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Ich hatte am vergangenen Samstag gerade die Aktualisierung meiner Internetseite abgeschlossen, da erreichte mich ein Telefonanruf. Die Botschaft, die ich vernehmen musste, traf mich völlig unvorbereitet und mitten in die Magengrube: Norbert Jurk, mein Weggefährte der letzten zehn Jahre auf den Spuren der Senftenberger Heimatforschung, war zwei Tage zuvor verstorben... Von jetzt auf gleich. Gerade noch da. Und dann einfach weg... Ich kann es noch immer nicht begreifen.

Mit gerade einmal 60 Jahren riss ihn der Tod aus seiner Familie. Doch nicht nur seine Frau, seine Kinder und Enkel müssen diesen unumkehrbaren Einschnitt hinnehmen und verkraften. Nein, auch Senftenberg, die Stadt für deren Geschichte er den größten Teil seines Lebens gebrannt hat wie kaum ein Zweiter, erleidet mit seinem viel zu frühen Ableben einen riesigen Verlust.

Es war vor ziemlich genau 10 Jahren, Ende Oktober 2011, als ich Norbert persönlich kennenlernte. Bis dahin waren wir quasi unbekannterweise Rivalen um die besten Stücke bei Ebay und Co.. Norbert hatte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Bücher über Senftenberg veröffentlicht und das Erscheinen des dritten stand kurz bevor. Ich hingegen hatte gerade meine ersten öffentlichen Gehversuche heraus aus der Anonymität des bloßen Ansichtskartensammelns gemacht und suchte nach Materialsponsoren. Irgendwie kamen wir per Email in Kontakt und kurze Zeit später saß Norbert mit einer Einkaufstasche voller Ansichtskartenalben in meinem Arbeitszimmer. Völlig unkompliziert und bodenständig, witzig und überhaupt nicht der abgehobene Heimatforscher, der alles besser weiß und für den alle anderen sowieso keine Ahnung haben. Ausgesprochen kooperativ und dennoch wohltuend zurückhaltend. Definitiv kein Lautsprecher oder Dampfplauderer. Das war mein erster Eindruck von Norbert, der sich über die nächsten zehn Jahre auch nicht mehr wandelte.
Er öffnete mir in jenem Oktober nicht nur seine umfangreiche Sammlung sondern gab mir zugleich wertvolle Hinweise, wo ich noch suchen oder wen ich fragen könnte. Seine Quellen und Kontakte klapperte ich danach noch einmal selbst ab. Und fand bei dieser Gelegenheit die eine oder andere weiterführende Spur zu meinem, aber auch zu Norberts Vorteil. Die Bücher, die er in den Folgejahren veröffentlichte, beinhalteten in steigendem Maße auch Material, das aus meiner eigenen Sammlung stammt oder das ich organisiert hatte. Auf der anderen Seite versorgte Norbert mich fortwährend mit Dokumenten und Bildern, die er seinerseits irgendjemandem aus dem Kreuz geleiert hatte. Man kann sagen, daß wir uns hervorragend ergänzten.
Und doch blieben wir irgendwie Rivalen. Wir konkurrierten zwar nicht mehr um Ansichtskarten bei den einschlägigen Internet-Auktionen (diese Erfolge gönnte er mir zunehmend) aber wir verrieten uns auch nicht alles! Zumindest nicht sofort. Rückblickend betrachtet war es wohl so ein kleiner Konkurrenzkampf zwischen uns, wer den jeweils anderen am meisten beeindrucken konnte... Mit irgendeiner spannenden Geschichte oder mit ultra-seltenem Bildmaterial, das einer von uns aufgestöbert hat. Ein freundschaftlicher und harmloser Wettbewerb zwischen zwei Männern mittleren Alters. Letztlich zum Wohle der Senftenberger Heimatforschung.
Dieser Wettbewerb ist nun jäh beendet. Und es gibt keinen Sieger! Nur Verlierer... Norbert verlor die Möglichkeit alle seine Zukunftspläne, ob im Privaten oder auf dem Feld der Senftenberger Heimatforschung, noch zu realisieren. Seine Familie verlor einen treusorgenden Ehemann, Vater und Großvater. Ich verlor meinen "Sparringspartner" und die hiesige Heimatforschung verliert mit Norbert Jurk einen "Macher", einen der nicht nur rumquatscht und nie etwas zu Ende bringt, sondern jemanden, der auch das private finanzielle Risiko nicht scheute und Jahr für Jahr seine treue Leserschaft mit einem Heimatbuch erfreute und begeisterte und dabei wertvolle Grundlagenarbeit zur Senftenberger Geschichte leistete. Nach dem Buch war für ihn zugleich vor dem Buch. Jeden September präsentierte er mir einen ziemlich fortgeschrittenen Entwurf für ein weiteres Werk. Und ein ums andere mal fragte ich mich: "wo hat er das denn wieder alles aufgestöbert?"
Auch in diesem Jahr war das der Fall. Noch bis zum Schluß arbeitete Norbert fieberhaft an seiner 2021er Veröffentlichung, die den Arbeitstitel "Bilder aus der Senftenberger Sportgeschichte" trug. Sollte das Buch noch erscheinen, wäre es das vierzehnte, das ihn als Autor ausweist. Ein beeindruckender Kanon an Heimatliteratur!
Es ist kein Geheimnis, daß Norberts Veröffentlichungen niemals zu hundert Prozent "meins" waren und sind. Norbert und ich haben uns desöfteren darüber ausgetauscht. Schlußendlich gab ihm der Erfolg aber recht. In meinen Augen gab es in den Büchern die eine oder andere Unzulänglichkeit, wobei meine Ansprüche in dieser Hinsicht aber auch vergleichsweise hoch sind. Insgeheim forderte Norbert mich damit heraus. Da war er wieder: der Wettbewerb! Ich wollte es wenigstens an diesen Stellen besser machen. Letztlich ist mein Faible für digitale Bildrestaurierung und die möglichst genaue Datierung von Aufnahmen eine Folgeerscheinung seiner frühen Bücher. Danke für diesen Impuls!
Norbert und ich diskutierten häufig darüber, wie es zukünftig weitergehen könnte in Sachen Senftenberger Heimatforschung. Über theoretische Betrachtungen kamen wir aber nie hinaus. Ihn trieb das Thema mit einer anderen Art von Kraft an als mich. Während ich eher der "wir müssen erst einmal ein tragfähiges Konzept haben"-Typ bin, dachte Norbert in anderen Kategorien... Einfach mal raushauen das Ding! Der "Macher" eben.
Trotz unser Unterschiedlichkeit in manchen Dingen, befeuerte uns beide eine ähnliche Leidenschaft für die gleiche Sache. Und dies offenbar auch in einem vergleichbaren Maß an Besessenheit. Ich hätte mir gewünscht, daß wir beide in Vorbereitung auf den 750. Geburtstag unserer Stadt etwas gemeinsam auf die Beine gestellt hätten. Das Schicksal hatte anderes im Sinn.
Norbert Jurk hinterläßt eine schwer zu schließende Lücke. Ich persönlich sehe so schnell keinen adäquaten Ersatz für sein Senftenberg-Wissen, seinen Enthusiasmus für die Bewahrung der Stadthistorie, seinen damit verbundenen Tatendrang.
Verdammt Norbert, wir hätten zusammen noch so viel erreichen können!

Jeden Dezember, pünktlich zum Erscheinen seines jeweiligen Buches, stand Norbert vor meiner Tür, um mir ein Freiexemplar zu überreichen. Auf die erste Seite hatte er immer ein "Danke für die Mitarbeit!" geschrieben. Das wird mir fehlen. Und nicht nur das! Der Mensch Norbert Jurk wird mir fehlen.

Mir bleibt leider nicht viel mehr als meinerseits zu schreiben... "Danke für deine Mitarbeit! Danke für all deine Arbeit!" Ich hoffe, daß es im Heimatforscher-Himmel einen Internetanschluß gibt, damit du mitverfolgen kannst, wie ich in deinem Sinne hier unten weitermache. Alles was in deinem Kopf, deinem Gedächtnis war ist nun unwiederbringlich für uns verloren. Ich wünsche mir, daß dein Heimatarchiv, ob analog oder digital, in verantwortungsvollen Händen liegt. Vielleicht müssen wir irgendwann einmal darauf zurückgreifen.

Deiner Familie, die du zurückgelassen hast, bekunde ich mein tiefstes Mitgefühl.

Einen letzten Gruß aus Senftenberg
sendet dir Matthias