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Mir sind nur zwei historische Fotografien der Empfangshalle, dem sogenannten "Vestibül", der "Kaiserkrone" in Grube Marga bekannt. Beide erschienen auch auf Ansichtskarten. Da ich die erste davon, die gleichzeitig aber die zeitlich spätere ist, schon vor sehr langer Zeit vorgestellt hatte, dümpelte das andere Stück aus Mangel an Gelegenheit schon seit Ewigkeiten am unteren Ende meiner internen Warteschlange vor sich hin.

Senftenberg

Daß heute nun die Zeit des Wartens vorbei ist, verdanke ich einem glücklichen Zufall: Es ist noch gar nicht so lange her, da wehklagte ich, daß die zeitlich stark begrenzte öffentliche Verfügbarkeit des vollständigen Stummfilmes "Der Tunnel" gänzlich unbemerkt an mir vorüber ging. Zur Erinnerung: der Spielfilm, der auf dem gleichnamigen Weltroman von Bernhard Kellermann basiert, wurde zu großen Teilen auf Grube Marga gedreht und enthält somit die frühesten bewegten Bilder aus meiner unmittelbaren Heimat, von denen ich und wahrscheinlich der Rest der Welt Kenntnis habe.
Ich deckte die Geschichte vor mehr als 6 Jahren auf und meinen damaligen Kenntnisstand kann man hier nochmals rekapitulieren.


Senftenberg
Verl. d. Ilse-Wohlfahrtsgesellschaft m.b.H.
Grube Ilse N.-L.
R. 6152
Aufnahme <= 1914
Sammlung Matthias Gleisner
Die Veröffentlichung des Sachstandes, gepaart mit denjenigen Filmausschnitten, über die ich zu diesem Zeitpunkt verfügte, blieb nicht gänzlich unbemerkt. So hatte ich nachfolgend beispielsweise Kontakt zu einem US-Amerikaner, der sich für den Film aus gänzlich anderen Gründen als ich interessierte. Robert Wennersten, den ich kürzlich erfolglos versuchte erneut zu kontaktieren, arbeitete nämlich zum damaligen Zeitpunkt an einer Biographie über Fritzy Massary. Ein englischsprachiges Interview mit ihm zu diesem Projekt kann man (noch) hier finden.
Massary, die eigentlich Friederike Massarik hieß, war bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten eine absolute "Hausnummer" des deutschsprachigen Kulturbetriebes. Man sprach nur noch von der Massary. Neben ihrer Karriere als Operettendiva trat sie auch in einigen Spielfilmen in Aktion. Und in ihrer sehr begrenzten, 4 Titel umfassenden Filmographie, befindet sich halt "Der Tunnel", in dem sie eine Hauptrolle spielte. Nämlich die der Ethel Lloyd. Bei dieser Gelegenheit weilte die Massary (vermutlich) Anfang 1915 hier bei uns!

Faksimile einer derzeit unbekannten deutschen Illustrierten aus dem September 1915. Die Szene oben wurde aller Wahrscheinlichkeit nach auf Grube Marga gefilmt.

Jedenfalls war mir vor einigen Wochen das Glück hold und ich konnte mir eine Kopie des 2010 restaurierten Filmes sichern. Bitte nicht fragen: wie und woher?
Damit ist es mir nun möglich, die 2015 fehlenden ersten beiden Akte nach Szenen zu durchsuchen, die sicher bzw. vermutlich hier vor Ort aufgenommen wurden. In Summe sind dies ca. 2,5 bis 3 Minuten Film, die ich mit Sicherheit oder aber hoher Wahrscheinlichkeit hier verorten kann. Und jetzt muß ich mal langsam zu meinem Ausgangspunkt zurück kommen... etwas mehr als 1 Minute wurde nämlich in besagtem Vestibül der "Kaiserkrone" gefilmt! Und zwar in zwei Einstellungen. Die erste erfolgte vom oberen Ende der Treppe, die wir auf der Ansichtskarte rechts sehen. Die zweite Einstellung hingegen machte man im Parterre und zwar von (auf der Ansichtskarte) rechts nach links.

In der zweiten Einstellung begegenen uns übrigens zwei der auf der Ansichtskarte sichtbaren Bäumchen wieder. Einer davon wackelt mehrfach unmotiviert in der Gegend herum!

Wann genau die Aufnahmen auf Grube Marga stattfanden entzieht sich aktuell meiner Kenntnis. Aufgrund der erkennbaren Witterungsbedingungen ist jedoch von Ende 1914/Anfang 1915 auszugehen. Eher letzteres. Jedenfalls kam der fertige Streifen Anfang September 1915 in die deutschen Kinos...

Aus den Lichtspielhäusern
"Der Tunnel" im Astoria-Lichtspielhause. Man schreibt uns: Der Roman Bernhard Kellermanns "Der Tunnel" ist verfilmt. Gigantisches ließ der Autor seinen Helden ersinnen und erschaffen. Was Menschenwille, eiserne Energie vereint mit dem Moloch Gold, schaffen kann, ist im "Tunnel" einzig dargestellt. William Wauer hat sich an dieses Werk herangewagt, und seiner Regiekunst ist ebenfalls ein Meisterwerk gelungen. Der im "Astoria-Lichtspielhaus" zur Erstaufführung gelangende Film ist mit das größte Ereignis der Herbst-Saison für die Lichtbildbühnen. Szenerie und Darstellung, das Massenaufgebot der Mitwirkenden sind bisher durch nichts übertroffen.

Soweit das Leipziger Tageblatt vom 29. Oktober 1915 anläßlich des Anlaufens des Filmes in den Kinos der sächsischen Großstadt.
Die erwähnten Massenszenen wurden größtenteils mit Hilfe an den jeweiligen Drehorten rekrutierter Statisten realisiert. Und diese konnten sich, was den Senftenberger Anteil angeht, ab Mitte Dezember in unserer Gegend davon überzeugen, ob sie gut getroffen waren... Den Anfang machten die Apollo-Lichtspiele in Almahütte:

Almahütte, 7. Dezember. Wie wir soeben erfahren, ist es der Direktion der Apollo-Lichtspiele mit großer Mühe und außergewöhnlichen Unkosten gelungen, das großartige Filmwerk "Der Tunnel" nach dem berühmten Roman von Kellermann für den hiesigen Ort zu gewinnen. Dieser Film beansprucht weitgehendstes Interesse, sind doch die Aufnahmen zum größten Teile auf der Grube Marga gemacht.

Almahütte, 8. Dezember. Am kommenden Sonntag gelangt hier in den "Apollo"-Lichtspielen das große Meisterwerk der Filmkunst, "Der Tunnel" nach dem berühmten Roman von Kellermann, zur Aufführung. Die hochgespannten Erwartungen werden noch durch die Tatsache verstärkt, daß die Aufnahmen zum größten Teil auf der Grube Marga gemacht sind. Die Nachfrage nach Einlaßkarten ist auch bereits eine derart große, daß es sich empfiehlt, sich rechtzeitig mit nummerierten Plätzen zu versehen, auch können ganze Tische schon jetzt reserviert werden.

Almahütte, 8. Dezember. [Apollo-Lichtspiele] Das Interesse für das große Filmwerk "Der Tunnel", das am kommenden Sonntag hier mit einem erstklassigen Programm zur Verführung gelangt, wächst mit jedem Tag. Der Film ist aber auch eine großartige Kunstschöpfung, wie sie hier wohl nie wieder geboten werden wird. Die Aufnahmen auf der Grube "Marga" sind direkt erstklassig. Der Film hat bereits den ungeteilten Beifall hoher und höchster Gesellschaften gefunden. Die Direktion hat diesmal erfreulicherweise trotz der enormen Mehrunkosten von einem Preisaufschlage abgesehen.

Die Einwohner Senftenbergs und Grube Margas mussten sich noch bis Anfang Februar 1916 gedulden, bis der Film in "ihrem" Kino, dem Senftenberger Passage-Kino, gezeigt wurde...

Senftenberg, 29. Januar. Vom 1. bis 3. Februar gelangt im Passage-Kino das epochemachende Filmwerk "Der Tunnel" zur Vorführung. Dieses sensationelle sowie ergreifende Schauspiel nach dem berühmten Roman von Bernhard Kellermann wird seine Wirkung nicht verfehlen, sodaß jeder Besucher auf seine Kosten kommen wird. Es sei darauf hingewiesen, daß viel Aufnahmen zu diesem großen Filmwerk auf der Grube Marga gemacht worden sind und so mancher Besucher einen Bekannten oder Angehörigen auf dem Bild erblicken wird.

Senftenberger Anzeiger (4. Februar 1916)