NeueresÄlteres
639 638 ♦ 637 ♦ 636 635 634 633 632 631 630 629 628 627 626 625 624 623 622 621 620 619 618 617 
639  600  550  500  450  400  350  300  250  200  150  100  50  1  
16.03.2025
1 Kommentar

Druckversion


Senftenberger Anzeiger (11. Januar 1934)
Die Ansichtskarte selbst ist auch nicht unbearbeitet. Einige der Manipulationen habe ich digital "verfeinert", so daß sie jemandem, dem das Original unbekannt ist, nicht auffallen.
Die zeitliche Bestimmung der Ansicht ist etwas schwierig da meine Ansichtskarte postalisch nicht gelaufen ist. Klar ist, daß es vor Januar 1934 gewesen sein muß. Doch ich lehne mich mal etwas weiter heraus, indem ich behaupte, daß es spätestens 1925 war als die Fotografie entstand. Das untere Ende ist eigentlich gesetzt denn Steffen Kober schrieb im "Kippensand 2023", daß der MTV im Februar 1924 einen Bauantrag zur Errichtung eines (dieses!) Vereinshauses stellte. Ob die im "Kippensand" verwendete Zeichnung, die nach einer Lichtpause aussieht, aus jenem Bauantrag stammt, geht aus dem Beitrag nicht hervor. Möglich wäre es.
Im Januar 1934 erschien im Senftenberger Anzeiger der links abgebildete ganzseitige Beitrag. Der Anlaß kommt in der Überschrift eigentlich ganz gut zum Ausdruck: es ging vorrangig um den 50. Jahrestag der Gründung des Männer-Turn-Vereins (M.T.V.) Senftenberg.
Der Zeitungstext, der neben einer Reihe von Informationen, die über das "Große und Ganze" hinausgehen und konkrete Fakten zur Entwicklung in Senftenberg liefert, erzeugte allein aufgrund der darin verwendeten Abbildung eine enorme Anziehungskraft auf mich.

Werner Forkert offerierte in seinem 1. Buch "Senftenberger Rückblicke" eine sehr ähnliche Abbildung. Wie ich heute weiß, stibitzte er sich diese aus Hans Langes Senftenberg-Chronik und da Lange in den 1970ern textlich keinen historischen Zusammenhang herstellte, war die Sache für Forkert anno 2006 offenbar auch erledigt und keine eigenen Recherchen wert.
Knapp 20 Jahre später ist es nun so weit und ich kann die, den beiden Abbildungen (Senftenberger Anzeiger, Forkert) zugrundeliegende, Ansichtskarte vorstellen. Individuelle Beschädigungen am Original beweisen, daß es sich hierbei um genau jenes handelt, das Lange damals verwendete und hernach von Forkert kopiert wurde.

Senftenberg
Photogr. u. Verlag Franz Kachel,
Senftenberg. Tel. 466
Groß-Räschen. Tel. 65
Aufnahme <= 1925
Sammlung Matthias Gleisner
Mit der Kober'schen Information machte ich mich daran, den Senftenberger Anzeiger nach Meldungen zu flöhen, die die weitere Entwicklung helfen zu dokumentieren. Dies war mühselig und auch eher semi-erfolgreich. Was konnte ich ermitteln?
So verlautet es aus einer Stadtverordnetenversammlung vom 25. Februar 1924:

... Der Männerturnverein hat seinen Sportplatz zwischen Briesker Straße und Eisenbahndamm fertiggestellt und plant die Errichtung eines Gebäudes für die Zwecke des Vereins. Er bittet in einer Eingabe um Verlängerung der Pachtzeit. Der Magistrat hat beschlossen, unter gewissen Bedingungen, z.B. unentgeltliche Ueberlassung des Platzes zu Turn- und Sportübungen der Schulen, das Pachtverhältnis bis zum Jahre 1941 auszudehnen. ...

Danach herrschte erst einmal Funkstille bis dann am 31. Mai des Jahres folgende Passage auftauchte:

Gauturnfest 1924. Jeder Einwohner unserer Stadt hat sicher mit Interesse das Entstehen des Turnplatzes vom Männerturnverein an der Briesker Str. verfolgt. Mit großer Beschleunigung eilen die Arbeiten ihrem Ende entgegen, soll doch vom 14. bis 16. Juni das Gauturnfest darauf abgehalten werden. ...

Das angesprochene "Gauturnfest" fand tatsächlich an jenem Juni-Wochenende 1924 statt. Damit einher ging die Platzweihe und die Feier zum 40jährigen Bestehen des Männerturnvereins Senftenberg. Leider ist keine Rede vom Vereinshaus. Man sollte jedoch annehmen, daß man seitens des Vereins alle Hebel in Bewegung setzte, um sicher zu stellen daß das Gebäude zum Festwochenende vollendet sei. Allein der Nachweis fehlt.
Das Turnfest litt übrigens unter widrigen Witterungsbedingungen... es regnete in Strömen. Laut Senftenberger Anzeiger liessen sich die Sportler davon aber nicht entmutigen. Leider findet sich in der Berichterstattung nicht einmal der leiseste Hinweis auf das Vereinsgebäude. Können wir es jetzt so stehen lassen, daß der Bau im Juni 1924 stand? Schwierig! Ich lasse das mal bis auf weiteres offen und hoffe auf einen zukünftigen Zufallsfund, der die Sache erhellt. An meiner Einschätzung hinsichtlich des Alters der Ansichtskarte ändert das aber erst einmal nichts.
Wir verweilen noch ein wenig beim MTV Senftenberg denn auf nebenstehender Fotopostkarte sehen wir eine Abordnung dieses Vereins. Das ist glasklar an den Emblemen auf den Trikots erkennbar. Vielleicht entdeckt ja sogar noch jemand seinen Groß- oder Urgroßvater unter den wackeren Mannsbildern in Sport-Schlüpfern. Wo die Aufnahme entstand ist unklar. Es muß nicht einmal in Senftenberg bzw. der näheren Umgebung gewesen sein. Hinsichtlich der Zeit bin ich mir mit 1928 jedoch relativ sicher.
Ausschlaggebend ist das Schild hinten links. Darauf kann man lesen: Kölnfahrer Zelt 2. Möglicherweise stand da noch ein wenig mehr darauf doch der linke Teil des Schildes wird durch den 2. Sportler in der Reihe leider verdeckt. Doch der wichtige Part ist erkennbar: nämlich das "Kölnfahrer". Angespielt wird damit auf das 14. Deutsche Turnfest, das in der Rheinmetropole Köln vom 25. bis 30. Juli 1928 stattfand. Unter den 200.000 daran teilnehmenden Turnern waren auch Sportler aus Senftenberg. Ob einige oder gar alle der hier abgebildeten 18 Sportskanonen unter den damaligen "Kölnfahrern" waren, ist wahrscheinlich nicht mehr ermittelbar.

Senftenberger Anzeiger (19. Juli 1928)
Senftenberg
Aufnahme = 1928
Sammlung Matthias Gleisner

Auf Grundlage des links abgebildeten Inserates können wir davon ausgehen, daß Mitte 1928 das Vereinsheim schon in Betrieb war. Aber dieses späte Datum stand eigentlich nicht ernsthaft zur Debatte.
Erschwerend für die Nachweisführung ist der Fakt, daß die allermeisten Ankündigungen der mehr oder minder regelmäßigen Vereinszusammenkünfte des M.T.V. auf die Örtlichkeit "Vereinslokal Schwarzer Bär" verweisen.
Aber das ist kein Ausschlußkriteritum. Vielmehr strebte man bei derartigen Veranstaltungen natürlich eine Bewirtung an. Etwas das im Vereinsheim nicht gewährleistet werden konnte, denn "Catering" hatte man dazumal noch nicht so wirklich erfunden.