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16.04.2023
1 Kommentar

Es folgt: Eine kleine Nachlese zum 9. April.

Damit ist jedoch nicht das vorige Osterwochenende gemeint. Obwohl... ich habe mich zu den Feiertagen neben meinen familiären Verpflichtungen mit Dingen beschäftigt, die an diesem Tag in Senftenberg passierten...

Vor 90 Jahren!

Senftenberg hatte in seiner nunmehr fast 750-jährigen Geschichte viele Bürgermeister. Die wenigsten davon kamen durch eine Wahl unter den Einwohnern der Stadt in ihr Amt. Eigentlich nur drei... Klaus-Jürgen Graßhoff, Andreas Fredrich und seit einigen Wochen "Andreas der II.", Andreas Pfeiffer. Alle anderen Bürgermeister zuvor "ererbten" den Posten, wurden durch ein kleines Gremium aus mehreren Bewerbern auserkoren, oder aber schlichtweg per Anordnung "von oben" eingesetzt. Manche blieben länger, manche besetzten die Position nur kurze Zeit.
Die Zeit, die ich mir heute vorgenommen hatte, nämlich Mitte der 1930er Jahre war diesbezüglich extrem "volatil". Zwischen März 1933 und Januar 1936, also binnen nicht einmal dreier Jahre, kamen insgesamt fünf Namen ins Spiel...
Den Anfang macht dabei der vielen Senftenberg-Interessierten bekannte Hermann Lindemann, der am 20. Mai 1930 das Amt des Senftenberger Bürgermeisters antrat. Knapp drei Jahre später, die Nationalsozialisten hatten mittlerweile die Macht in Deutschland an sich gerissen, wurde der SPD-Politiker, der jedoch bereits ein Jahr zuvor aus diese Partei ausgetreten war, seines Amtes enthoben. Mit Wirkung vom 18. März wurde Lindemmann, wie man das so schön umschrieb: "beurlaubt".

Der Senftenberger Anzeiger informierte in seiner Ausgabe vom 20. März des Jahres über die Abberufung Lindemanns und die gleichzeitige Ernennung von Dr. Erich Beiche zum kommissarischen Bürgermeister Senftenbergs. Inklusive Vita des letzteren. Beiche war nicht nur Ortsgruppenführer der NSDAP sondern auch aktives SA-Mitglied. In den 20 Tagen seiner Amtszeit konnte dieser weder positive noch negative Spuren in der Senftenberger Kommunalpolitik hinterlassen. Wie Beiches späterer Werdegang verlief ist aktuell unerforscht und vielleicht auch gar nicht wichtig. Dem Anschein nach überlebte er den Krieg denn es existiert wohl noch eine Strafprozessakte deren Aktenzeichen gut und gerne auf das Jahr 1951 verweisen könnte.
Wie gesagt: 20 Tage dauerte die Amtszeit Beiches und ich komme mal so langsam zu meinen einleitenden Worten zurück: Mittlerweile schreiben wir den 7. April 1933 und der Senftenberger Anzeiger informiert die Leser wie nebenstehend ersichtlich:

Mit James Albert Wilhelm Legau, geboren am 12.06.1901 im lettischen Riga, wurde den Senftenbergern ein neuer kommissarischer Bürgermeister für ihre Stadt vor die Nase gesetzt. Legau, seit 1.3.1932 Mitglied der NSDAP (Nr. 998.317) bekleidete seit seiner Aufnahme in die SS (Nr. 48.325) am 13.7.1932 den Rang eines Stabsführers. Auf Veranlassung von Kurt Daluege "machte" der damalige Oberpräsident der Provinzen Grenzmark-Posen-Westpreußen und Brandenburg Wilhelm Kube Legau zum Senftenberger Bürgermeister. Legau war zuvor als "Sachverständiger und Referent im Landtagsbüro Daluege und im Ministerum des Innern" tätig, woraus die Einflußnahme Dalueges resultierte.
Wie aus dem Zeitungsartikel zu entnehmen, sollte die offizielle Einführung des neuen Bürgermeisters in einer bis zu diesem Zeitpunkt und für hiesige Verhältnisse nicht gekannten Art und Weise erfolgen. Zumal für einen kommissarischen Bürgermeister!
Der Senftenberger Anzeiger gibt in seiner Ausgabe vom 8. April das Programm für den nächsten Tag folgendermaßen bekannt:

Hierzu ist auf dem Marktplatz ein feierlicher Akt mit folgendem Programm vorgesehen: Im Rahmen des Hauptgottesdienstes in der Deutschen Kirche findet Kirchgang statt, an dem sich die nationalsozialistischen Formationen mit Bürgermeister Dr. Beiche, Syndikus Legau, die Magistratsmitglieder, -Beamte und -Angestellte beteiligen.
Im Anschluß an den Kirchgang versammeln sich um 11 Uhr die städtischen Beamten und Angestellten im Magistrats-Sitzungszimmer. Um 11.15 Uhr findet auf dem Marktplatz Flaggenparade statt, wobei die Schutzstaffel, Sturm-Abteilung, die Hitler-Jugend und die Frauen-Organisation Parade-Aufstellung nehmen. Auf dem Marktplatz hält sodann Bürgermeister Dr. Beiche eine Ansprache. Syndikus Legau steht bei dem Akt auf dem Marktplatz in der Reihe der Schutzstaffel, um nach außen hin seiner Verbundenheit mit der in vorderster Linie stehenden Kampftruppe Adolf Hitlers Ausdruck zu verleihen.
Nach der Ansprache des kommissarischen Bürgermeisters Dr. Beiche wird Syndikus Legau aus der Schutzstaffel beurlaubt, um dann das Bürgermeisteramt offiziell zu übernehmen und in kurzen Worten auf sein Wollen und Wirken hinzuweisen. Der feierliche Akt auf dem Marktplatz wird durch das Horst-Wessel-Lied beschlossen.
Aufruf an die Bürgerschaft.
An die Bürgerschaft wird die Bitte gerichtet, sich zahlreich am Kirchgange und an der Veranstaltung auf dem Marktplatze zu beteiligen und den Fronten des Marktplatzes durch Flaggenschmuck festliches Gepräge zu geben.

Vom Tagesordnungspunkt "...in kurzen Worten sein Wollen und Wirken..." hat sich eine Fotografie erhalten. Darauf sehen wir unter anderem zwei kommissarische Senftenberger Bürgermeister: James Legau in schwarzer SS-Uniform in der Bildmitte und Dr. Beiche in SA-Ornat am rechten Bildrand. Gleichzeitig gewinnt man einen Eindruck von der Anteilnahme der Senftenberger Bevölkerung an der Veranstaltung.
Wie groß das (verordnete) Interesse an der "Kundgebung für die nationalsozialistische Revolution" im Allgemeinen und am neuen Bürgermeister im Besonderen war, vermittelt eine komplette Zeitungsseite des Senftenberger Anzeiger, die ich der Einfachheit halber und auch aus Veranschaulichungsgründen folgend in Gänze wiedergebe:
Senftenberg
W. Theinert, Photo-Atelier Senftenberg-L.
Aufnahme = 09.04.1933
Sammlung Matthias Gleisner
Senftenberger Anzeiger (10. April 1933)
Neben einem Abriß der Vita Legaus, Eindrücken von den Feierlichkeiten sowie der Verschriftlichung gehaltener Ansprachen wartet der Text mit einer Information auf, die uns schnell noch zu einem anderen Ereignis bringt, das ebenfalls am 9. April 1933 über die Bühne ging: Nämlich eine vom Senftenberger Wirtschafts- und Verkehrsverein organisierte "Oster-Veranstaltung", die ihren Abschluß auf dem zentralen Marktplatz fand, zu dem sich ein bunter Festzug der Senftenberger Kinder bewegte.
Von dieser Veranstaltung scheint aktuell nur dieses eine hochwertige Foto zu existieren und selbiges ist auch nicht sonderlich klar in seiner Aussage. Doch mit ein wenig Intuition war es zuordenbar. Immerhin war frühzeitig klar, daß es etwas mit Ostern zu tun haben muß und auch die ungefähre zeitliche Eingrenzung war aufgrund der sichtbaren Unifombestandteile jetzt keine echte Herausforderung. Die Berichterstattung im Senftenberger Anzeiger erledigte den Rest.
Doch dies soll heute nicht mein Thema sein. Ich halte mich viel lieber noch bei den Bürgermeistern der Stadt auf...
Senftenberg
Aufnahme = 09.04.1933
Archiv der Stadt Senftenberg
Das Bad in der Menge, sowohl bei der feierlichen Amtseinführung wie auch bei der nachmittäglichen Oster-Veranstaltung (Ostern war 1933 aber erst am darauffolgenden Wochenende, also heute vor 90 Jahren) war ja schon einmal ein gelungener Auftakt für den neuen Bürgermeister Legau. Sowas hatte Senftenberg bis dato noch nicht erlebt.

Senftenberger Anzeiger (11. Juli 1935)

Ich spule den Film jetzt erst einmal vor... das Ende der Ära Legau war dann jedoch alles andere als "feierlich". Gute zwei Jahre nach seinem Amtsantritt informierte man die Bevölkerung via Zeitung über seine Entbindung als Bürgermeister der Stadt. Der links wiedergegebene 10-Zeiler war (und blieb) die einzige öffentliche Verlautbarung zu diesem Vorgang. Kein Dank, keine Anerkennung, kein "Alles Gute für den weiteren Weg". Nichts.

Was war in der Zwischenzeit geschehen, daß man so überaus schnell den Mantel des Schweigens über die Person Legaus legen wollte?
Die Informationslage ist spärlich, doch nach mir vorliegenden Dokumenten kam man von übergeordneten Stellen zu einer schlechten Beurteilung. Diese liest sich wie folgt:

Legau soll sich nicht vollständig bewährt haben. Soll 1 Auto auf Kosten der Stadt gekauft haben, soll wüten u. dergl. mehr – aber keine positiven Beweise, jedenfalls wird er für untragbar gehalten. Beschwerden sind aber nicht beim Reg.Präsidenten eingegangen, sondern sollen beim Gau sein. Er war bereits für einen anderen Bürgermeisterposten – Finsterwalde – vorgesehen; die Stadtverwaltung hat aber gebeten, davon abzusehen, sie hätte genug aus Senftenberg erfahren. Nun sollte er als Stadtrat nach Frankfurt a/O. kommen. Albrecht hat den Rat gegeben, ihn nicht zum Stadtrat, sondern zum Magistratsrat zu ernennen. Stadtrat Kube hat aber dienstlich beantragt, ihn zum Stadtrat von Frankfurt a/O zu machen, mit der Begründung, daß Albrecht damit einverstanden sei.
Legau scheint zu jung für den Posten eines Bürgermeisters zu sein. Als Stadtrat unter Aufsicht wird er voraussichtlich arbeiten können.

Aus der erhalten gebliebenen Korrespondenz zwischen Legau und seinen Vorgesetzten/Gönnern geht hervor, daß es schon weit vor Mitte 1935 Probleme in der Amtsführung des Bürgermeisters gab. In einem Bericht über die im Jahre 1933 geleistete Arbeit beschreibt Legau einerseits seine Bemühungen die finanzielle Lage der Stadt zu verbessern. Etwas, das ihm durch Einsparungen, Notstandsmaßnahmen, "Kunstgriffe" oder Einbeziehung der lokalen Wirtschaft gelang. Auf der anderen Seite führt er aus, daß ... meine Stadträte und ich nicht immer den Dank seitens der Ortsgruppe dafür erhielten und anstatt Hilfe und Unterstützung zu bekommen, Verleumdungen und Diffamierungen ausgesetzt waren. ... Ich meine, dieser Erfolg ist selbst die Anfechtungen wert, die man von ewig negativen Kritikern, die sich leider in unseren eigenen Reihen befinden, einzustecken hat. ... Es ist wirklich nicht leicht, sich hier in Senftenberg zu behaupten. Leider haben meine Mitarbeiter und ich in unserer Arbeit ganz allein gestanden, wir mußten und müssen uns im Gegenteil der dauernden Intrigen des kom. Ortsgruppenleiters Kretschmar erwehren, der leider bis jetzt noch nicht daran gedacht hat, positiv mitzuarbeiten, sondern seine alte bekannte Tätigkeit fortsetzt, Unfrieden zu säen und - wie er selbst sagt - sich als "Ministerstürzer" zu betätigen. Am Ende des Berichts gesteht Legau aber auch persönliche und sachliche Fehler ein und daß er Lehren für die Zukunft daraus gezogen hat. Interessant ist, daß er zu diesem Zeitpunkt (Juli 1934) bereits die Bürgermeisterstelle in Finsterwalde erwähnt.

Vor Ort in Senftenberg machten sich also die einzelnen NSDAP-Genossen gegenseitig das Leben schwer. "Nach oben", hatte Legau jedoch immer noch einen Stein im Brett und so versuchten seine Vorgesetzen, allen voran Gauleiter Wilhelm Kube, den Ex-Bürgermeister irgendwo unterzubringen. Finsterwalde wollte ihn nicht, Frankfurt/Oder auch nicht so recht, also parkte man Legau erst einmal in irgendwelchen Stäben.

Derweil suchte man in Senftenberg, während Stadtrat Hertha die Geschäfte erledigte, nach einem Nachfolger auf dem Bürgermeisterstuhl. Mitte August 1935 gab es 45!!! Bewerbungen für den Posten. Am Ende des Monats wurde es dann konkreter. Der Senftenberger Anzeiger informiert am 27. August, daß ein Regierungsreferendar der Regierung in Frankfurt a.d.O. mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Bürgermeisters unserer Stadt beauftragt worden (sei). Der neue kommissarische Bürgermeister wird in den nächsten Tagen seinen Dienst antreten..

Senftenberger Anzeiger (3. September 1935)
Mit Heinrich von Bünau gelangte ein ziemlich junger (noch jünger als Legau) Mensch und gleichzeitig "alter Kämpfer" (NSDAP-Nr. 135.517) an die Spitze der Senftenberger Stadtverwaltung. Als er am 3. Januar 1936 diesen Platz für seinen Nachfolger, und diesmal "echten" Bürgermeister, Johannes Korth (ebenfalls SA) räumte, bedankte man sich herzlich und bedauerte den Weggang des Bürgermeisters v. Bünau, dem es in kurzer Zeit gelungen sei, die Einheit von Partei und Staat innerhalb des städtischen Gemeinwesens sicherzustellen, außerordentlich.

Was den weiteren Lebensweg Heinrich v. Bünaus betrifft, findet man hier einige Informationen.

Aber auch für James Legau, dem man bei seinem Abschied keine Träne nachweinte, ging das Leben weiter. Und dabei ließ ihn das Kapitel Senftenberg selbst Anfang 1936 noch nicht los. Just für den Tag der Amtsübergabe von von Bünau an Korth war ein Gerichtstermin anberaumt, bei dem es um eine für den 6. Januar beantragte Räumung ("Exmission") der Wohnung Legaus in der Senftenberger Rathausstraße 6 gehen sollte, die dieser offensichtlich immer noch in Beschlag hielt und wofür er laut einem Schreiben "seit zwei Jahren keine Miete zahlt". Legau suchte mit folgendem Telegramm Hilfe bei Gauleiter Kube:

Am 3. September lieferte man dann erstmals einen Namen: SA-Obersturmbannführer Heinrich v. Bünau. Vier Tage später folgte die Nachricht über die Amtseinführung von Bünaus (siehe unten). Welch krasser Unterschied zu der Berichterstattung aus dem April 1933.
Senftenberger Anzeiger (7. September 1935)
Kube eskalierte die Sache bis zum Reichsführer SS Heinrich Himmler. Selbiger versprach: Ich werde mich um die Angelegenheit des Legau annehmen und versuchen, ihn irgendwo unterzubringen. Allerdings werde ich die Angabe von ihm, dass seine Frau krank sei, die ja vom Regierungspräsidenten angezweifelt wird, einmal nachprüfen, um festzustellen, ob Legau die Wahrheit spricht oder nicht.

Wie die Geschichte mit der Zwangsräumung und ggf. einem "Titel" für Legau wegen nicht gezahlter Miete ausging, ist unbekannt. Karrieretechnisch ging es ab Herbst 1936 für ihn deutlich aufwärts. Mit Wirkung vom 8. September 1936 trat er die Stelle des (diesmal: hauptamtlichen) Bürgermeisters der Stadt Höhr-Grenzhausen an. 1942 bewarb sich Legau erfolglos um die Bürgermeisterstelle in Köthen/Sachsen. Stattdessen blieb er bis Juli 1944 Bürgermeister von Höhr-Grenzhausen und avancierte danach sogar zum kommissarischen Landrat des Landkreises Alsfeld. Mit dem Zusammenbruch des 3. Reiches im Mai 1945 war aber das Ende der Fahnenstange erreicht.

James Legau starb im 53. Lebensjahr stehend am 18. Februar 1954 in Mannheim.