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Es hat nicht viel gefehlt und dieses "Monster" würde heute über meiner Couch hängen...

Hätte ich nur ein paar Stunden früher das Angebot bei ebay-Kleinanzeigen entdeckt und wäre zudem noch weniger zögerlich gewesen, könnte dieses imposante Bild mir gehören. Doch es sollte nicht sein. Stattdessen erhielt ein anderer Käufer den Zuschlag und ich entging wohl endlosen Diskussionen mit meiner Frau, wieso, warum und weshalb und ob überhaupt dieser "Schinken" den Komfort unseres Wohnzimmers heben sollte.
Glück im Unglück: der Erwerber des Rahmens, der mit Außenmaßen von 112 mal 96 Zentimetern zu Buche schlägt, war ein Vertreter des Senftenberger Vereins für Heimatpflege - 1909 e.V. und brachte das Unikat nach 130 Jahren wieder an seinen Ursprungsort. Somit fand es "irgendwie" auch den Weg zu mir, wenn auch nur in Form digitaler Fotos. Ich sage mal so: ich hätte nicht gezögert, das Bild zu öffnen. Schon allein um die verschmutze Glasscheibe von innen zu reinigen und einige lose Bestandteile zu entfernen. Im vorliegenden Fall war dies jedoch keine Option, womit die digitale Abnahme der einzelnen Motive schwerer fiel. Immerhin mussten Reflexionen der Glasscheibe vermieden werden. Glücklicherweise konnte ich Steffen Rasche (www.raschefoto.de) gewinnen, diesen Part mit Hilfe professioneller Technik zu übernehmen, was er unter den gegebenen Umständen meisterlich realisierte.
Meine Aufgabe bestand wie so oft darin, die Grafiken digital zu restaurieren. Etwas, daß zwar aufgrund der 11 Einzelmotive etwas zeitaufwändig war, sich jedoch bei jedem einzelnen Motiv im wesentlichen auf die gemalten Bestandteile (Himmel, Umrandung, Beschriftung) beschränkte.

Worum handelt es sich nun eigentlich konkret? Wir haben hier eine rahmenfüllende Platte mit 11 Aussparungen (16 x 14 cm, 18 x 15 cm, 30 x 19 cm) in denen jeweils so etwas wie ein Diorama eingefügt ist. Jedes Diorama zeigt eine Ansicht aus dem Senftenberg des Jahres 1889. Gefertigt sind die Darstellungen zum größten Teil aus Kork. Es finden aber auch noch andere Materialien Verwendung. Wenn ich ehrlich bin, zweifelte ich bis vor kurzem an der im ersten Moment lancierten "Kork-Version". Dies war nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, daß das Bild nicht geöffnet werden durfte und man somit keine Probe entnehmen konnte. Außerdem sieht das, was ich auf den digitalen Vergrößerungen erkennen kann, teilweise nicht nach Kork aus. Zumindest das was ich mit Kork verbinde. Letztlich mußte ich aber einsehen, daß ich damit auf dem Holzweg war, denn bei der Suche nach Hintergrundinformationen, wurde schlußendlich klar herausgestellt, daß es sich in der Tat um Kork handelt...
Die Arbeit, die zweifellos einige Zeit in der Herstellung in Anspruch nahm, stammt definitiv aus dem Jahr 1889, so wie es aus Beschriftung hervorgeht. Durch die Darstellung des im Bau befindlichen Krankenhauses war sie damals sogar topaktuell: das Richtfest fand am 16. Mai 1889 statt und die Ansicht dürfte mehr oder weniger den Stand an jenem Tag darstellen.
Während ich mit 10 der Darstellungen klar komme, sprich im Rahmen des mittels Kork Machbaren auch als stimmig und weitestgehend korrekt wiedergegeben erachte, habe ich mit dem Dampfmühlen-Motiv ein kleineres Problem. Das Mühlengebäude weist hier nicht das allseits bekannte Flachdach auf. Erfolgte an dieser Stelle nach 1889 ein Rückbau?

Es gibt die eine oder andere Schwäche hinsichtlich Perspektive und auch die Größenverhältnisse sind nicht immer korrekt. Bei letzterem finde ich die völlig aus dem Ruder laufenden Dimensionen von Verkehrsmitteln (Postkutschen, Eisenbahn) einerseits lustig, andererseits auch wieder konsequent: derartige Missverhältnisse finden wir häufig auch auf den ersten Ansichtskarten, die erst knapp 10 Jahre später auf den Markt kommen sollten, vor.

Neben der exakten Datierung des Werkes wird uns bildseitig auch der Name des ambitionierten "Herstellers" geliefert: H. Kress
Der Name sagte mir im ersten Moment erst einmal nichts. Im Einwohnerbuch des Jahres 1897 fand ich einen Hugo Kress, Kaufmann in der (damaligen) Kreuzstraße 144. Innerhalb der Gewerbe-Sektion desselben Buches taucht dieser unter der Rubrik "Putzgeschäfte" auf. Wenn es also jener Hugo Kress war, dann muß er wohl nach 1889 die Branche gewechselt haben. Denn nebenstehender Artikel aus dem Senftenberger Anzeiger vom 29. Mai 1889 liefert abweichende Informationen:

Wie dem auch sei, 1889 arbeitete Kress als Buchbinder und in dieser Eigenschaft dürfte ihm das Material Kork wohlvertraut gewesen sein, um auf Basis dieses Werkstoffes die 11 Ansichten Senftenbergs anzufertigen.
Diese folgen unten in der Großfassung und in digital restaurierter Form:

Danke an den Verein für Heimatpflege und Steffen Rasche für die gewährte Unterstützung!

Senftenberg
Senftenberg
Senftenberg
Senftenberg

Senftenberg

Senftenberg

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Senftenberg
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Senftenberg
Aufnahme <= 1889
gearbeitet von H.Kress
Sammlung Verein für Heimatpflege - 1909 e.V. Senftenberg
Detailfotos: Steffen Rasche
Digitale Restauration: Matthias Gleisner
Wie sich nachträglich herausgestellt hat, wurde der Rahmen anläßlich der 700 Jahre Senftenberg - Feierlichkeiten anno 1979 öffentlich ausgestellt. Und zwar in einem Schaufenster des Cafe Wesenfeld...