" zu können, sinken Jahr für Jahr, da es zunehmend weniger Menschen gibt, die sich für diese Thematik interessieren. Zumindest in dieser Tiefe und der Bereitschaft, Geld dafür auszugeben. Darüber können auch die Besucherzahlen vom vergangenen Wochenende in Großkoschen nicht hinwegtäuschen.
Und so wurschtelt also jeder einzelne Heimatsammler weiter vor sich hin, hegt und pflegt seine Sammlung "bis das der Tod sie scheidet". Das wird mir wahrscheinlich auch so gehen. Spätestens nach meinem - hoffentlich noch weit entfernten - Ableben wird meine Sammlung in ein entsprechendes Archiv wandern um dort in irgendwelchen Schachteln in irgendeinem Regal verstaut zu werden. Von Zeit zu Zeit wird vielleicht jemand die Kiste öffnen, das eine oder andere entnehmen, um es zu verwenden. Oder auch nicht. Ist (mir) dann aber auch egal.

Ich selbst war in den vergangenen Wochen mehrfach und nach langer Abstinenz mal wieder im Senftenberger Stadtarchiv, um besagte Kisten und Kästen nach Bildmaterial zu durchforsten. Historische Ansichskarten waren dabei erwartungsgemäß nicht zu finden aber die eine oder andere Fotografie fischte ich doch aus der Menge. Tatsächlich ähneln meine Archivbesuche häufig einem Griff in die Wundertüte. Ich finde da immer irgendwas, das ich noch nicht kannte. Selbst an Orten, die ich schon einmal geflöht hatte, tauchen unvermutet Sachen auf, die ich noch nie gesehen habe. Ohne die nette Archivleiterin, die den Überblick über die diversen Ablageorte und deren Systematik besitzt, bin ich meistens hilflos. Es ist tatsächlich nicht so einfach, irgendwas zu finden. Manchmal komme ich an einer Reproduktion oder einer Fotokopie (davon gibt es im Senftenberger Archiv für meinen Geschmack viel zu viele und ich hätte da schon längst einmal "ausgesmistet") vorbei und frage dann ganz verzweifelt "Wo ist das Original?". Im besten Fall taucht die Archivarin in die Weiten der Bestände ab und fördert tatsächlich ein/das Original zu Tage. Manchmal gelingt dies leider nicht, da das Archiv nur über eine Reproduktion verfügt.

Im nachfolgenden Fall hatte ich Glück. Erstens, daß mir in einem Papierstapel eine Fotokopie überhaupt ins Auge stach und zweitens: daß in einer Akte tatsächlich die entsprechende Vorlage zu finden war. Zu allem Überfluß hat das Stück da eigentlich nichts verloren, sondern diente wohl in den 1950er Jahren als "Schmierzettel". Die handschriftlichen Notizen auf der Rückseite versuchte ich gar nicht erst zu entziffern denn die Vorderseite war - und ist - für mich sehr viel interessanter...

Wie stylish ist denn das bitteschön? Was wir hier haben, ist ein Briefkopf, wie er (wahrscheinlich) in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre durch das Städtische Verkehrsamt Senftenbergs verwendet wurde. Da wurde ja alles was darauf schriftlich fixiert wurde zu purem Beiwerk degradiert. Der Kopf nimmt ein Viertel der Seite ein und wirkt durch die beiden Abbildungen extrem wertig.
Die verwendete Typographie weckt bei mir Erinnerungen an ein Werbeprospekt des Verkehrsamtes, welches ich vor fünfeinhalb Jahren hier vorstellte und das sich auf das Jahr 1938 fixieren lässt. Darin enthalten sind auch die beiden Abbildungen vom Schloß und dem Bagger der Pfännerschaft.
Thematisch beschäftigte ich mich damals mit den Werbemaßnahmen Senftenbergs auf dem Gebiet des Fremdenverkehrs. Der heutige Briefkopf stellt somit eine schöne Ergänzung dar und würde mit Sicherheit Eingang in die von mir ins Auge gefasste Chronik "Senftenberg in den 1930er Jahren" finden. Wenn es dann mal so weit ist.

Während wir hier wenig Zweifel haben, worum es sich handelt, sieht das bei dem zweiten Stück für heute schon etwas anders aus...

Senftenberg
Albert Heine, Cottbus
Aufnahme <= 1938
Archiv der Stadt Senftenberg
Ich fand das Exemplar, das für mein Dafürhalten ursprünglich Teil von etwas Größerem war, im Archiv der Stadt Cottbus. Die Gestaltung weist Parallelen zu unserem Briefkopf auf und die verwendete Fotografie tauchte ebenfalls in dem bereits erwähnten Werbeprospekt auf. Ob das Ganze ebenfalls etwas mit dem Fremdenverkehr zu tun hatte ist fraglich. Sicher ist nur, daß die papierne Grundlage im Vergleich zu dem Briefkopf stärker ist.
Die Verwendung der eigentlich aussagearmen Ansicht eines Tagebaus zwischen Senftenberg und Senftenberg 2, die ihrerseits aber sogar den Senftenberg-Eintrag im "Reichshandbuch der deutschen Fremdenverkehrs-Orte" (1938) illustrierte, nährt den Verdacht, daß das Ganze irgendetwas mit der touristischen Vermarktung Senftenbergs, die ihrerseits stark auf die hier vorhandenen Industriezweige und weniger auf landschaftliche Aspekte abstellte, zu tun hatte.
Gewißheit könnte man bei Auftauchen desjenigen Stückes erlangen, aus dem der rechts abgebildete Teil ausgeschnitten wurde.
Senftenberg
Aufnahme <= 1938
Stadtarchiv Cottbus