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Ende der 1990er Jahre erschienen mit "Drei Jahrhunderte Lausitzer Braunkohlenbergbau" (Friedhelm Schulz) und "Brikettfabriken der Lausitz" (Friedrich Knauth) zwei Publikationen, die sich mit der wechselvollen Geschichte der Braunkohleförderung und -brikettierung in unserer Gegend befassen. Während Schulz in seinem Buch einen ganzheitlichen Ansatz in Form eines zeitlichen Abrisses von 1625 bis 1998 verfolgte, spezialisierte sich Knauth in seiner Broschüre auf die Historie der Brikettfabriken der Lausitz. Er listete mehr als 100 Fabriken, die in unserem Gebiet in der Zeit von 1866 bis 1998 existierten, auf und illustriert die eine oder andere auch mit historischen Ansichtskarten.
Aus der Folgezeit sind mir keine weiteren Veröffentlichungen dieser Art und auf unser Gebiet bezogen bekannt. Zwar erschienen von Zeit zu Zeit Beiträge im "Kippensand", die sich dieser Thematik verpflichtet fühlen, doch aus meiner bescheidenen Sicht haben diese sehr schnell das Level der Populärwissenschaft hinter sich gelassen und sind zuweilen nicht ohne Fachkenntnisse und/oder beiliegendes bergmännisches Wörterbuch konsumierbar.
Das bedeutet, daß die beiden oben genannten Werke aktuell "das letzte Wort" in Sachen Entwicklung des Lausitzer Braunkohlenbergbaus in gedruckter Form darstellen. Leider! Denn eigentlich ist die Quellenlage zwanzig Jahre später eine andere, nämlich viel bessere, die es rechtfertigen würde, daß mal "jemand" das Ganze auf eine höhere Qualitätsstufe heben könnte. Persönlich fände ich dieses Unterfangen lohnenswert nur diesen "jemand" zu finden, gestaltet sich bestimmt schwierig.
Gerade die Geschichte der kleineren Unternehmungen aus den Anfangsjahren, als auf diesem Gebiet so ein bisschen "Wild West" herrschte, wurden bislang aus unterschiedlichen Gründen nicht immer vollständig und fehlerfrei dargestellt. Jeder kennt die Ilse Bergbau AG, vielleicht auch die AKW, die Pfännerschaft oder die NKW. Wie sieht es aber zum Beispiel mit den Hörlitzer Werken aus?

Am 24. Februar 1888 meldete die Firma G.Hartwig & Co. die "Hörlitzer Werke" bei der Bergbehörde an. Im Laufe des Jahres schaltete die Firma Inserate in der Lokalpresse, mit denen man Personal für den Kohlenabbau, sowie für die Verarbeitung der Kohle suchte. Ob bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eine Brikettfabrik zu dem Unternehmen gehörte, lässt sich daraus nicht sicher ableiten. Ich halte es sogar für sehr unwahrscheinlich.

Senftenberger Anzeiger (12. September 1888)
Wie so oft, wird der Kohlenabbau zunächst im Tiefbau durchgeführt worden sein. Oder aber das auszubeutende Kohleflöz lag direkt unter der Grasnarbe, so dass man mittels Spaten und Schubkarre an den begehrten Rohstoff gelangte. Den ersten "echten" Tagebau meldete die Firma erst im Jahr 1895 an. Ein zweiter folgte ab 1896. Wahrscheinlich war zu diesem Zeitpunkt der erste erschöpft bzw. mit der zur Verfügung stehenden Technik nicht mehr rentabel auszubeuten.

Wo befand sich aber nun der Tagebau und (früher oder später) die zugehörige Brikettfabrik? Ein Blick auf ein Messtischblatt aus dem Jahr 1904 verdeutlicht die damalige Situation...

Demzufolge befand sich die Brikettfabrik ca. 1 km nördlich des Dorfes Hörlitz. Der zugehörige Tagebau lag nochmals knapp einen Kilometer in nordwestlicher Richtung entfernt.

Ungefähr aus dem selben Jahr wie das Kartenwerk stammen die so ziemlich einzigen mir bekannten Fotografien, die sich den Hörlitzer Werken zuordnen lassen.

Senftenberg
Briketfabrik Hörlitz
W.E. Schlemm & Co., Charlottenburg
Aufnahme <= 1907
Digitale Sammlung Matthias Gleisner
Senftenberg
Tagebau Hörlitz
W.E. Schlemm & Co., Charlottenburg
Aufnahme <= 1907
Digitale Sammlung Matthias Gleisner
Wir verdanken diese zwei Aufnahmen den Niederlausitzer Kohlenwerken (N.K.W.), die diese in einer heute ziemlich schwer zu findenden Unternehmenschronik aus dem Jahr 1907 veröffentlichten.
Die NKW waren ursprünglich in Fürstenberg/Oder beheimatet und starteten 1858 unter ähnlichen Voraussetzungen wie die Hörlitzer Werke ihr Unternehmen. Damals noch unter dem Namen "Präsident bei Schönfliess" begann man in der dortigen Gegend Braunkohle zu fördern und örtliche Abnehmer wie Brennereien und Ziegelein mit dem Brennmaterial zu beliefern. Später erweiterte man den Kreis der Abnehmer unter Zuhilfenahme des Wasserwegs. 1886 baute man eine Brikettfabrik in direkter Nachbarschaft des gerade realisierten Oder-Spree-Kanals und hatte somit sehr kurze Verladewege der Briketts in die Kähne, die von Fürstenberg aus die weitere Umgebung ansteuerten.
Bereits 1882 hatte man Größeres auf dem Plan und wandelte die alte Grubengesellschaft "Präsident" in eine Aktiengesellschaft um, der man den wohlklingenden Namen "Niederlausitzer Kohlenwerke AG" verpasste. Der Name war gleichzeitig Programm denn Ende der 1890er Jahre ging man auf Einkaufstour in der Niederlausitz. Am 1. Januar 1898 erwarb man die Zschipkauer Werke. Mit den ebenfalls einverleibten Montanwerken F.W. Krause & Co. in Klettwitz gehörten plötzlich 3 weitere Brikettfabriken zum Unternehmen. 1899 erwarb man die Grube Consul bei Pulsberg, 4 km von Spremberg entfernt.
Etwa in dieser Zeit gerieten die Hörlitzer Werke ins wirtschaftliche Trudeln und gerieten so in den Fokus der auf Expansion ausgerichteten NKW. Im Juni 1903 brachte der Senftenberger Anzeiger folgende Notiz:

Hörlitzer Flur, Sicherem Vernehmen nach wird das hiesige Braunkohlenwerk mit Brikettfabrik in den Besitz einer Aktiengesellschaft übergehen. Der frühere Besitzer, Herr Bankier Sternberg, wird seine sämmtliche Besitzungen hier und anderweitig durch Verkauf abtreten.

Zu diesem Zeitpunkt war also schon keine Rede mehr von Hartwig & Co.. Möglicherweise hatten die Hörlitzer Werke in den Jahren zuvor bereits den Besitzer gewechselt.

1904 hinterfragte das Berliner Handelsblatt bezüglich der Avancen der NKW deren Sinnhaftigkeit:

... In Fachkreisen ist allgemein bekannt, dass Hörlitz schon Kohlenmangel und höchstens noch auf ein bis zwei Jahre Felder zur Ausbeute hat. Wäre dieser Hörlitz-Kauf wirklich ein Vorteil für die Aktionäre, die danach garnicht gefragt wurden, so hätte man gewiss schon Mitteilungen der Gesellschaft in der Zeitung gelesen.

Die gewünschte Pressemitteilung der NKW folgte einen Monat später:

Nach Ablauf des Berichtsjahres, und zwar im April d.J. haben wir auf Grund des Aufsichtsratsbeschlusses vom 18. März 1904 die Hörlitzer Werke zu einem Kaufpreis von 300 000 M. erworben. Zu dem Werke gehören eine Braunkohlengrube (Tagebau), sowie eine Brikettfabrik mit drei Pressen und einer Leistungsfähigkeit von cirka 3600 Doppelwaggons pro Jahr. Die Qualität der dort fabrizierten Briketts ist eine vorzügliche; die Produktion ist für das Geschäftsjahr 1904/1905 fast vollständig verschlossen. Der Kohleninhalt der Grube beträgt nach Gutachten 14.700.00 Hektoltr. gewinnbare Kohle. Wir glauben, mit dem Ankauf der Hörlitzer Werke eine sehr günstige Acquisition für unsere Gesellschaft gemacht zu haben.

Damit war die Einkaufstour der NKW aber noch lange nicht beendet. 1905 erwarb man die Grube Alwine bei Kostebrau. Ein Jahr darauf die Grube "Unser Fritz" ebenfalls bei Kostebrau. Ebenfalls in das Jahr 1906 fällt die bis dahin bedeutendste Erwerbung, der Kauf der Grube "Viktoria 1" zwischen Groß-Räschen und Senftenberg mit Tagebauen und Brikettfabriken (u.a "Bertha" bei Sauo). Doch damit nicht genug. Es folgten unter anderen "Alwine" und "Ferdinand" bei Zschornegosda.
Die Aufschließungsarbeiten eines neuen großen Werkes, "Viktoria 3", im Gebiet des ehemaligen Skyro-Teiches nordwestlich des Dorfes Brieske wurden 1912 in Angriff genommen. 1913 übernahm man die Kux-Mehrheit der "Elze-Grubengewerkschaft Henckels Werke" bei Senftenberg und gelangte so in den Besitz der Brikettfabrik "Viktoria 2". Dem folgten der Erwerb der "Gewerkschaft Germania Särchen" mit den Gruben "Waidmannsheil" und "Waidmannsglück" sowie der Kauf des Kohlenfeldes Drochow und schließlich die Übernahme der "Clettwitzer Werke J.Treuherz" mit den zwei Brikettfabriken "Wilhelminensglück" 1 und 2. Daneben waren die Niederlausitzer Kohlenwerke auch im mitteldeutschen Revier auf Übernahmekurs (z.B. Deutzen in Sachsen).

Mit ihrem expansiven Gebaren entwickelten sich die NKW in unserer Region zu einem der ganz großen Akteure auf dem Markt. Doch durch die "Arisierung", also die quasi Enteignung jüdischen Eigentums, die in den späten 1930er Jahren Fahrt aufnahm, fand die erfolgreiche Geschichte des Unternehmens ein jähes Ende. Zum 1. Dezember 1938 erlosch die Firma Niederlausitzer Kohlenwerke AG und es erfolgte eine Neueintragung als Kohlengruben Gesellschaft mbH. Danach wurden die Betriebe in der Lausitz nicht mehr lange weitergeführt sondern sukzessive an andere in der Region tätige Unternehmen veräussert.
Der Teil der "Hörlitzer Werke" war zu diesem Zeitpunkt schon ca. 15 Jahre Geschichte. Mitte der 1920er wurde die Brikettfabrik abgerissen...

Fabrikruine Hörlitz