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Älteres


In der vorangegangenen Woche habe ich versteckt schon die Marschrichtung für heute vorgegeben. Ich beschäftigte mich dabei unter anderem mit der Haltestelle des Stadtomnibus, die auf einem der vorgestellten Fotos zu erkennen ist. Wie dort bereits ausgeführt, erfolgte die Aufnahme des Busverkehrs in der zweiten Jahreshälfte 1928 und zwar zunächst auf 2 Routen mit folgendem Fahrplan...

Nachdem die Leserschaft des Senftenberger Anzeiger schon einige Wochen zuvor darüber informiert worden war, daß die Stadt Senftenberg mit der Pirnaischen Firma Hans Jensen einen Vertrag über den Kraftomnibus-Betrieb innerhalb des Stadtgebietes abgeschlossen hat, veröffentlichte eben jener Hans Jensen im August 1928 rechts abgebildetes Inserat in der Lokalpresse.
Zunächst verkehrte der Bus lediglich auf der Strecke zwischen dem Senftenberger Markt und dem Gasthaus Viktoriagarten. Wie man jedoch dem oben abgebildeten Fahrplan entnehmen kann, erfolgte relativ schnell eine Ausweitung der Route in Richtung Senftenberg 2 und Grube Marga.
Zur Sicherstellung des Betriebs kamen 3 Personenautobusse mit jeweils 12 Sitz- und 8 Stehplätzen zum Einsatz, wobei die Inbetriebnahme gestaffelt am 1. August, 1. September und 1. Oktober erfolgte.
Einen Eindruck, wie diese Busse aussahen, konnte man schon in der Vergangenheit auf der einen oder anderen kommerziellen Ansichtskarte erhalten und auch in einigen Filmsequenzen ist einer der Busse sogar in Bewegung zu sehen. Alles hier auf www.gruss-aus-senftenberg.de zu finden.
Heute folgen zwei Fotografien, die das Ganze noch etwas abrunden. Wie beispielsweise diese hier:

Senftenberg
Aufnahme <= 19??
Sammlung Martin Schertzberg
Einige Hintergrundinformationen zu dieser Aufnahme wurden bereits 1979 in der Lausitzer Rundschau unter der beliebten Rubrik Das historische Foto publiziert. Die Version des Bildes, die ich heute vorstellen kann, ist qualitativ um einiges besser als das Zeitungsfaksimile, wobei ich davon ausgehe, daß mir auch kein Original zur Verfügung steht. Die Aufnahme ist ein wenig unscharf, was auf Abfotografieren (eine beliebte Art der Vervielfältigung in den pre-digitalen Zeiten) hindeutet. Ist aber immer noch besser als nichts!

Was den zugehörigen Text betrifft, kann ich bestätigen, daß die darin genannten Experten richtig lagen. Es ist tatsächlich ein "Chevrolet", wobei Chevrolet selbst wahrscheinlich gar keine derartigen Busse baute. Es könnte sich also um eine individuelle, wenn auch professionelle, Sonderanfertigung auf Basis eines Chevrolet Capitol der 1927er-Modellreihe gehandelt haben. Dies würde mit den technischen Daten (2.8-Liter, 26 PS) in etwa mit dem übereinstimmen, was die LR einst schrieb. Das mit Gas betrieben verdamme ich genauso in das Reich der Mythen wie die 14 Stehplätze. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, daß 26 Personen im Fahrgastraum Platz fanden...
Den Namen des Fahrers, Max Buder, kann ich weder bestätigen noch widerlegen.

Der Name des nächsten Herren, der sich ebenfalls vor einem der drei Busse ablichten ließ, ist völlig unbekannt. Mit Sicherheit war es kein Fahrer, denn die trugen Uniform, sondern vielmehr irgendeine Privatperson, die es für angebracht hielt, sich gemeinsam mit dem Fahrzeug, bzw. dem größten Teil desselben, fotografieren zu lassen.

Senftenberg
Aufnahme <= 19??
Sammlung Norbert Jurk
Anläßlich der Inbetriebnahme der ersten Busline Marktplatz - Viktoriagarten erschien im Senftenberger Anzeiger ein Loblied auf die neue Errungenschaft mit weiteren Details (übrigens auch zur Fahrgastkapazität), das ich nachfolgend in Gänze wiedergeben möchte...

Marktplatz - Viktoriagarten:

10 Minuten

Neuer Stadt - Omnibusverkehr.

Senftenberg, 2. Aug.

Ab heute morgen verkehrt ein Stadtomnibus zwischen Marktplatz und Viktoriagarten in halbstündigem Zwischenraum. Fahrpreis für die halbe Strecke 10 Pfg. für die ganze Strecke 20 Pfg.

Um den Ansprüchen der Senftenberger Bevölkerung und den Durchreisenden gerecht zu werden, hat die Pirnaer Firma Hans Jensen ab heute einen Autobusverkehr zwischen Marktplatz und Viktoriagarten eröffnet. Vorläufig verkehrt ein Omnibus in

halbstündigem Pendelverkehr

von morgens 6,15 Uhr bis abends 21,45 Uhr. In den nächsten 3 bis 4 Wochen folgen dann die beiden Verbindungslinien Marktplatz - Senftenberg 2 (Gasthaus Eiche) und Marktplatz - Grube Marga (Gasthaus Kaiserkrone)

*

Es gibt keine wackligen Pferdedroschken mehr. Wozu sollte man heute im Zeitalter der Technik und des Motors (auf den kommt es nämlich hier an) auch noch einen Omnibusverkehr mit Pferdegespann haben, wie er mir noch aus der Anfangskriegszeit in Berlin in guter Erinnerung steht. Das Pferd ist heute für den schnellen Personenverkehr "lahm gelegt", denn Motor und Elektrizität haben das letzte Zugtier verdrängt.
Der 1. August war ein seltener Tag für Senftenberg. Einweihung der neuen Autobuslinie durch die Offiziellen: Bürgermeister Seedorf, Magistratsvertreter, Stadtverordnete und die Presse hatten sich um 3 Uhr zu einer Probefahrt auf dem Marktplatz versammelt. Vor kurzem schon hat der "Senftenberger Anzeiger" von früheren Versuchen eines Omnibusverkehrs (allerdings mit Pferdekräften - im wahrsten Sinne des Wortes - noch) berichtet. O, welche Veränderungen der Zeiten!

Während wir für unsere beiden Omnibus-Ansichten wenige bis überhaupt keine Anhaltspunkte bezüglich ihrer Verortung haben, sehen wir auf der dritten Fotografie für heute ziemlich genau, wo diese entstand. Noch dicker kann man die Hausnummer der Bahnhofstraße 18 eigentlich nicht ins Bild holen.

Der junge Mann, dessen Namen wir nicht kennen und von dem wir auch nicht wissen, ob er vielleicht gerade dem Senftenberger Stadtomnibus an der Haltstelle "Postamt" entstiegen ist, ließ sich (mit Sicherheit nach 1927) vor dem Geschäft von Georg Messenbrink ablichten.
Selbiges war Anfang Oktober 1920 an dieser Stelle eröffnet worden.

Ein helles, freundliches Gesicht - innen und außen - wählte der neue Omnibus. Er ist besonders stolz, der 20 Personen fassende Omnibus, auf sein freundliches Aussehen. Gute Ventilation und gute Beleuchtung. Auch die bekannten Lederpolster, von denen man sich kaum mehr trennen möchte.
Um 3 Uhr also war ich hingegangen, die Strecke der neuen Linie abzufahren. Ich stellte hierbei als erstes fest, daß unser Wagen (sagt man nicht immer so, wenn man auch nur fünf Minuten Platz genommen hat?) beim Senftenberger Publikum schon größtem Interesse begegnete. Warum? Weil sein Anblick im Straßenbild neu ist? Oder weil man die Senftenberger Obrigkeit darin erkannte? Das ist ganz gleich; jedenfalls wird sich die neue Einrichtung bald viele Freunde erworben haben. Selten ist eine Stadt so auseinandergezogen wie gerade Senftenberg. Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns den zeitraubenden Weg von der Innenstadt durch die Bahnhof- und die Calauer Straße zu ersparen. Arbeiter, Angestellte, Reisende und wer sonst dazu Lust verspürt, können jetzt für einen oder zwei Groschen manche Annehmlichkeit - besonders auch bei schlechtem Wetter, wie gerade am heutigen Eröffnungstage - haben. Und später gar von Senftenberg zu seinen Schwestergemeinden: Senftenberg 2 und Marga, wo der Verkehr - wie in dieser Zeitung schon dargelegt - immer größer wird. Warum hat die Stadt nicht schon eine derartige Verkehrsverbesserung aufnehmen können? Erst muß ein Unternehmer aus Pirna kommen. (Herr Jensen unterhält derartige Omnibusse schon in Staaken, Bautzen und Pirna.)
Erste Haltestelle: Postamt. Gelbe Stangen mit einem die Aufschrift "Stadtomnibus Senftenberg" tragenden Schild weisen auf die Ein- und Aussteigeplätze. Dann geht es weiter. Überall hält der Wagen: Am Bahnhof, Krankenhaus, Grenzstraße, Waldhof und Viktoriagarten. Sieben Haltestellen also. Dann ging es auf Erkundungsfahrt nach Senftenberg 2 und Marga.
Also hat Senftenberg seinen schon lange erforderlichen Stadtomnibus bekommen. So begrüßenswert diese "Anschaffung" an sich ist, hängt letzten Endes doch alles vom Verständnis der Bevölkerung ab. Die schönsten und bequemsten Einrichtungen verfehlen ihren Zweck, wenn sie nicht benutzt werden. Wir habe lange auf eine 10-Minuten-Verbindung nach der äußersten Ecke in der Calauer Straße warten müssen. Jetzt haben wir sie aber - damit der Senftenberger sich nicht nur wundern, sondern den Omnibus auch benutzen soll.
H. Tr.

Senftenberg
Aufnahme <= 19??
Sammlung Kathrin-Janette Bleisch